Berlin - Die Prinzregentenstraße ist so ein Fall: Morgens, wenn die Radfahrer aus Richtung Friedenau zur Arbeit rollen, dann ist viel los zwischen Berliner Straße und Prager Platz. Die Radfahrer mögen ihre Fahrradstraße. Und doch stören immer wieder Autofahrer. Woran das liegt? Auch daran, dass die Navigationssysteme von TomTom die Fahrradstraße nicht kennen.  

Die in Berlin beheimatete Organisation AlgorithmWatch hat sich die Programme der Navigationssysteme von TomTom und Google Maps genauer angesehen und geprüft, ob sie die Regeln in Berlin auch einhalten. Die Erkenntnis: Die Algorithmen sind nicht überall auf der Höhe der Zeit, wenn sie die kürzeste Verbindung von zwei Orten ermitteln sollen. Nicht nur in der Prinzregentenstraße werden die Autofahrer in die Fahrradstraße geführt, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben.

Wie der Name schon sagt: Fahrradstraßen sind vorrangig für Radfahrer vorgesehen. Dort darf sogar nebeneinander geradelt werden, was normalerweise nicht erlaubt ist. Andere Fahrzeuge dürfen Fahrradstraßen nur dann benutzen, wenn Zusatzschilder dies zulassen. Oft ist dies auf Anwohner beschränkt, dann steht dort „Anlieger frei“ – so wie an der Prinzregentenstraße. Außerdem gilt generell Tempo 30. Für den Durchgangsverkehr sind Fahrradstraßen also alles anderes als geeignet.

Fahrradstraßen werden von Navi-Systemen nicht erkannt

Fahrradstraßen gibt es in Deutschland bereits seit 1997, ein Jahr später wurde in Marzahn (Alberichstraße) die erste Straße dieser Art in Berlin ausgewiesen, danach kamen weitere Straßen dazu. Die Prinzregentenstraße (Charlottenburg-Wilmersdorf) ist seit 2010 eine Fahrradstraße. Die Unternehmen hatten also viel Zeit, sich die Daten zu beschaffen. 

Auf der Bergmannstraße (Kreuzberg) haben Radfahrer seit 2011 Vorrang, aber auch das blieb den Algorithmen offensichtlich verborgen. Die Tests ergaben, dass die Programme den Weg über die Bergmannstraße empfahlen, wenn die Autofahrer von der Heimstraße zum Südstern wollten. Drittes Beispiel: wieder Kreuzberg. Diesmal ging es von der Hasenheide zur Dieffenbachstraße. Die Fahrradstraße Körtestraße wurde von beiden Systemen empfohlen. 

Der Journalist und Daten-Experte Nicolas Kayser-Bril hat sich die Routenvorschläge der beiden Anbieter wochenlang genauer angesehen. Er geht davon, dass es noch zahlreiche weitere Fälle in Berlin gibt, wo die Autofahrer in Fahrradstraßen geleitet werden. „Dass diese Dienstleister nicht in der Lage sind, eine Fahrradstraße mehr als zehn Jahre lang – im Falle der Bergmannstraße – als Fahrradstraße zu kennzeichnen, zeigt, dass der Respekt von Fahrradstraßen tief in ihrer Prioritätsliste liegt“, sagte Kayser-Bril.

Berliner Fahrradstraßen: Fehler in den Datenbanken

Sowohl Google als auch TomTom verwiesen auf Nachfrage von AlgorithmWatch auf Fehler in ihren Datenbanken. Ein Sprecher von TomTom teilte AlgorithmWatch mit, dass mehrere der Berliner Straßen, die in ihrer Datenbank falsch beschriftet waren, repariert worden seien. Die Bereitstellung der neuen Version könnte bis zu sechs Monate dauern.

Google-Pressesprecher Philipp M. Dangschat sagte der Berliner Zeitung, dass man versuche, immer die besten Wegbeschreibungen zu liefern. „Dabei kann es vorkommen, dass falsche Daten oder andere Fehler zu schlechten Wegbeschreibungen führen. Wenn wir Fehler entdecken, arbeiten wir daran, diese so schnell wie möglich zu beheben. Zusätzlich geben wir unserer Community die Möglichkeit, uns zu helfen, indem Fehler über das Tool ‚Problem melden‘ eingereicht werden.“

Allerdings scheinen auch die Berliner Behörden nicht ganz schuldlos an dem Dilemma zu sein. Die Bezirke sind dafür verantwortlich, wenn Fahrradstraßen geschaffen werden sollen. Und sie haben dann auch die Aufgabe, das der Öffentlichkeit mitzuteilen. Die Recherche von Nicolas Kayser-Bril deutet an, dass das auch nicht immer in überzeugender Manier geschehen ist.

Für den ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) ist der Vorgang ein großes Thema. „Fahrradstraßen laden nicht nur zum klimafreundlichen Umstieg aufs Rad ein, sie sind auch ein gutes Mittel, um störenden, lauten Kfz-Durchgangsverkehr aus Kiezen herauszuhalten“, sagte Lisa Feitsch, die Pressesprecherin für den Berliner Bereich. Deshalb ihre Forderung: „Hier braucht es Lösungen; Routingdienste sind Dienstleister und dürfen nicht die Anstrengungen der Stadt zu mehr Verkehrssicherheit und mehr Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner aushebeln. Wir werden prüfen, welche rechtlichen Möglichkeiten es hier gibt.“