Berlin - In einer guten Brücke kommen elegante und sparsame Konstruktion, Witz und Spannung zusammen. Ist also die neue Rathausbrücke, die sich nach dem Entwurf des 2012 viel zu jung verstorbenen Berliner Architekten Walter Noebel zwischen Schlossplatz und Nikolaiviertel über die Spree spannt, eine gute Brücke? Hat sich der 13 Jahre lange Kampf der Senatsbauverwaltung für diesen Entwurf gelohnt, der etwa von der Gesellschaft Historisches Berlin rhetorisch-rabiat bekämpft wurde? Hat sich die Investition von zwölf Millionen Euro auch stadtgestalterisch gelohnt?

Fürchterliches Geländer

Noebel wollte an der Rathausstraße den Steg pur schaffen. Stahlbeton, klare Kante, gerade Linie. Beleuchtet von vier mit Lichtkästen gekrönten Pylonen, die an den Enden der Brücke aufsteigen. Etwas pompös, dachte man sich beim Anblick der Entwürfe, und für einen kargen Steg etwas viel Erinnerung an die dekorativen Brücken der Amsterdamer Schule der 20er-Jahre. Aber wenigstens schienen sie praktisch zu sein.

Doch das Licht der Pylonen fällt irgendwohin, nicht aber auf den Bürgersteig, ist zudem sehr schummrig. Noch fürchterlicher ist das Geländer. Allerdings nicht Noebels wegen. Der dachte es sich ursprünglich kantig und streng. Wie die Pylonen. Doch der Senat schrieb einen Gestaltungswettbewerb aus. Der aus der Schweiz stammende Künstler Erik Steinbrecher gewann mit dem Entwurf eines Geländers aus in Metall gegossenen Ästen und Wurzeln.

Das „Vokabular aus Architektur, Natur und Alltag“ zeige sich hier, sagt er. Nehmen wir also seinen Entwurf ernst, entziffern und lesen wir ihn, so, wie man es mit Kunstwerken tun soll: Das Waldmotiv ist tief verankert in der Architekturtheorie. In Deutschland aber vor allem derjenigen der politisch Rechten und Völkischen. Der Wald sei germanisch, tiefsinnig, in sich ruhend, die Stadt hingegen romanisch, steinern, hektisch, hieß es schon um 1900 bei ihnen.

Gotische Pfeiler und Gewölbe, selbst die strenge dorische Ordnung griechischer Tempel wurden auf germanische Waldeslust zurückgeführt. Auch schwarze Gussmetalle haben seit dem „Gold gab ich für Eisen“ der preußischen Kriegsherren in Deutschland durchaus nationalistische Bedeutungen.

Will Steinbrecher etwa die von Noebel ganz städtisch, universal gedachte Brücke zu einem Monument alter Teutschtum-Kulte uminszenieren? Oder will er behaupten, dass jede Brücke letztlich nur ein Ast-Steg zwischen Dörfern ist? In jedem Fall steht die Erzählung dieses Geländers im genauen Widerspruch zu derjenigen Noebels, der eine ganz und gar städtisch-steinerne Brücke vorsah. Man wüsste zu gern, warum die Jury angesichts dieses Widerspruchs der germanisierenden Waldseligkeit verfiel.

Einst war die heutige Rathausbrücke das Entree zum eigentlichen Schlossplatz südlich des Schlosses. Dem preußischen Königsforum schlechthin, barock, säulengeschmückt, monumental, prachtvoll. Als Auftakt dazu diente Schlüters gewaltiges Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, das auf dem Mittelpfeiler der Brücke stand. Im Zweiten Weltkrieg wurde es glücklicherweise demontiert, versank im Tegeler See, steht seit der Hebung vor dem Schloss Charlottenburg.

Im Rahmen der Debatte um den Neubau der Schlossfassaden wurde auch die Rückkehr des Reiterstandbilds gefordert. Das war durchaus konsequent: Gehören doch Schlossfassaden und Denkmal innig zueinander. Doch es gab gute Gründe gegen die Rückkehr. Vor dem Charlottenburger Schloss hat die Statue ästhetisch und kulturell Fuß gefasst. Vor allem aber verlangte die Wasserbauverwaltung, dass der Mittelpfeiler der Rathausbrücke nicht wieder entsteht, die Brücke also in einem Schwung über die Spree geführt wird.

Einer am originalen Standort aufgestellten Statue hätte also der statische und ästhetische Unterbau gefehlt. Sie hätte quasi schweben müssen. Ein absurder Anblick wäre die Folge gewesen. Auch sonst entspricht die neue Rathausbrücke keineswegs ihren historischen Vorgängern. So musste sie auf Wunsch der Wasserbauverwaltung sehr viel höher angelegt werden – die Nachbarn im Nikolaiviertel stehen deswegen regelrecht in einem Straßengraben, um den Verkehr der Schiffe nicht zu stören.

Kurz mal kurzsichtig geplant

Und noch eine letzte Frage: Ist diese Brücke wenigstens stark genug gebaut worden – Geld war ja reichlich da – um dereinst einmal eine Straßenbahntrasse aufnehmen zu können? Enttäuschende Antwort aus der Senatsbauverwaltung: Nein. Was für eine Kurzsichtigkeit. Irgendwann nämlich werden selbst die Berliner Verkehrsplaner und Regierenden Bürgermeister begreifen, dass es kaum etwas Metropolitaneres gibt als die Tram. Dann wird endlich auch die logische Verlängerung der bisher am Alexanderplatz gefangen gesetzten Tramlinien Richtung Westen ins Gespräch kommen, über die Rathausstraße und die Rathausbrücke. Und dann muss diese wieder verändert werden. Was uns vielleicht wenigstens von dem Astgewimmel befreit.
Nikolaus Bernau ist Architekturkritiker der Berliner Zeitung. In unserer Serie stellt er interessante, schöne, hässliche und ärgerliche Planungen und Bauten vor.