Paaren/Glien - Die AfD der Hauptstadt hat sich entschieden – und zieht in Berlin mit einem stramm rechten Team in den Bundestagswahlkampf, das vor allem für ein Thema brennt: die vermeintliche „Islamisierung“ und die Zuwanderung über Flüchtlingsmigration zu stoppen. Spitzenkandidatin des Berliner Landesverbands wurde erwartungsgemäß die bisherige EU-Parlamentarierin Beatrix von Storch. „Ich will die Islamisierung zurückdrehen!“, sagte sie bei ihrer Vorstellung. Dies sei die Schicksalsfrage der Nation. Auf dem zweiten Platz, der auch noch als sicheres Ticket in den Bundestag gilt, kam überraschend deutlich der bisherige Landesparlamentarier Gottfried Curio, ein studierter Physiker, der im Abgeordnetenhaus bereits mehrfach mit pointiert aggressiven Reden gegen Muslime und den Islam auffiel.

Die Berliner AfD-Mitglieder trafen sich am Wochenende in Brandenburg, nahe der westlichen Stadtgrenze in Paaren/Glien. Der Veranstaltungsort, die große Brandenburg-Halle, ist ansonsten ein Tagungsort für landwirtschaftliche Veranstalter. So werben rechts und links an bretterbewehrten Wänden unter anderem der Landesverband der Rassegeflügelzüchter Berlin-Brandenburg, der regionale Schafzuchtverband oder auch die Rinderproduktion GmbH für ihre Ziele. „Rind hat Zukunft“ steht auf einem Schild rechts über der Tribüne im MAFZ-Erlebnispark in Paaren/Glien im Havelland. Nebenan findet gerade eine Internationale Rassekatzenausstellung statt.

„Rote Karte gegen Rassisten“

Am Sonnabendvormittag steht der AfD-Landesvorsitzende, Georg Pazderski, vorn auf der Tribüne am Pult, um das Mitglieder-Treffen zu eröffnen. Warum die „Alternative für Deutschland“, Landesverband Berlin, nach Brandenburg reist, um ihre Bundestagsliste aufzustellen? In Berlin sind die Räume teurer und der Protest stärker, sagt einer der Organisatoren. Tatsächlich: Nur ein knappes Dutzend AfD-Gegner um den Linken-Bundestagsabgeordneten Harald Petzold steht am Eingang des Geländes. „Rote Karte gegen Rassisten“ heißt es auf einem Transparent. Eine Trillerpfeife schrillt etwas verloren über die märkische Flachebene. Petzold kündigt an, die Frage, warum das Havelland das kreiseigene „Märkische Ausstellungs- und Freizeitzentrum“ (MAFZ) an die AfD vermietet hat, im Kreistag klären zu wollen.

Drinnen gibt sich Pazderski, zugleich Fraktionschef im Abgeordnetenhaus von Berlin, selbstbewusst, trotz der seit einigen Wochen sinkenden Umfragezahlen für seine Partei in Land und Bund: „Der Berliner Landesverband ist der Spitzenreiter der AfD“, ruft er mit leicht erkältungsgeschwächter Stimme den gut 300 AfD-Mitgliedern, die sich ins Havelland begeben haben – übrigens eine beachtliche Quote, denn die Berliner Partei hat nur knapp 1200 Mitglieder. Rund ein Viertel von ihnen – es sind grob geschätzt zu mehr als 90 Prozent Männer, die meisten im dritten Lebensdrittel – lauscht also ihrem Vorsitzenden.

Man habe Parteimitglieder in den Bezirken, im Landesparlament und mit Beatrix von Storch, der zweiten Landesvorsitzenden, auch eine Vertreterin im EU-Parlament, sagt Pazderski. Er wünsche sich von dieser Versammlung daher ein starkes Signal, dass die AfD ab September auch im Bundestag vertreten sei.

