Berlin - Der 12. Januar 2016 war ein Dienstag. Nora und ihre Schwester Lina (damals 11 und 12 Jahre alt) gingen morgens in die Schule. Ihre Mutter Shirley Zapf fuhr zur Arbeit in die Kantine des Bundeskanzleramts. In den Nachrichten hörte die 45-Jährige von einem Anschlag in Istanbul. „Ich hatte gleich ein mulmiges Gefühl“, sagt sie.

Am Vorabend hatte die Berlinerin noch mit ihren Eltern telefoniert. Sie waren in der türkischen Stadt gelandet, schickten Fotos aus dem Hotel, in dem sie zwei Tage lang übernachten wollten. Die Mutter wollte am 16. Januar 2016 in Abu Dhabi ihren 64. Geburtstag feiern. Istanbul sollte nur eine Zwischenstation der Urlaubsreise sein. „Meine Mutter sagte gut gelaunt zu mir, sie würden jetzt noch in der Hotelbar einen Drink nehmen“, erzählt die Berlinerin. Es waren die letzten Worte, die sie mit ihrer Mutter sprechen sollte.

Ich spürte, dass meine Eltern unter den Opfern sind und saß reglos abends nach der Arbeit vor dem Fernseher.

Shirley Zapf 

Am nächsten Vormittag standen ihre Eltern Birgit und Jürgen Glorius mit einer Reisegruppe auf dem Sultan Ahmed Platz vor der Blauen Moschee in Istanbul neben einer Bank, auf der ein junger Mann saß. Um 10.20 Uhr sprengte er sich in die Luft und riss zwölf Deutsche mit in den Tod. Die IS bekannte sich später zu dem Selbstmordattentat.

Shirley Zapf sagt: „Ich spürte, dass meine Eltern unter den Opfern sind, und saß reglos abends nach der Arbeit vor dem Fernseher. Unentwegt wählte ich ihre Nummer, doch nur die Mailbox sprang an. Ich rief beim Auswärtigen Amt an, doch dort bekam ich keine Auskunft. Mir wurde gesagt, ich müsse erst eine Vermisstenmeldung bei der Polizei aufgeben, dann könnten sie mir etwas sagen. Es war nur schrecklich.“

Nachts um 1 Uhr klingelte die Kriminalpolizei an der Tür und überbrachte die Todesnachricht. Ihr Vater war bei dem Attentat sofort gestorben. Die Mutter lebte noch zehn Tage, Shirley Zapf ließ sie nach Berlin ins Unfallkrankenhaus transportieren. „Doch sie hatte so schwere Kopfverletzungen, dass sie keine Chance hatte. Für mich ist sie am 12. Januar mit gestorben.“

Volkmar Otto
Birgit und Jürgen Glorius kamen vor fünf Jahren bei dem Anschlag in Istanbul ums Leben. 

Nora, ihre Schwester Lina (17) und Mutter Shirley sitzen nun auf dem grauen Sofa in ihrem Wohnzimmer. Sie haben am Abend zuvor noch einmal Fotos angeschaut, von Oma und Opa aus Köpenick. Die Großeltern auf den Bildern lachen, stehen kochend in der Küche. „Wir haben sie mindestens zweimal die Woche gesehen. Wir haben dort immer Bratkartoffeln mit Kümmel und Schnitzel gegessen und es geliebt. Sie haben mit uns gespielt, gealbert und uns verwöhnt. Wie Oma und Opa eben sind“, sagt die heute 16-jährige Nora Zapf. „Und plötzlich waren sie nicht mehr da, aus dem Leben gerissen. Es war auch ein Terroranschlag auf unsere Familie, auf die Hinterbliebenen. Unser Leben war auf den Kopf gestellt. Unsere bislang unbeschwerte Kindheit war vorbei.“ Ihre Mutter sagt leise: „Es hat sich alles danach geändert. Wir haben alle gelitten.“

Wenn wir uns nur zehn Minuten verspätet haben, hat sie uns gesucht und ist fast durchgedreht.

Nora Zapf über ihre Mutter nach dem Anschlag

Die Geschwister haben anfangs verdrängt, dass die Großeltern nicht mehr da sind. „Ich habe es einfach beiseitegeschoben“, sagt Nora Zapf. Ihre Mutter dagegen ist damals zusammengebrochen. Die Tochter berichtet: „Wenn wir uns nur zehn Minuten verspätet haben, hat sie uns gesucht und ist fast durchgedreht.“ Ihre Mutter nickt. „Es war eine Zeit voller Trauer, Wut und Verlustängste. Es war vor allem die Angst, dass meinen Kindern oder meinem Partner ähnliches zustößt. Der Anschlag hat uns sehr verletzlich gemacht.“ Die Arbeit, ihre pubertierenden Töchter, ihre Umwelt – alle litten mit. „Ich habe mit meinem Verhalten auch Menschen in meiner Umgebung verändert“, sagt sie. Seitdem ist Shirley Zapf in einer Trauma-Therapie. Das Auswärtige Amt vermittelte sie damals an den Berliner Krisendienst, wo sie eine Therapeutin fand. Den Papierkram, bezüglich Anträgen wegen der Überführung der Mutter, Beerdigung oder Erbschein, erledigte ihr Partner. „Ich hätte das nicht geschafft, weil ich kraftlos war.“

