Berlin - Der Berliner Verfassungsschutz warnt vor dem Einfluss von Neonazi-Musik auf Jugendliche. Zurzeit sind in Berlin sechs rechtsextreme Bands aktiv. Das geht aus einer Broschüre hervor, die der Verfassungsschutz erstellt hat und am Freitag unter www.verfassungsschutz-berlin.de veröffentlichen will.

Die Broschüre ist auch eine Antwort auf die Ankündigung der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“, im Januar kommenden Jahres eine neue sogenannte Schulhof-CD zu veröffentlichen. Sie soll 14 Musiktitel enthalten. In den vergangenen Jahren haben NPD-Aktivisten bereits solche CDs vor Schulen verteilt, um Jugendliche für die nationalsozialistische Ideologie zu interessieren.

Harmlos klingende Band-Namen

In ganz Deutschland ist die Zahl der Nazi-Bands kontinuierlich gestiegen: von 90 im Jahr 2002 auf 178 im Jahr 2011. Neben den sechs Musikgruppen in Berlin, zu denen ein Netzwerk aus etwa 180 Personen gehört, gibt es in der Stadt auch drei rechtsextreme Liedermacher.

In seiner Broschüre listet der Verfassungsschutz die seit Jahren bekannten Bands „Legion of Thor“ (LOT) und „Deutsch, Stolz, Treue“ (D.S.T.)/X.X.X. auf sowie „Die Lunikoff-Verschwörung“, die der wegen Volksverhetzung vorbestrafte ehemalige Frontmann der als kriminelle Vereinigung verbotenen „Landser“ gegründet hat. In den Focus der Verfassungsschützer geriet im vorigen Jahr auch eine Gruppe mit dem harmlos klingenden Namen „Marci & Kapelle“, die schon beim Pressefest der Deutschen Stimme spielte. Sie nennt sich auch „TV“ („Tätervolk“).

Szenecodes statt offener Hetze

Die Band „Punk Front“, die jetzt ebenfalls beobachtet wird, ist laut Verfassungsschutz ein Novum in Berlin. Denn zu ihrem Umfeld gehören auch Personen, die ihrer äußerlichen Erscheinung nach der Punkszene angehören. Allerdings habe die Band bisher wenig Anklang in der rechtsextremistischen Musikszene gefunden, befanden die Verfassungsschützer.

Die Band „Second Class Citizen“ (2NDCC) bringt ihre antisemitischen und NS-verherrlichenden Inhalte dem Publikum in englischer Sprache zu Gehör, was für deutsche Nazi-Bands untypisch ist.

In den vergangenen Jahren haben Nazi-Musiker ihre Strategie geändert. Um die Musik ungestört vertreiben zu können und um Verfahren wegen Volksverhetzung oder eine Indizierung zu vermeiden, werden Liedtexte vor Veröffentlichung inzwischen anwaltlich geprüft. Nach Einschätzung der Verfassungsschützer werden die Texte trotz ihrer nach wie vor rassistischen und antisemitischen Aussagen zunehmend durch Szenecodes verklausuliert. So wird zum Beispiel anstatt von Juden von „Kabbalistischen Bankern hinter den Kulissen“ gesprochen.