Paul Bokowski kann als der junge Senkrechtstarter deutscher Humor-Literatur bezeichnet werden. Zu seinen Fürsprechern gehört nicht nur der herzlich-boshafte Kollege Uli Hannemann, der in Bokowski einen „Retter des zweifelhaften Rufs des deutschen Humors“ sieht. Das Erscheinen des ersten Kurzgeschichtenbandes des jungen Mannes, 2012 im Berliner Verlag Satyr, wurde begleitet von Vorschusslorbeeren aus berufenem Munde: Horst Evers, einer der bekanntesten Humoristen hierzulande, lobte den Weddinger als „großen Autor, der eigentlich schon viel zu gut für sein Alter“ sei – 33 nämlich. Kein Wunder, dass sich nach fünf verkauften Auflagen innerhalb eines halben Jahres mit Goldmann einer der großen Publikumsverlage beim Jungautor meldete.

Im Gespräch bekennt Bokowski, dass der Erfolg über Nacht schwer zu realisieren ist: „Ich bin immer noch sehr perplex, wenn ich in den hintersten Winkeln der Republik darauf angesprochen werde oder mir von meiner polnischen Cousine zugetragen wird, dass mein Buch in Stettin und Breslau jetzt Prüfungslektüre für Deutschstudenten ist!“

Noch vor drei Jahren war Bokowski hauptsächlich Fans der Weddinger Lesebühne „Brauseboys“ bekannt. Dort ist der in Deutschland als Sohn polnischer Eltern geborene Autor nach wie vor aktiv und hat als Ensemblemitglied von „Fuchs & Söhne“ ein zweites Lesebühnenstandbein in Moabit. Das Lesen vor Publikum sei ihm unersetzlich, als „Balsam für die Seele“ und Versuchsanordnung für neue Texte.

„Hauptsache nichts mit Menschen“ – der Titel seines erfolgreichen Debüts las sich scheinbar wie ein freimütiges Bekenntnis zur Misanthropie. Doch als Menschenfeind möchte der Autor nicht gesehen werden, auch wenn er seine Mitmenschen „am liebsten aus einer gewissen satirischen Distanz betrachtet“. Bokowskis Literatur lässt Respekt vor seinen Protagonisten erkennen – gerade den randständigen Figuren, zu denen ihn seine Alltagsbeobachtungen im Berliner Norden inspirieren.

Dabei werden mit der ganzen Freude an der Ironie der Verhältnisse menschliche Schwächen aufgedeckt, jedoch ohne bloß zu stellen. Es wird nicht mit dem Finger auf Individuen gezeigt. Eher wird mit hochgezogener Braue Zwischenmenschliches in seiner tragischen Komik kommentiert. Bokowski beweist derart Gespür für Witz, dass er sich um Witzigkeit nicht bemühen muss.

Dieser gewisse Stoizismus, der sich gerade „am alltäglichen Wahnsinn“, um es in den Worten des Autors zu sagen, beweist, findet sich im Auftreten des 33-Jährigen wieder. Bokowski agiert im Gespräch ausgesucht höflich, ernsthaft und zeigt sich als Mann der leisen Töne. Ein urbaner Dandy, kultiviert und mit pathologischem Interesse am Absurden. Ein als Snob verkleideter Schalk.

„Ich schreibe am liebsten über Dinge, die den meisten Menschen so nahe und vertraut sind, dass sie das Witzige und Absurde daran längst ausgeblendet haben“, erklärt er. Berlin und seine Menschen seien seine Inspiration. Gerade die soziale Mischung beflügelt seine so elegante Prosa. Seinen neuen Geschichtenband durchziehen als roter Faden die Gespräche von Rita und Herta, zwei alten derb berlinernden Damen, die sich bevorzugt durch den Innenhof brüllend von Fensterbank zu Fensterbank unterhalten. In reinem Dialog lässt er diese Originale den Charme des Wedding unkommentiert entfalten und beweist damit seinen Respekt vor der Würde des Ungehobelten und Ungekünstelten.

Bekennender Hypochonder

Sich selbst als Figur des literarischen Treibens zieht der Autor kräftig durch den Kakao und kokettiert mit der Müßigkeit der Künstlerexistenz. Die manierierten bis neurotischen Züge, die er seinem Alter Ego andichtet, haben ihm den Beinamen „Woody Allen des Wedding“ eingebracht. Der Vergleich schmeichelt dem bekennenden Hypochonder Bokowski, auch wenn er darin „eine absurd hohe Messlatte“ sieht. Gleichwohl stellt er trocken fest, dass er für eine Fortsetzung von „Der Stadtneurotiker“ ausschließlich zur Verfügung stünde, wenn diese in Wedding spielte.

Wenn auch die neuen Geschichten einen weiteren Bogen spannen, zum großen Teil nicht explizit in Wedding angesiedelt und speziell für das Berliner Publikum geschrieben sind: Wo sonst lässt sich die Reibung unterschiedlicher Milieus so gut beobachten?

Eine Kostprobe aus der Geschichte „Besuch vom RBB“ belegt Bokowskis Liebe zum Berliner der kleinen Leute, zu dieser speziellen Art, sich die Welt zu eigen zu machen: „Herr Bokowski, werden Sie eigentlich oft gefragt, ob man vom Schreiben leben kann? Zum Glück wird mir die Antwort auf dieses redaktionelle Prachtstück unerwartet abgenommen: 225 Flaschen!, schallt es plötzlich vom Balkon neben meiner Wohnung. Es ist der alte Klebnitz, der sich weit über die Brüstung gebeugt hat. Wissen Sie, wie viele Flaschen ich jeden Monat sammeln muss? 225! 225 Flaschen.“

„Es geht mir darum, tagtägliche Erlebnisse derart zu verdichten, dass sie in ihrer Alltäglichkeit das größte humoristische Potenzial entwickeln“, beschreibt Bokowski sein künstlerisches Anliegen. „Nicht obwohl, sondern weil sie jeder kennt!“ Von Reibungsverlust kann keine Rede sein. Paul Bokowskis frische Prosa ist Reibungsgewinn.