Seit drei Wochen geben Menschen aus Berlin in einer Serie Auskunft darüber, wie die Inflation sich auf ihren Alltag auswirkt. Mit wie viel Geld müssen sie auskommen, welche Kosten sind gestiegen, worauf verzichten sie jetzt? Die Menschen lassen Reporterinnen der Berliner Zeitung in Haushaltsbücher schauen, legen Einnahmen und Ausgaben offen.

Eine Verkäuferin, 47 Jahre alt, seit 27 Jahren berufstätig, verdient 1627 Euro netto. Seit die Preise steigen, hat sie Angst um ihre Zukunft. Eine Ärztin, 28 Jahre alt, am Anfang ihres Berufsleben, erzählt vom Gegenteil. Durch Zulagen für Dienste kommt sie oft auf 4500 Euro netto im Monat, im Skiurlaub gibt sie schon mal fast einen Monatslohn aus, denn finanziell geht es ihr „so gut wie nie“.

Viele Leserinnen und Leser haben sich gemeldet, um selbst von ihrer finanziellen Lage zu berichten – oder die erschienenen Folgen zu kommentieren. Hier lesen Sie Auszüge aus den Zuschriften.

„Wocheneinkäufe enden kaum unter 100 Euro“

Immer öfter sehe ich in den verschiedensten Einkaufsstätten Menschen, die Kassenzettel kontrollieren und ungläubig auf den Endpreis schauen. Normale Wochenendeinkäufe enden kaum noch unter 100 Euro. In vielen Fällen geht es auch weniger um die Unterbrechung der Transportketten oder höhere Energiekosten, sondern schlicht und einfach um Preistreiberei. Die Situation betrifft in keinem Fall nur Kunden der Tafeln oder Bezieher von ALG II, sondern immer mehr Familien, Alleinerziehende, Rentner und Niedriglohnempfänger. Sie wird sich mit den Heizkostennachzahlungen und Energierechnungen der nächsten Monate noch dramatisch verschärfen. Jürgen Heyne

„Wir gönnen uns keine neuen Kleider“

Auch meinem Lebenspartner und mir fehlt es am Geld, und das bereits schon Anfang des Folgemonats. Wir teilen uns die Kosten. Er zahlt alles rund um die Wohnung, und ich zahle den Rest, das sind Lebensmittel, Urlaub und, und, und. Zusätzlich zahle ich seit Jahren noch einen Kredit ab, der mich monatlich 710 Euro kostet.

Warum? Mein Mann und ich hatten einen Kinderwunsch, welcher auf natürliche Art nicht klappte, also sind wir in eine Kinderwunschklinik. Dadurch haben wir einen Kredit aufnehmen müssen, weil die Krankenkassen so etwas leider nicht übernehmen. Ende vom Lied war, dass wir uns – und ohne Erfolg – sehr hoch verschuldet haben, sodass wir jeden Monat so sehr im Minus sind, nie was von unserem Gehalt haben.

Mein Mann verdient etwas über 1400 Euro netto, ich bekomme um die 1800 Euro netto. Warum verzichtet die Politik nicht eine Zeit lang auf ihre Diäten? Lässt die Politik auch die Heizung aus ab Herbst? Lassen die Politiker auch das Auto stehen und fahren mit der Bahn? Was ich noch erwähnen möchte/muss: Wir sind nur ein Zweipersonenhaushalt, haben kein Auto, essen jeden Abend nur Salat, kaum Brot oder ein Gericht mit Fleisch, wir gönnen uns sehr selten mal einen Abend in einem Restaurant, keine neuen Kleider. Da fragt man sich, wo das Geld hingeht. Ramona Heller

Serie: Kassensturz – so viel bleibt den Berlinern zum Leben

Lebensmittel sind teurer geworden, Heiz- und Energiekosten gestiegen. Der Winter wird hart, heißt es, die Prognosen sind düster. Wie können Berliner und Berlinerinnen das schultern?
Wir treffen Angestellte, Rentner, Gastronomen und viele mehr, die uns offen darlegen, wie viel sie verdienen und was davon jetzt und künftig noch übrig bleibt. Alle, die uns einen Blick in die Haushaltskasse erlauben, bleiben auf Wunsch anonym.
Wenn auch Sie uns Ihre Lage schildern wollen, können Sie uns gerne schreiben. Kontakt: leser-blz@berlinerverlag.com

„Ich habe Angst, im Winter zu hungern“

Ich bin Erwerbsunfähigkeitsrentnerin mit Grundsicherung, habe 732,69 Euro Rente und 80,67 Euro Grundsicherung. Davon bezahle ich 363,22 Euro Miete, 60 Euro Strom, 30 Euro Sterbeversicherung, 15,85 Euro Hausrat- und Haftpflichtversicherung, 29,99 Euro Telefon und 14,99 Euro Handy.

