Berliner Ärztefunktionär: „Wir müssen wieder mehr Maske tragen“

Die Inzidenzen steigen wieder, eine Sommer-Entspannung ist diesmal nicht in Sicht. Der Senat berät am Dienstag über einen Pandemie-Leitfaden.

Badende mit Maske: Sicher ist sicher.
Badende mit Maske: Sicher ist sicher.www.imago-images.de

Es ist mehr als ein Gefühl: Immer mehr Berliner infizieren sich derzeit mit Corona. Fast jeder kennt jemanden, der mit einem positiven Test zu Hause bleiben muss. Das Virus, so scheint es, nimmt einen neuen Anlauf. Jetzt schlagen Berlins Hausärzte Alarm.

„Wir merken in der Praxis, was los ist. Vor allem heute ist es dramatisch“, sagt Wolfgang Kreischer, Hausarzt mit Praxis in Zehlendorf und Berliner Vorsitzender des Hausärzteverbandes, am Montagvormittag in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung. Von vielen Kollegen aus Berlin habe er ähnliche Nachrichten erhalten.

Kurzfristig kennt auch Kreischer keinen Ausweg aus der Pandemie. Er plädiert für strengere Regeln und für eine anhaltende Maskenpflicht. „Masken sind essenziell“, sagt Kreischer. „Sie sind der geringste Aufwand für den verhältnismäßig größten Effekt.“ Es sei dringend notwendig, zum Beispiel in vollbesetzten Innenräumen wie etwa Geschäften wieder Maske zu tragen. Doch selbst bei Veranstaltungen im Freien, bei denen nicht sicher genügend Abstand eingehalten werden könne, sollten Masken wieder Pflicht werden.

Sehr kritisch sieht Kreischer zudem den Wegfall der telefonischen Krankschreibungen seit Anfang des Monats. Das bedeutet, dass alle Infizierten, mit denen er keine Videosprechstunde abhalten könne, in die Praxis kommen. „Für uns wie auch alle Kollegen gilt: Die Praxen müssen sauber gehalten werden“, sagt Kreischer. Doch angesichts der wieder stärker steigenden Inzidenzen werde das Handling immer komplizierter. „Wir brauchen dringend eine Regelung dafür“, sagt er.

Viele infizieren sich, die meisten werden aber nicht schwer krank

Tatsächlich zeigt sich die Corona-Lage in Berlin heute weiterhin uneinheitlich. Einerseits liegt die 7-Tage-Inzidenz laut Senatsgesundheitsverwaltung inzwischen wieder bei 434,7 – das sind 100 mehr als Anfang vergangener Woche. Andererseits bewegen sich sowohl die Hospitalisierungs-Inzidenz, also die Zahl der Krankenhauseinweisungen, als auch der Wert für die Belegung der Intensivstationen auf einem Niveau, das die Krankenhäuser gut bewältigen können. Das heißt: Viele Menschen infizieren sich, die meisten werden aber nicht schwer krank.

Dennoch sind die Zahlen hoch. Am höchsten ist die Inzidenz aktuell bei den 25- bis 49-Jährigen. Erst danach kommen die Jugendlichen und Heranwachsenden, die üblicherweise die Statistiken anführen, weil bei ihnen die Impfquote niedriger ist. Selbst bei den über 70-Jährigen, bei denen die Impfquote besonders hoch ist, liegt die Inzidenz bei mehr als 150. Die Sommerruhe, die in den ersten beiden Jahren der Pandemie verzeichnet wurde, scheint also diesmal auszufallen.

Die Durchseuchung der gesamten Bevölkerung setzt sich offenbar ungebremst fort. Und für Hausarzt Kreischer bedeutet das: „Das Risiko wird immer größer.“ Eine gewisse Entspannung werde mit dem Beginn der Sommerferien in zehn Tagen eintreten, so Kreischer. Umso rapider werden die Zahlen dann nach der Rückkehr der Reisenden ansteigen, fürchtet er.

Stellt sich die Frage: Ist Berlin darauf vorbereitet? Erst vor einer Woche hat der Senat die Geltungsdauer der Corona-Basisschutzmaßnahmenverordnung bis Ende Juli verlängert. Das gibt dem Bundesland die Möglichkeit, Maßnahmen zu ergreifen, nachdem der Bund sich aus der Corona-Bekämpfung weitgehend zurückgezogen hat.

Reichen die Berliner Corona-Regeln für den Sommer? Senat will Fahrplan

Tatsächlich gelten derzeit nur an einigen Stellen des gesellschaftlichen Lebens noch virusbedingte Einschränkungen. So besteht in Bussen und Bahnen weiter Maskenpflicht. Das Gleiche gilt – mit Abstufungen – für Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. In Krankenhäusern gilt weiter Testpflicht.

Doch reicht das? Am Dienstag will Gesundheitssenatorin Ulrike Gote eine Vorlage in den Senat einbringen. Unter anderem wird die Grünen-Politikerin dann einen Leitfaden für die nächsten Wochen vorlegen. Dabei wird es auch darum gehen, welche Maßnahmen zum Schulbeginn am 22. August gelten sollen.

Hausärztefunktionär Kreischer schwant schon etwas: „Wir werden explodierende Zahlen haben.“ Vielleicht müsste es dann auch wieder Schnelltests bei Einreise geben. Auch an Schulen sei wieder eine Testpflicht möglich.