Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze in der Stadt ist so hoch wie seit vielen Jahren nicht mehr. Allein gegenüber dem Vorjahr stieg die Anzahl der offenen Stellen im Ausbildungsjahr 2017/18 noch einmal um gut 25 Prozent – auf 5.722 Plätze. „Ein trauriger Rekord“, sagte Beatrice Kramm, Präsidentin der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Da nicht alle Firmen freie Plätze melden, sei die tatsächliche Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen wahrscheinlich noch höher. Besonders viele freie Stellen gibt es in der Gastronomie, im Büromanagement und im Einzelhandel.

Bemerkenswert: Gleichzeitig stieg auch die Anzahl der abgelehnten Bewerber an – auf 6.773 Personen.

Streit um Konkurrenzangebote

Beatrice Kramm forderte deshalb, stärkere Anreize zu schaffen, um Jugendliche in Ausbildung zu bringen. „Das Azubi-Gehalt sollte nicht länger mit den möglichen Hartz-IV-Ansprüchen der Familie eines Auszubildenden verrechnet werden“, sagte Kramm und regte an, dass Berlin hier eine Bundesratsinitiative startet.

Aus IHK-Sicht konkurriert die duale Ausbildung immer noch zu stark mit der vollschulischen Ausbildung an den Oberstufenzentren (OSZ). Zur Erklärung: Bei einer dualen Ausbildung wird ein Jugendlicher in einem Betrieb ausgebildet und besucht zudem eine Berufsschule. In der vollschulischen Ausbildung hingegen wird auch die praktische Ausbildung in der Berufsschule oder dem OSZ selbst angeboten. „Im Vergleich etwa zu vollzeitschulischen Ausbildungsgängen, bei denen es keine finanziellen Einbußen für eine Familie im Hartz-IV-Bezug gibt, gerät die betriebliche Ausbildung ins Hintertreffen“, sagte Kramm.

Zugleich regte sie an, Konkurrenzangebote abzubauen. Bei der Lehrstellenbörse, die am 19. und 20. September in den Station-Hallen am Gleisdreieck stattfindet, seien drei Berufe besonders nachgefragt: Der Kaufmann für Büromanagement, der Kaufmann für Einzelhandel und der Kaufmann für Groß- und Außenhandel. Zwei dieser Ausbildungsgänge werden auch vollschulisch am OSZ angeboten. Solange es dafür freie Ausbildungsplätze im dualen System gebe, sollten diese Plätze an den Berufsschulen entsprechend reduziert werden. „Die Lehrer könnten dann dort zur Qualitätsverbesserung eingesetzt werden.“ Zudem plädiert Kramm für „aufsuchende Beratung“. Jugendliche, die keine Ausbildung machen, sollten zu Hause besucht werden.

IHK setzt auf das neue Berliner Ausbildungsmodell

Insgesamt sieht die IHK einen Paradigmenwechsel: Während sich viele Unternehmen früher die Auszubildenden aussuchen konnten, müssen sie sich heute angesichts des Fachkräftemangels und der geburtenschwachen Jahrgänge um jeden einzelnen bemühen. Schon jetzt setzen Unternehmen verstärkt auf lernschwächere Jugendliche. Und auch auf Geflüchtete, die sich in zunehmendem Maße bewerben. Viele Jugendliche melden sich bereits im Februar für vollschulische Ausbildungsplätze an, was einige auch einfach als bequem empfinden dürften. So früh kann man sich für die duale Ausbildung nicht bewerben.

Die IHK setzt deshalb auf das neue Berliner Ausbildungsmodell (BAM). Dabei werden über die Jugendberufsagentur junge Leute identifiziert, die mit ein wenig Betreuung auch für eine duale Ausbildung infrage kämen. Sie machen einen Ausbildungsvertrag mit einem OSZ – für Büromanagement, Handel, Gastronomie und neuerdings auch für Lagerlogistik. Dann versuchen sie sich in Betrieben und Unternehmen. Im ersten Pilotjahr konnten jetzt gleich 50 von 87 teilnehmenden Schülern in die duale Ausbildung übernommen werden. Dann gibt es auch Azubi-Gehalt.

Jürgen Kling von der adag Payroll services, die die Kurzzeit-Verträge für Film- und TV-Serienproduktionen abrechnet, hat zwei Schüler übernommen, bereits nach acht Monaten. „Lohnbuchhaltung ist ja nicht sexy“, sagte Kling. Da müsse man sich drauf einlassen. Auch Jugendliche, die vorher nur gejobbt hätten oder eine Ausbildung abgebrochen haben, würden hier ihr Potenzial entfalten können.

Nicht immer attraktiv

IHK-Unternehmen monieren weiter, dass sich viele Jugendliche unter konkreten Berufsbildern oft kaum etwas vorstellen können. Noch mehr Berufsorientierung sei nötig. Gewerkschaften und Berufsschulleiter hingegen kritisieren, dass die Unternehmen zu wenig attraktive Ausbildungsplätze anbieten würden. Schichtdienst im Hotel ziehe nun einmal nicht viele Jugendliche an. Auch lasse der tatsächliche Lerneffekt mitunter zu wünschen übrig, weil gerade kleinere Firmen die Azubis eher als vergleichsweise billige Arbeitskräfte sehen würden. Oft nähmen Unternehmen auch nur Volljährige, weil sie flexibler einsetzbar seien.

Immerhin konnten die Berliner Unternehmen mit 15.553 Ausbildungsplätzen gut sieben Prozent mehr anbieten als im Vorjahr, teilte IHK-Präsidentin Kramm mit. Tendenz steigend.