Berlin - Auf den Berliner Bahnhöfen ist für BVG-und Bahn-Kunden oft Hindernislauf angesagt. Gerade Senioren, Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen wissen davon ein Lied zu singen. Denn Aufzüge und Rollstuhlrampen sind oft kaputt – oder gar nicht vorhanden. Jeder kennt auch den Ärger über defekte Rolltreppen, wenn die Steintreppen steil oder brüchig sind. Aber all das soll sich, so der neue Senat, bald ändern: Die rot-rot-grüne Koalition verspricht, sämtliche U- und S-Bahnhöfe bis 2020 barrierefrei zu machen. Skeptisch hakte der Abgeordnete Stephan Schmidt (CDU) gleich mal nach, wie realistisch das ist.

Berlins Hürden-Bahnhöfe

Von den 173 U-Bahnhöfen sind nur etwa 65 Prozent barrierefrei zugänglich. Das schätzt Dr. Jürgen Schneider, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung. Sein Urteil: „Hier sind wir noch lange nicht am Ziel!“ CDU-Politiker Schmidt wollte deshalb wissen, welche BVG-Bahnhöfe noch 2017 mit Aufzügen ausgestattet werden. Die Antwort des Senats: Es sind 13 U-Bahnhöfe zu Gesamtkosten von 24,4 Millionen Euro – also knapp 2 Millionen Euro pro Bahnhof. Dabei sind Stationen in der City Ost (Jannowitzbrücke), aber auch in Kreuzberg (Hallesches Tor) und im tiefen Westen (Podbielskiallee).

Die BVG plant zudem, 50 weitere Bahnhöfe zwischen 2018 und 2020 auf Barrierefreiheit zu trimmen. Hört sich gut an, aber CDU-Experte Schmidt gibt zu bedenken: „Wenn man sieht, dass gerade bei der BVG als Berliner Anstalt des öffentlichen Rechts noch sehr viel zu tun ist, kann man nur die Daumen drücken, dass der Plan eingehalten werden kann.“ Zum Vergleich: Die Deutsche Bahn hat schon 109 völlig barrierefreie S-Bahn-Stationen in Berlin. Nur neun Bahnhöfe sind noch nicht hergerichtet, bei 15 fehlt das „Blindenleitsystem“. Trotzdem geht die Bahn schon mal vorsichtig davon aus, dass sie bis ins Jahr 2023 braucht.

Die Leiden der Bürger

Ein Beispiel für dringenden Handlungsbedarf ist der U-Bahnhof Borsigwerke (U6). Hier gibt es das Einkaufszentrum Borsighallen, ein Bürgeramt und ein Ärztehaus – aber noch keine Barrierefreiheit. So auch auf dem Bahnhof Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, der nicht nur für Klinik-Besucher wichtig, sondern auch ein belebter Umsteigebahnhof ist. CDU-Politiker Schmidt sagt: „Wenn man bedenkt, dass uns schon seit 2008 der Aufzug am Kurt-Schumacher-Platz versprochen ist, der nun dieses Jahr für 1,7 Millionen Euro endlich fertig werden soll, kann man schon Zweifel an der Umsetzung bekommen.“

Die Vision der BVG

Bei den Verkehrsbetrieben selbst sieht man das natürlich zuversichtlicher. So sollen noch dieses Jahr auf allen Tram-Strecken barrierefreie Niederflurbahnen eingesetzt werden. Die BVG legt zudem ein Investitionsprogramm für 1000 neue U-Bahn-Waggons bis zum Jahr 2035 auf. Der Auftrag im Wert von rund 3 Milliarden Euro wurde gerade erst ausgeschrieben.

Hilfe für Fahrgäste

Wer auf Bahnhöfe und Bahnen ohne Hürden angewiesen ist, kann Aufzugstörungen und barrierefreie Verbindungen im Internet abrufen. Dort gibt es auch immer aktuelle Termine für kostenlose „Mobilitäts-Trainings“, bei denen Teilnehmer am stehenden Fahrzeug das Ein- und Aussteigen üben.

Finanzspritzen vom Bund

Die Region Berlin und Brandenburg soll künftig von einem „Barrierefrei-Programm“ profitieren, das Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) aufgelegt hat. Demnach werden sieben stark genutzte Bahnstationen modernisiert – darunter der Ausflugsbahnhof „Brand/Tropical Islands“. Das Ministerium will bundesweit 132 Bahnhöfe barrierefrei umgestalten – und die Hälfte der dafür anfallenden 160 Millionen Euro bezahlen. Damit auch die Fernreise barrierefrei läuft.