Es war kurz nach einem heftigen Gewitter, der nächste Regenguss kündigte sich an. Die ersten Tropfen fielen, trotzdem blieb der Blick gebannt von dem Büroturm an der Ecke Mollstraße und Otto-Braun-Straße. Dabei ist er kaum siebzig Meter hoch. Aber endlich einmal steht ein Berliner Hochhaus nicht viel zu frei im Stadtraum, schließt mit einem knapp halb so hohen Hotelbau angemessen eine Ecke und spinnt eine ganz große städtebauliche Figur weiter, die vom Potsdamer Platz über die Leipziger Straße und Grunerstraße bis hierher reicht.

Jahrelang stand hier eine nach der Räumung wegen Konstruktionsmängeln 1988 entstandene Bauruine. Mehlschwalbenhaus genannt. 2000 verkaufte der Senat das Grundstück endlich an einen Investor, der das Berliner Büro STP-Architekten mitbrachte. Erst 2007 begann der Bau, das Hotel wurde 2010 eröffnet, der Büroturm Ende 2011.

Knapp 30 Meter hohe Plattenwohnbauten der mittleren DDR-Zeit prägen das Viertel. Der neue Hotelbau kann mit ihnen nicht konkurrieren. Graue Metallprofile mit schmalen Stegen und breiten Flächen rastern seine Fassade, in ihnen springen die Fenster mal nach links, mal nach rechts in weißen Putzflächen, ein großer weißer Rahmen fasst das Ganze zusammen.

Zu viel Instrumente für den Klang. Und dann diese Sockelzone! Im Hotelbau ist sie weiß verputzt, die Fenster sehen aus wie Löcher, am Turmbau ist sie mit hellen Kalksteinplatten verkleidet. Das soll den Betrachtern wohl das Gefühl von Pariser Boulevard vermitteln.

Aber der Schatten über dem Erdboden, der hohle Klang, wenn man gegen die Platten klopft, die Schnittkanten, die so gelegt sind, dass statisch unmögliche, asymmetrische Lasten auf den Pfeilern zu lagern scheinen, all dies zeigt: Es ist Kulisse. Das passt zum absurd altertümelnden Namen des Projekts, Königsstadt-Carree. Er soll das längst vergessene Stadtviertel der Kaiserzeit beschwören.

Wie elegant, schlank und rank, unverhohlen jetzig steigt aus diesem Gemenge das Hochhaus auf. Die Glasplatten, mit denen die Fassade verkleidet ist, funkeln im Gewitterlicht satt dunkel grünlich bis türkis, im Sonnenlicht fast hellgrau. Die an einigen Stellen in die Fensterwandungen eingelassenen blauen Neonleuchten geben einen surreal schillernden Effekt.

Die Fenster verspringen auch am Turm, werden von breiten Streifen begleitet. Aber sie haben eben keine eigenen Rahmungen, verweben sich stattdessen mit dünnen Profilen zu einem dichten Muster. Sicher, ästhetisch erinnert das, wie schon das Foyer, an die Architektur der späten 1960er-Jahre, als man versuchte, die nüchternen Glaskästen der Nachkriegszeit dekorativ aufzulockern.

Viel mehr noch aber ist diese Fassade eine Hommage an den großen Theoretiker des 19. Jahrhunderts, Gottfried Semper, der alle Architektur aus dem Zeltbau ableitete, aus der Verkleidung eines Gerüsts mit Tüchern, Teppichen und Planen, die in ihrem Dekor dies Gerüst widerspiegeln sollen.

Eine Architektur der Bewegung also, des Wanderns. Dank der weiten Kreuzung können sogar Autofahrer dieses Erlebnis haben, den Sockel und die Nebenbauten einfach übersehen beim Blick nach oben.

Architekten: STP-Architekten Berlin, Wolfgang Thaeter, Martin Schlimpert und Partner. Adresse: Moll-/Otto-Braun-Straße.