Pazderski schimpft auf Martin Schulz

Der ehemalige Bundeswehr-Oberst, der erst kürzlich die Mitglieder in einem Brief vor Selbstzerfleischung warnte, schimpft auf den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der nur „ein Merkel mit Bart“ sei, ein „Sandmännchen“ und ein „Scheinheiliger“. Das bringt jedes Mal ein paar Lacher. Der 65-jährige Pazderski, einst auch in Diensten der Nato, ist dann der erste, aber nicht der einzige an diesem Tag, der Angela Merkel – er nennt sie „Andschela“ – scharf kritisiert, weil sie vor einer Woche sagte, das Volk sei aus ihrer Sicht „jeder, der in diesem Lande lebt“.

Für die AfD, sagt Pazderski unter Beifall, seien aber spanische Internetexperten, illegale Flüchtlinge und Drogenhändler aus der dritten Welt kein Teil des Volkes. Der deutsche Pass sei ein Privileg und keine Ramschware, die man „Leuten mit einer Passsammlung noch hinterherwirft“. Die AfD stehe für den Schutz vor ungeregelter Zuwanderung, Islamismus, Terrorismus, Parallelgesellschaften und „Genderismus“.

67 Prozent für Beatrix von Storch

Noch vor wenigen Tagen hatte der Berliner AfD-Chef selbst erwogen, auf dieser Veranstaltung für den Bundestag zu kandidieren. Mit Beatrix von Storch wolle er ein Zweierteam bilden, hatte er öffentlich überlegt. Er zog dies dann zurück, durchaus schweren Herzens, denn Pazderski ist mit seiner internationalen Erfahrung als Militär eigentlich passionierter Außen- und Verteidigungspolitiker. Doch nach Kritik gerade auch aus seiner Fraktion, der er bei seiner Wahl zum Vorsitzenden in Aussicht gestellt hatte, im Abgeordnetenhaus zu bleiben, wird er im Land Berlin bleiben. In vier Jahren, sagte er jüngst, gebe es ja eine neue Bundestagswahl.

Daher ist die Wahl für den Listenplatz 1, mit besten Aussichten auf einen Einzug in den Bundestag, an diesem Tag nur Formsache. Jedenfalls fast. Beatrix von Storch – EU-Parlamentarierin, Wirtschaftsjuristin, Vize-Bundeschefin der AfD und rechte Netzwerkerin – wird mit 67 Prozent der anwesenden Wahlberechtigten zur Spitzenkandidatin gekürt.

Ziegler nennt Storch "Witzfigur mit fragwürdigem Charakter“

Zuvor hatte allerdings ein Gegenkandidat für Aufregung gesorgt. Zunächst wäre Ralf Ziegler, so heißt er, fast aus dem Saal geführt worden, weil er selbstgedruckte Zettel auf die Pressetische legte und einen Ordner verärgerte. Auf dem Zettel nennt er von Storch eine „Witzfigur mit fragwürdigem Charakter“ und listet eine Reihe von Presse-Artikeln über sie auf, in denen die Kandidatin nicht gut wegkommt. Man solle ihn ruhig der Verleumdung anklagen, davor habe er keine Angst, sagt Ziegler, der als Berufe Heilpraktiker, Unternehmensberater und Weinhändler angibt. Bei der Abstimmung erhält er erstaunliche 60 Stimmen, von Storch 195.

Die künftige Spitzenkandidatin von Storch setzt vor allem auf ein Thema: „Ich will die Islamisierung nicht nur stoppen, ich will sie zurückdrehen!“, sagt sie. Die „Schicksalsfrage unserer Nation“ nennt sie das. Sie wolle sich im Bundestag außerdem für einen Untersuchungsausschuss zu Merkels „Vergehen“ einsetzen, sagt von Storch, um die Kanzlerin zur Rechenschaft zu ziehen. Deren Satz, zum Volk gehöre jeder, der in diesem Land lebt, sei „ein Staatsstreich“. Mehr muss sie nicht sagen an diesem Sonnabend.