Ich habe eine große Wut auf unsere unvernünftige und unverantwortliche Regierung. Man testet beim deutschen Volk, wie weit man noch gehen kann. Sie fordern uns auf, Strom und Gas zu sparen, was bestimmt viele jetzt auch notgedrungen tun. Ob die Obrigkeit bei Kerzenlicht und kalten Räumen dies tun würde?

Große Fußballspiele müssen in dieser ernsten Lage nicht sein. Die Profifußballer verhungern bestimmt nicht, wenn darauf verzichtet wird. Auch Straßenbeleuchtungen müssen nicht alle brennen. Ehrlich gesagt, ich habe Angst, im Winter zu frieren und zu hungern. Ich mache mir große Sorgen um meine Tochter und die beiden Enkel. Es wird in der Krise viele Menschen geben, die suizidgefährdet sind. Ich hätte nie im Leben daran gedacht, so eine Katastrophe miterleben zu müssen. Karin Denn

„Wir haben früher nur einmal in der Woche gebadet“

In meiner Kindheit, Anfang der 70er-Jahre, haben wir einmal in der Woche gebadet, ansonsten haben wir uns gewaschen und waren auch sauber. An Strom und Heizung wurde ganz selbstverständlich gespart und wir haben uns auch im Haus jahreszeitlich entsprechend gekleidet. Meine Mutter hat aus wenigen und preiswerten Zutaten frisches und gesundes Essen zubereitet und den Urlaub haben wir im Schwimmbad oder bei Verwandten verbracht. Es ging uns gut und wir waren zufriedener als viele Menschen heute. Magdalena Streib

„Fleisch schaut man sich nur noch auf Bildern an“

Man kann sich das bald nicht mehr anhören. Ich bin EU-Rentner, habe nicht einmal 900 Euro Rente. 280 Euro davon zahle ich an das Sozialamt, weil meine Frau Sozialhilfe bezieht und wir somit eine Bedarfsgemeinschaft bilden. Mir haben sie vor 20 Jahren die Wirbelsäule versteift. Meine Frau hatte vor paar Jahren einen Schlaganfall und geht dreimal in der Woche zur Dialyse. Für eine Person erhalten wird die Energiepauschale. Letztes Jahr für eine Person die Corona-Hilfe.

Familien wie wir überlegen, was es zu essen gibt, ob man zu Kartoffeln und Quark noch etwas Leberwurst isst. Oder ob man zu Kartoffeln und Soße etwas Gemüse essen kann, denn Fleisch schaut man sich mittlerweile nur noch auf Bildern an. Und dann stellt sich ein Politiker hin und erzählt, das Fleisch müsste dreimal so teuer werden. Günther Schmidt

„Wie ich das alles jeden Monat bezahle? Ich weiß es nicht“

Ich bin 47 Jahre alt, Erwerbsunfähigkeitsrentnerin und alleinerziehende Mutter von zwei Jungen (11 und 13), habe Abitur, Ausbildung und etwas über 25 Arbeitsjahre von der Rentenversicherung anerkannt bekommen. Meine Kinder und ich haben monatlich circa 2000 Euro netto zur Verfügung (Rente, Kindergeld, Unterhalt für die Kinder und ein kleines bisschen Hilfe zum Lebensunterhalt vom Sozialamt). Durch Miete und Strom sind jeden Monat über 900 Euro sofort weg.

Bleiben noch knapp 1100 Euro für: Telefon und Internet, Auto (da ich nichts tragen darf und mir das Laufen schwerfällt, bin ich darauf angewiesen), Haustiere, die ich schon vor meiner Erwerbsunfähigkeit hatte, ständig neue Kleidung und Schuhe für die schnell wachsenden Kinder, Schulbedarf, der die staatlichen Zuschüsse weit übersteigt, Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke für meine Kinder, Ratenzahlungen für eine Waschmaschine und eine Kühlgefrierkombi, da der Staat auch für lebensnotwendige Haushaltsgeräte die Kosten nicht übernimmt und zu guter Letzt müssen wir dann auch noch etwas essen und trinken! Wie ich das alles jeden Monat von 1100 Euro bezahle? Ich weiß es selber nicht. Inga Hofmann

„Von 880 Euro muss ich uns drei ernähren und mehr“

Ich, alleinerziehende Mutter zweier Kinder von fünf und sieben Jahren, habe monatlich 1800 Euro. Nach Abzügen von Miete, Strom, Telefon und Betreuungskosten meiner Kinder bleiben mir 880 Euro monatlich übrig. Und damit muss ich uns drei ernähren, Kleidung kaufen, tanken.