2016 ereignet sich auch der  Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin. Am 19. Dezember steuerte der Terrorist Anis Amri einen Lastwagen über den Weihnachtsmarkt. Zwölf Menschen starben. Wieder ein Attentat des IS. Aber diesmal mitten unter uns. Wochenlang beherrschte das Ereignis die Medien, Politik, die Gesellschaft. Es gibt seitdem Gedenkgottesdienste und Trauerfeiern. Ein goldfarbener Riss durchzieht einen Teil des Bodens auf dem Breitscheidplatz als Mahnmal. An Stufen vor der Gedächtniskirche stehen die Namen und Herkunftsländer der Todesopfer.

Das Attentat von Istanbul rückt dagegen mehr und mehr in den Schatten. An Shirley Zapf nagen Unverständnis, Wut und die Frage, warum es für die einen Beistand gibt und für die anderen nicht. Um sie habe sich kaum jemand gekümmert, sie habe sich alleingelassen gefühlt, erzählt sie. Niemand von der Regierung sei auf sie zugegangen und habe Anteil genommen. „Wir haben zwar eine finanzielle Soforthilfe von einmalig 10.000 Euro bekommen, aber das wirkte wie eine nüchterne Pflichterfüllung.“

Sie hat sogar versucht, zehn Minuten bei Kanzlerin Angela Merkel vorzusprechen, da sie ja dort, im Kanzleramt, als Küchenmeisterin arbeitete. „Sie wurden mir nicht gewährt“, sagt sie. Immerhin bekam sie rührende Zeilen von Bundesaußenminister Heiko Maas zugestellt. „Trotzdem fehlte mir ein offenes Symbol der Empathie.“

Shirley Zapf und ihre Töchter besuchen stattdessen inzwischen regelmäßig die Angehörigen-Treffen der Opfer vom Breitscheidplatz - was bleibt ihnen anderes übrig? Inzwischen stützen sie sich dort gegenseitig. Bei der Gedenkfeier im Dezember sind sie jedes Jahr dabei. Shirley Zapf: „Allein um jemandem die Hand zu halten, um zu zeigen, ich will stark für dich sein.“ Eine Aufrechnung des Leids möchte sie nicht. Nora Zapf: „Wir sitzen doch alle in einem Boot.“ Die Familie trifft sich ebenso regelmäßig mit Hinterbliebenen der Terroranschläge in Nizza, Paris oder Tunesien.

Niemand fühlt sich zuständig. 

Nora Zapf 

Nora Zapf hat gerade ein Praktikum im Bundestag gemacht, weil sie mit 16 Jahren entschieden hat, politisch etwas bewirken zu wollen. „Mit elf Jahren war ich noch zu jung, konnte vieles nicht einordnen.“ Während ihres Praktikums hat sie Politiker im Bundestag auf das Thema angesprochen. „Niemand fühlte sich zuständig. Nicht einmal der Opferbeauftragte. Das Ausland ist denen zu weit weg.“

Vor einer Woche hat sie nun Bundesaußenminister Heiko Maas geschrieben. In ihrer Mail schildert sie, dass Betroffene und Hinterbliebene von Terroropfern im Ausland das Gefühl haben, „nicht beachtet zu werden“. Dass sie sich als Opfer zweiter Klasse fühle. Dass es keine Gedenkstätte für sämtliche deutschen Terroropfer und keine Erinnerungskultur gebe. Ihrer Familie würde es helfen, an einem solchen Ort trauern zu können. 

„Der größte Teil der Gesellschaft, aber auch zahlreiche Politiker haben sich viel zu wenig mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ich merke es täglich. Vor allem in meiner Generation. So gut wie niemand hat eine Ahnung von Terror, Terroranschlägen und den tragischen Folgen, die daraus entstehen. Wie will man den Terror bekämpfen, wenn die Gesellschaft nicht ausreichend aufgeklärt ist?“

Von Heiko Maas hat sie bisher keine Antwort erhalten. Sie hofft, dass Opfer wie sie endlich eine Stimme erhalten. Die Mutter nickt: „Wir können meine Eltern nicht wieder lebendig machen, aber wir können etwas dafür tun, dass an sie erinnert wird. Doch die Wut über die Sinnlosigkeit dieses Todes, der Schmerz, die Trauer - das alles wird bleiben. Damit müssen wir Angehörige leben.“