Immer wohnen alle ganz oben, stöhnen die Gäste, die es keuchend die vier Stockwerke in meine Wohnung hinaufgeschafft haben. Und es stimmt. Alle wohnen ganz oben. Bei meinen Freunden zumindest ist es so. Ich spreche jetzt nicht vom Dachterrassen-Ganzoben oder vom Neubaublock-Ganzoben oder vom Penthouse-Ganzoben. Die Rede ist vom ganz normalen Berliner-Altbau-Ganzoben, ohne Fahrstuhl und mit Hinterhof. Und warum wohnen wir ganz oben? Wir haben uns das doch nicht bewusst ausgesucht. Gerade heutzutage, angesichts des komplizierten Berliner Wohnungsmarkts, muss man nehmen, was man kriegen kann.

Inzwischen frage ich mich, ob die Lage der Wohnung Einfluss auf den Charakter ihrer Bewohnter hat. Muss man sich Erdgeschossbewohner als lebensnahe und praktische Menschen vorstellen, die auf das Leben ihrer Mitbewohner immer einen Ticken zu neugierig sind? Und sind die Ganzoben-Wohner dagegen abgehobene Traumtänzer?

Isolierte Träumer

Ganz oben zu wohnen hat Vorteile: Es ist beinahe den ganzen Tag hell. Immer kommt irgendwo Licht rein. Wir Ganzoben-Wohnenden blicken also optimistisch in die Zukunft, egal ob es gerechtfertigt ist oder nicht. Irgendwo kommt bei uns immer Sonne rein. Hinzu kommt die Aussicht. Wir können die Welt mit einem gewissen Abstand betrachten, wir lassen nichts so nahe an uns herankommen, wir sind reflektierter, aber auch isolierter vom Geschehen. Niemand trampelt über uns auf unseren Köpfen herum. Über uns ist nur noch der Himmel.

Auf der Treppe vor der Tür begegnet man nur dem Nachbarn von Gegenüber. Der wird zurückhaltend gegrüßt und der Gruß wird mit der gleichen Zurückhaltung erwidert. Ganzoben-Wohner schätzen die Privatsphäre. Daher fühlen wir uns von anderen Obenwohnern angezogen. Wir schweben quasi über den Dingen, sehen alles aus der Vogelperspektive, sind aber gleichzeitig von allem isoliert.

Lieber feiern als Treppen laufen

Wer ganz oben wohnt, verlässt sein Heim nicht so spontan, wie die aus dem Erdgeschoss oder dem ersten Stock. Die vielen Treppen bilden eine psychologische Hürde. Jeder Gang hinaus will genau geplant sein. Und wenn man erst mal draußen ist, dann geht man auch nicht so schnell wieder nach Hause. Schließlich muss man jedes Mal sehr viele Treppen überwinden .

Somit wird bei uns Ganzoben- Wohnern der Heimweg sehr gerne hinausgeschoben. Das kann zu schlimmen Katern führen, infolgedessen es dann wieder umso schwerer fällt, den Adlerhorst zu verlassen.

Ein ebenfalls ganz oben wohnender Freund gab zu bedenken, dass es sich bei dem Phänomen um selektive Wahrnehmung handeln könnte. Bei genauerem Nachdenken fielen uns tatsächlich befreundete Menschen ein, die ganz unten leben. Es waren aber nicht viele und auch nicht besonders enge Freunde. Oder? Es fiel uns recht schwer, das zu beurteilen. Vermutlich sind wir doch ziemlich abgehoben.