Als wir alle noch zwanzig Jahre jünger waren, drehte der niederländische Regisseur George Sluizer einen Thriller mit dem Titel „Dark Blood“. Nachdem der Außendreh in der Wüste von Utah abgeschlossen war, standen nun die Studioaufnahmen in Hollywood auf dem Plan. Elf Tage vor Abschluss der Dreharbeiten führte sich sein Hauptdarsteller River Phoenix einen unverträglichen Mix von Drogen zu, brach vor dem „Viper Club“ von Johnny Depp zusammen und starb in den Armen seines Bruders Joaquin. Das war’s mit „Dark Blood“.

Die Versicherung zahlte sieben Millionen Dollar für den Ausfall der Produktion und lagerte das Material ein. Es kam zu einem Prozess zwischen der Versicherung und den Produktionsfirmen, die sich nicht ausreichend entschädigt sahen, und um die Kosten nicht auch noch durch die Lagergebühren ausufern zu lassen, beschloss die Versicherung, die siebenhundert Kilogramm 35-mm-Film zu verbrennen. Als Sluizer davon hörte, organisierte er Leute, die für ihn das Material aus dem Lager entwendeten; die Versicherung war froh, das Problem jetzt los zu sein und verzichtete auf Strafverfolgung. Aber was soll man anfangen mit einem Film, der, nach Sluizers Angaben, lediglich zu achtzig Prozent fertig und insbesondere die Innenaufnahmen betreffend zum Fragment verdammt war?

Fragmentarisch, aber funktionsfähig

Als Sluizer 2011 durch eine ärztliche Diagnose selbst damit konfrontiert wurde, nicht mehr lange zu leben, nahm er sich das Filmrollen wieder vor, um irgendwie eine vorführbare, geschnittene und abgemischte Version zu erstellen. Familie Phoenix verweigerte jede Unterstützung, auch Joaquin, angefragt, die fehlenden Passagen zu sprechen, lehnte ab. So spricht nun Sluizer selbst, zu Standbildern des vorhandenen Materials, die zum Verständnis unbedingt notwendigen Drehbuchpassagen. Viel ist es nicht, es gibt vielleicht sechs oder sieben derartige Lücken. Man sieht einen fragmentarischen, aber funktionsfähigen Film. Nach seiner Uraufführung in Utrecht im letzten September, lief der Film jetzt außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale.

Dass „Dark Blood“ trotz seiner Ausfälle spannend ist, spricht für seine erzählerische Substanz. Das Schauspielerpaar Harry und Buffy (Jonathan Pryce und Judy Davis) macht im alten Bentley eine Reise durch die Wüste. Das Auto bricht mitten im Sand und anscheinend außerhalb jeder Ansiedlung zusammen. Wäre da nicht der junge einsame Mann namens Boy (River Phoenix), der einige hundert Meter hinter dem Hügel wohnt, hätten die beiden wohl vor Hitze und Durst keine Überlebenschance. Er verspricht, die beiden ins nächste, achtzig Kilometer entfernte Dorf zu bringen.

Doch Boys Hilfsbereitschaft ist nicht von der uneigennützigen Art. Buffy gefällt ihm gut, und alsbald beginnt er den angekündigten Transport ins Dorf zu hintertreiben und sich der Frau zu nähern, während er den arroganten Harry beim Jagen in der Wüste stehen lässt.

„Dark Blood“ scheint Thrillern wie „Kalifornia“ oder „U-Turn“ aus derselben Zeit nahe zu stehen. Eine gewisse Tiefe gewinnt der genrehafte Stoff durch seinen Hintergrund: Die Wüste, in der Boy so einsam haust, ist von Atomtests verstrahlt, und Boy selbst ist ein halber Indianer, und seine indianische Frau ist an der Strahlenkrankheit gestorben. Seitdem wird Boy von apokalyptischen Ängsten geplagt. Er hat sich einen Bunker eingerichtet mit Geisterfiguren, in den er sich am Ende der Zeit zurückziehen möchte; Buffy wäre die Frau, mit der er sich einen Neuanfang vorstellen könnte. Sie und ihr Mann indes gehören jenen Weißen an, die das Unheil gebracht haben – dass in der Wüste das Herrschaftswissen neu verteilt wird und der Indianer plötzlich besser angepasst ist als der technologisch fixierte weiße Mann, gibt der Situation ihre zeitkritische Brisanz.

Einsamkeit verformt

Entsprechend hat River Phoenix diesen Boy auch nicht als psychopathischen Irren angelegt. Einen „sanften, begabten“ Schauspieler nennt Sluizer Phoenix in seiner Erklärung zu Beginn des Films. Und in der Tat liegt etwas Sanftes in Phoenix’ Darstellung dieses zu ungemeiner Brutalität fähigen jungen Mannes. Wohl sieht man bis in seinen Gang hinein, wie die Einsamkeit diesen Menschen verformt hat; in den Nächten heult er mit den Kojoten in der Ferne. Aber hinter aller Grausamkeit liegt die undurchdringliche Melancholie eines gewaltsam an den Rand des Untergangs gedrängten Volks und seiner Kultur. Dank dieser hintergründigen Darstellung wird deutlich, dass Boys Handlungen zwar verbrecherisch sind, dass ihnen jedoch eine starke Moral zugrunde liegt. Und „Dark Blood“ beweist eindrücklich, was nach dem Tod des 23-jährigen River Phoenix alle wussten: Dass Hollywood mit ihm eine große Begabung verloren hat.

In manchem wirkt „Dark Blood“ heute altmodisch, in seinen langen Einstellungen, seiner Weiträumigkeit, seiner darstellerischen Dezenz. Sluizer war mit seinen sechzig Jahren schon damals kein junger Mann mehr. Aber das postapokalyptische Szenario des Films, der Zusammenstoß der weißen und indigenen Kultur, die Hilflosigkeit westlicher Arroganz wirken heute bedeutungsvoller, brisanter und aktueller als damals, als die Welt noch 20 Jahre jünger war.

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Dark Blood15. 2.: 12.30 Uhr,

Friedrichstadt-Palast & 20.45 Uhr,

Haus der Berliner Festspiele;

17. 2.: 21 Uhr, Friedrichstadt-Palast.