Der Gegensatz könnte kaum größer sein: In der Nähe der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain sind viele Bäume schon frühlingshaft grün, und wie überall in der Stadt leuchten knallige Blüten. Aber an diesem Morgen sind es nur fünf Grad über Null. Die Leute tragen Winterjacken und Mützen, manche auch Handschuhe.

Alle haben es eilig, nur nicht der ältere Mann mit weißem Haar. Geduldig trägt er einen weißen Fünf-Liter-Kanister mit Wasser nach dem anderen auf die Wiese vor seinem Plattenbau und gießt die drei Kastanien. Dieser Mann ist ein Held des Alltags – ein treuer Helfer der Natur.

Die Natur hat derzeit tatsächlich Hilfe nötig. Denn sie beendet nun ihre große Winterruhe, und überall zeigt sich das erste Grün. „Das, was da jetzt passiert, ist für Laubbäume ein ungeheurer Kraftakt“, sagt Marc Franusch, der Sprecher der Berliner Forsten. „Die Bäume investieren nun richtig viel Energie, damit das frische Grün austreiben kann.“ Das Wichtigste, was Laubbäume dafür benötigen, ist Wasser. Deswegen ist das, was der Mann mit dem Kanister macht, eine große Hilfe.

Frühling in Berlin: Liebe zum Baum

Hierzulande ist die Liebe zu Bäumen sehr ausgeprägt. Das wird vielen meist erst bewusst, wenn sie sehen, wie sich die düsteren winterlichen Baumskelette mit den kahlen Ästen im Frühling in mächtige sattgrüne Baumkronen verwandeln.

Dass Bäume bei den Deutschen so beliebt sind, liegt auch daran, dass sie als das Symbol der Natur gelten. Wenn hier jemand gefragt wird: „Was ist für dich Natur?“, lautet die Antwort meist nicht: ein Gebirge, eine weite Steppe oder ein Strand am Meer, sondern: ein Wald und Bäume.

Auch deshalb war in Deutschland das Baumsterben in den 80er-Jahren die Initialzündung für das sich entwickelnde Umweltbewusstsein. Auch deshalb schleppten Tausende Berliner im Dürresommer 2018 jeden Tag eimerweise Wasser vor ihre Häuser, um die Bäume vor dem Verdursten zu retten.

Solche Stadtbäume zu erhalten, ist in Zeiten des Klimawandels durchaus ein Kraftakt. Denn in Berlin gibt es 430.000 Straßenbäume – die oft einzeln stehen und viel stärker der Sonne ausgesetzt sind als Bäume im Wald. Seit 2012 wurden 9000 neue Stadtbäume mithilfe von Spenden neu gepflanzt. Jede einzelne Pflanzung und die Pflege für die ersten drei Jahre kostet beachtliche 2000 Euro. In diesem Frühjahr sollen 600 neue Stadtbäume in den Boden kommen. Seit 2017 bekamen die Bezirke vom Senat fast 14 Millionen Euro als Sondermittel, um im ersten Jahr die massiven Sturmschäden zu beseitigen und im nächsten Jahr bei der Dürre gießen zu können. Der Senat hat bereits weitere Millionen im Haushalt vorgesehen, um von nun an viel schneller auf extremes Wetter reagieren zu können.

Frühling in Berlin: Die Birken sind längst fertig mit dem Blühen

Die Schäden des Dürrejahres 2018 werden erst im Sommer zu sehen sein, wenn klar ist, wie viele Bäume oder Äste abgestorben sind.

Vor Ostern erreicht nun der Austrieb der Blätter irgendwann seinen Höhepunkt. Das wundert viele Laien, denn Berlin wirkt schon jetzt ziemlich grün. „Aber das ist alles noch in der Entwicklung“, sagt Forstfachmann Franusch. „So richtig grün und im vollen Saft sind die Blätter noch an keiner Baumart.“

Die Birken sind längst fertig mit dem Blühen, nun zeigen sich zarte gelblich-grüne Blätter. Auch der Spitzahorn steht bereits im Grün, aber das sind keine Blätter, sondern die grünen Blüten dieses Baumes.

Bäume habe sich an die Kälte im Berliner Winter gewöhnt

Aber warum machen die Bäume eigentlich solch eine Art Winterruhe?

Ganz einfach: Heimische Bäume sind an die früheren Witterungsverhältnisse gewöhnt – also an bittere Kälte im Winter. Bei gefrorenem Boden wäre es nicht sicher, ob sie genügend Wasser und gelöste Nährstoffen aufnehmen könnten. Eine Dauerversorgung mit Nährstoffen ist nur im tropischen Regenwald möglich.

Im Herbst zieht der Baum hierzulande also möglichst viele Nährstoffe aus den Blättern in den Stamm zurück und lagert sie dort ein, um Kraft zu speichern für das nächste Frühjahr, wenn die Blätter und Blüten wieder austreiben sollen. Durch den Entzug der Nährstoffe verfärben sich die Blätter im Herbst bunt und fallen zu Boden. Dort bilden sie dann wertvollen Humus, der den Bäumen wiederum Nährstoffe liefert.

Die kahlen Bäume fallen in eine Winterruhe und fahren ihren Stoffwechsel auf das Allernötigste zurück. Auch immergrüne Nadelbäume minimieren in dieser Regenerationspause ihren Stoffwechsel.

Doch sobald es zehn Tage lang wärmer als zehn Grad ist, erwachen die ersten Bäume, dann werden die harten Triebe an den Ästen weich und platzen auf. Bei den Kirschen zeigen sich zuerst die schlohweißen oder rosafarbenen Blüten, erst später öffnen sich die Blatttriebe.

Trockene Böden in Berlin

Für Laubbäume ist der aktuelle Kälteeinbruch nicht so dramatisch, sagt Forstfachmann Franusch. „Der zarte Frost macht ein paar Blüten kaputt. Problematisch ist aber, dass dieses Frühjahr genau wie der vergangene Sommer deutlich zu trocken ist.“

Das Baumjahr beginnt also schlecht, und den Bäumen fehlt bereits beim kräftezehrenden Austrieb der Kraftstoff Wasser. Einige Leute behaupten bereits, dass dieses Jahr auch wieder heiß wird. „Laubbäume bekommen echte Schwierigkeiten, wenn es nicht bald auskömmlich regnet“, sagt Franusch.

Weil die Böden so trocken sind und dort kaum frisches Grün wächst, ist die Waldbrandgefahr schon im April hoch. Besonders im Nachbarland Brandenburg. Dort wird die Zahl der Bäume auf knapp unter eine Milliarde geschätzt.