Parana River, Grenze zwischen Brasilien und Paraguay.
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Ciudad del EsteDie erste Sprechstunde am kommenden Sonntag ist schon ausgebucht. Über hundert kleine Patientinnen und Patienten haben sich angesagt. Nächste Woche kommen noch 300 weitere mit ihren Eltern aus teilweise weit entfernten Dörfern in die kleine Stadt Ciudad del Este am Rande des Dschungels von Paraguay.

Sie hoffen auf ein neues Leben. Denn hier, direkt an der Grenze zu Brasilien, liegt eine behelfsmäßige Krankenhaus-Baracke, die sich in den nächsten zwei Wochen vorübergehend zu einem hochspezialisierten Zentrum für Plastische Chirurgie wandelt.

Kochen mit offenem Feuer

Sechs deutsche Fachärzte, die Hälfte von ihnen aus Berlin, werden hier zusammen mit zwei ebenfalls angereisten Schwestern und drei Helfern kostenlos Eingriffe durchführen, die den Kindern aus bettelarmen Familien eine bessere Zukunft ermöglichen sollen.

„Wir operieren hauptsächlich Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und den Folgen von schweren Verbrennungen“, sagt Annett Kleinschmidt, Fachärztin für Plastische Chirurgie aus Charlottenburg, die den Einsatz leitet.

„Verbrennungen treten hier besonders häufig auf, weil viele Familien noch am offenen Feuer kochen. Dabei kommt es oft zu Unfällen. Die Narben der Verbrennungen schränken die Lebensqualität besonders dann erheblich ein, wenn sie sich über Gelenken bilden. Diese können dann oft nicht mehr bewegt werden und versteifen. Wir sehen auch Fälle, wo das Kinn über das Narbengewebe fest mit der Brust verwachsen ist. Das alles lässt sich aber chirurgisch gut reparieren.“

Um die kleinen Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten kümmert sich Oberarzt Jürgen Ervens von der Klinik für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie der Charité. Einen besseren Fachmann können sich die Eingeborenen gar nicht wünschen. Denn der Spezialist aus dem Weddinger Virchow-Klinikum gilt sogar bundesweit als einer der besten seines Fachs.

500 Operationen ehrenamtlich durchgeführt

„Diese angeborenen Spalt-Fehlbildungen treten genetisch bedingt in Paraguay sehr viel häufiger auf als in Berlin“, so der Experte. „Wenn sie nicht korrigiert werden, können die Babys beispielsweise nicht ausreichend an der Mutterbrust saugen und lernen nicht richtig sprechen, weil das Gehör oft nicht ausreichend funktioniert.

Die Kinder sind dann im sozialen Miteinander stark eingeschränkt und werden sehr häufig ausgegrenzt, auch wegen ihres Aussehens. Das können wir ihnen durch eine Operation ersparen.“

Der OP-Einsatz am Rande des Regenwaldes ist nicht der erste seiner Art. Diesmal steht jedoch ein Jubiläum an. Denn vor genau zehn Jahren gründete Annett Kleinschmidt das Projekt „Interplast Berlin-Paraguay“.

Seitdem haben die Berliner Ärztinnen und Ärzte bei insgesamt sechs Einsätzen in Ciudad del Este schon 500 Operationen ehrenamtlich durchgeführt. Die anfallenden Sach- und Reisekosten wurden jeweils aus Spendengeldern bestritten.

Nur 36 Betten

Im zehnten Jubiläums-Jahr sollen bei dem jetzt startenden siebten Einsatz, der vom 8. bis 23. November dauert, etwa 80 Patienten operiert werden, die über keine Krankenversicherung verfügen. „Wir sehen in den Sprechstunden etwa 400 Kinder, von denen wir diejenigen auswählen, die am meisten von einem Eingriff profitieren“, erklärt die Chirurgin.

Einsatzort ist das kleine öffentliche Krankenhaus, das lediglich über 36 Betten und zwei äußerst einfache OP-Säle verfügt, die jedoch aufgrund des Mangels an ausgebildetem Personal nur selten genutzt werden.

Die Bedingungen, unter denen die Berliner Ärzte arbeiten, sind abenteuerlich. Zwar gehört Paraguay offiziell nicht zu den Ländern der Dritten Welt. Gleichwohl warnt sogar das Auswärtige Amt in Berlin ganz offiziell vor hoher Kriminalität, unsicherer politischer Lage, bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Drogenkartellen und erheblichen Gesundheitsgefahren wie Chikungunya- und Dengue-Fieber sowie Zika-Virus-Infektionen, die alle durch Mücken übertragen werden.

Klinikausstattung in 20 Koffer

Die medizinische Versorgung in Paraguay ist (mit Ausnahme der Hauptstadt Asuncion) für den Großteil der Einwohner absolut unzureichend. Nur etwa 40 Prozent der Bevölkerung sind krankenversichert und können sich in Privatkliniken behandeln lassen.

60 Prozent jedoch verfügen über keine Versicherung. Das betrifft hauptsächlich Eingeborene und Indios aus dem Umland und dem benachbarten Regenwald. „Sie sind auf unsere Hilfe besonders angewiesen“, so Annett Kleinschmidt.

Letzte Woche hat das Team bereits gepackt: „Wir transportieren praktisch eine komplette Klinikausstattung und haben 20 Koffer mit insgesamt 460 Kilogramm Übergewicht“, sagt die Chirurgin. „Denn wir müssen alle Instrumente, Narkosemittel, Medikamente und Verbandmaterial mitbringen. Kein Gepäckstück darf zu viel wiegen.“

Jetzt hoffen Ärzte und Helfer nur noch, dass die Lufthansa auf dem Flug von Tegel nach Frankfurt nicht streikt, von wo es über São Paulo nach Paraguay weitergeht: „Das würde unsere ganzen minutiösen Planungen durcheinander bringen. Denn die Logistik eines solchen Einsatzes ist komplizierter als ein chirurgischer Eingriff.“