Fünf AfD-Kandidaten könnten es in den Bundestag schaffen

Bis zu fünf Berliner AfD-Kandidaten könnten ab diesem Herbst im Reichstagsgebäude Platz nehmen, wenn die AfD ein deutlich zweistelliges Ergebnis am 24. September erreicht. Bei der Berlin-Wahl im vorigen Herbst kam sie auf 14,2 Prozent, die aktuelle Forsa-Umfrage für die Bundestagswahl sieht sie allerdings nur noch bei zehn Prozent in Berlin. Das wären voraussichtlich drei Mandate, als so gut wie sicher gelten nur zwei.

Daher sind die Listenplätze 2 bis 5, die im Block abgestimmt werden sollten, heiß begehrt.

31 Bewerber stellen sich am Nachmittag den Mitgliedern vor, jeweils fünf Minuten lang plus Fragen. Darunter auch etliche Abgeordnete aus dem Berliner Landesparlament wie Andreas Wild, Kristin Brinker, Harald Laatsch. So gut wie alle Kandidaten – nur vier Frauen sind darunter – warnen vor Islamisierung, Überfremdung und fordern mehr Patriotismus. „Wir wollen nicht nur ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei!“, ruft, nein brüllt etwa Andreas Wild in die ohnehin sehr laut ausgepegelte Saalanlage. „Es ist unser Land – für Deutschland!“ Der Jubel ist ihm sicher. Ein Platz unter den ersten fünf allerdings nicht.

Merkel sei eine „Schlepper-Königin“

Nicolaus Fest erklärt, er wolle und könne vor allem die „bürgerlichen Intellektuellen“ ansprechen, die die AfD sonst kaum erreiche. „Ich bin selbst ein Intellektueller“, sagt er – und löst damit auch missmutiges Raunen aus. „Diese Wähler der bürgerlichen Mitte brauchen wir“, beharrt Fest.

Am lautesten beklatscht wird allerdings die Rede von Gottfried Curio – der Deutschland, wie er sagt, von „ganzen Völkerscharen“ überflutet sieht. Ein „Geburten-Dschihad“ sei im Gange. Merkel und die Altparteien wollten, dass Deutschland sich auflöse, raunt Curio ins Mikrofon. Seine Rede ist wie immer Wort für Wort verlesen, fast kein Versprecher passiert dem gelernten Physiker, er moduliert die Stimme, die rechte Hand greift dabei in die Luft, als wolle sie Gespenster fangen. Eine „Entheimatung“ der Deutschen sei geplant, glaubt Curio. „Bis vor Kurzem war Deutschland noch ein Land, jetzt ist es nur ein Gelände…“ Lauter, fast frenetischer Applaus und Bravo-Rufe unterbrechen ihn. Und Curio fährt fort: Merkel sei eine „Schlepper-Königin“, die demnächst mit Kopftuch vor Erdogan kriechen werde. Da kommen die stehenden Ovationen. Sein Auftritt überzeugt die Anwesenden: Von den am späten Nachmittag verbliebenen Parteifreunden wählten ihn fast zwei Drittel auf Platz 2 hinter von Storch, und das, wie gesagt, bei 30 weiteren Kandidaten. Curio – der jüngst im Abgeordnetenhaus ganze Koran-Passagen zitierte („Tötet die Ungläubigen!“) und für die Wiedereinführung der Deutschland-Karte in den ZDF-Nachrichten kämpft – ist damit so gut wie sicher im nächsten Bundestag vertreten.

Die verbliebenen Plätze drei bis fünf werden erst am Sonntag ausgezählt. Auf Platz 3 landet der Geschichts- und Deutschlehrer Götz Frömming, der am Lessing-Gymnasium in Wedding unterrichtet. Auf Platz 4 die Richterin Birgit Malsack-Winkemann, die sich am Landgericht mit Mietsachen beschäftigt. Platz 5, ohne viel Aussichten auf einen Einzug in den Bundestag, erringt der Publizist Nicolaus Fest.