Tove Kjellmark hat einen besonderen Gast zum Art Hack Day mitgebracht: ein kleines, weißes Kunststoffgeschöpf mit drahtigem Innenleben. Stumm sitzt es auf dem Tisch vor der Künstlerin aus Stockholm, bis sie ein Kabel einstöpselt, das den Roboter mit ihrem Smartphone verbindet. Sie öffnet eine App und drückt auf Play. Da erklingt eine Kinderstimme, die in getragenem Ton ein paar Sätze auf Schwedisch vorträgt, während sich der Robotermund synchron öffnet und schließt.

Dunkle Gedanken

Natürlich ist es eigentlich nicht der Apparat, der spricht, sondern es handelt sich um eine Aufnahme des achtjährigen Sohnes von Kjellmark, der mit verstellter Stimme von der dunklen Welt erzählt. Beim Art Hack Day will die Künstlerin die Besucher auffordern, ein paar ihrer dunklen Gedanken zu notieren und dann vorlesen lassen, übertragen vom Roboter. „Mich interessieren die Unterschiede zwischen Sprache und Schrift“, sagt sie. „Zum Beispiel diese bösen Kommentare, die man im Internet oft findet – aussprechen würde die wahrscheinlich keiner.“

Kjellmark ist eine von rund 60 Teilnehmern des ersten Berliner Art Hack Days. Hack Days sind normalerweise Veranstaltungen, bei denen Programmierer und Web-Entwickler unter Zeitdruck eine neue nützliche Software entwickeln, die hinterher an den Markt gehen kann. Der Art Hack Day stellt dieses Prinzip auf den Kopf: Kommerzielle Nützlichkeit interessiert nicht, vielmehr geht es darum, mit Hilfe der Technologie etwas Kreatives, Inspirierendes, visuell Ansprechendes zu entwickeln und sich mit Themen, die sowohl politisch als auch technologisch und künstlerisch relevant sind, auseinanderzusetzen.

Ausgedacht hat sich das Olof Mathé, ein Ingenieur aus San Francisco, dessen Herz schon immer ebenso sehr an der Kunst wie an der Technologie hing. In den Grauzonen zwischen beiden Bereichen arbeitete er mal als kluger Computerkopf, mal als digitaler Künstler. Irgendwann merkte er, wie schnell sich manche kreativen Ideen umsetzen lassen. Weil das Tüfteln allein jedoch nicht so viel Spaß macht wie mit anderen zusammen, stellte er 2011 den ersten Art Hack Day in New York auf die Beine. „Es war großartig und auch sehr lustig“, erinnert er sich. „Jedes Mal bin ich aufs Neue über die gute Qualität der Arbeiten erstaunt.“ Neben New York gab es Art Hack Days bereits in Boston, San Francisco und Stockholm. Jedes Mal kommen neue Künstler und Computernerds hinzu.

In Berlin wird der Art Hack Day gemeinsam mit der Transmediale und dem Projektraum für elektronische Künste und Performance LEAP veranstaltet, die dafür zusätzlich ein leerstehendes, verwinkeltes Ladengeschäft im Berlin Carré in Mitte angemietet haben. Das Motto lautet „Going Dark“, eine Anspielung auf das Datengeflecht, das uns umgibt und es immer schwieriger macht, seine Identität zu verbergen. Wie die Teilnehmer auf dieses äußerst aktuelle Thema eingehen, ist ihnen überlassen. Nur schnell muss es gehen. Gerade mal 48 Stunden sind seit dem Beginn des Art Hack Days am Donnerstagabend bis zur Ausstellungseröffnung am Sonnabend Zeit, die Künstler müssen spontan sein, etwa, wenn sich eine Idee doch nicht umsetzen lässt.

Quin Kennedy ist extra aus New York angereist. Er hat schon an mehreren Art Hack Days teilgenommen. Während am Donnerstag andere Künstler auf der Suche nach einer zündenden Idee aufgeregt herumschwirren, lehnt er sich entspannt zurück. „Ich kann gut unter Zeitdruck arbeiten“, sagt er. „Zumindest hat es bisher immer gut geklappt“.

Er grinst und kreuzt Zeige- und Mittelfinger. Beim Art Hack Day in Stockholm entwickelte er einen charmanten Fotoautomaten mit zwei Auslösern. Ein Foto erhielt nur, wer zu zweit drauf drückte: Hand in Hand, Arm in Arm oder sich küssend. In Berlin möchte er Porträts automatisch mit einem schwarzen Augenbalken versehen. Olof Mathé überlegt indes, ein Tool zu entwickeln, mit dem digitale Künstler ihr Facebook-Profil für eine gewisse Zeit meistbietend an andere vermieten können. Designer Chanpory Rith will eine Foto-Website bauen, auf der die Hautfarbe von Hinterteilen ins Gegenteil verkehrt wird. Arbeitstitel: 50 Shades of Butt.

Was am Ende tatsächlich aus den Ideen wird, zeigt eine Ausstellung. Auch hier ist die Zeit knapp: Die Kunstwerke sind nur einen Abend lang zu sehen.

Art Hack Day: LEAP, Karl-Liebknecht-Straße 13, Berlin Carré 1. OG (Mitte). Ausstellung Sa ab 19 Uhr, Eintritt frei.