Ich kann es mir leisten, einmal im Monat einen Ausflug zu machen oder mehrmals ins Freibad zu gehen und sogar auch mit den Kindern zu McDonald’s oder ins Kino zu fahren und auch mal ein Eis zu kaufen. Wenn man Kredite aufnehmen kann, für die man monatlich so viel ausgibt, dann ist das doch eigenes Verschulden. Oxana Köppelin

„Mein Mann erhält 868 Euro Rente, davon kann er nicht leben“

Mein Mann hat 47 Jahre gearbeitet, war Reisebusfahrer, von Marokko bis Türkei unterwegs, kaum zu Hause. Heute erhält er 868 Euro Rente. Davon könnte er allein nicht leben. Mit einem Minijob verdient er dazu. Ich bekomme jetzt auch Rente. 47 Jahre gearbeitet und 1650 Euro Rente. Zusammen können wir noch davon leben. Wie das jetzt mit allen Preiserhöhungen wird, bleibt abzuwarten. Marina Swiniartzki

„Kann ich dieses Leben den Kindern zumuten?“

Ich habe momentan 848 Euro netto im Monat, dazu 136 Euro Wohngeld. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern musste ich mich auch manches Mal fragen, ob ich dieses Leben meinen Kindern wirklich zumuten kann. Aber eine andere Wahl hatten wir nicht.

Heute denke ich: Stets gingen die beiden mit mir gemeinsam durch eine knallharte Schule! Ungeplant und ungewollt haben sie dabei rechnen und wirtschaften gelernt, mussten sich gegenseitig erziehen, weil mein Berufsleben immer Vorrang hatte, denn damit habe ich Geld verdient, dass auch sie mit ausgeben durften. So viel Vertrauen muss sein! Wir sind als Familie eine Einheit. Brigitte Albrecht

„Wir leben von Hartz IV und Pflegegeld“

Meine Frau und ich bekommen 1280 Euro Hartz IV und 316 Euro Pflegegeld. Ich bin 48 Jahre alt und seit 2008 krank zu Hause. 2019 bekam ich Pflegegrad 2. Mittlerweile sitze ich im Rollstuhl, da ich nicht mehr laufen kann. Ich habe diverse unheilbare schwerwiegende Erkrankungen.

Meine Frau bleibt für mich oder wegen mir zu Hause. Nicht mal die Miete unserer 57 Quadratmeter großen Wohnung wird komplett übernommen. Für meinen Elektrorollstuhl brauche ich eine Garage, die ich selber finanzieren muss. Raik Oppermann

„Meine Bekleidung ist teilweise 20 Jahre alt“

Ich bin Frührentnerin, bekomme 872 Euro EU-Rente und 108 Euro Wohngeld! Wenn ich Miete, Gas, Strom, Telefon, TV und Kfz-Versicherung pro Monat bezahlt habe, bleiben mir noch nicht mal 300 Euro zum Leben. Ich habe eine chronische Erkrankung und bin aus gesundheitlichen Gründen auf den Pkw angewiesen. Aus türkischem Apfeltee für 99 Cent bekomme ich fünf Liter Getränk, meine Krankenhaus-Rechnung (10 Euro Krankenhaus-Tagegeld) zahle ich in 10-Euro-Raten an die Krankenkasse ab, da ich keine 40 Euro habe. Meine Bekleidung ist teilweise 20 Jahre alt. Gloria Klimert

„Wie soll das mit dem zweiten Kind in Zukunft werden?“

Ich bin Physiotherapeutin, habe den Beruf sogar studiert, leider hat sich bisher finanziell überhaupt gar kein Vorteil gezeigt. Angefangen habe ich mit 30 Stunden für 1000 Euro netto, weiter ging es dann mit 40 Stunden inklusive Samstagsdienst für 1400 Euro netto, bei der nächsten Stelle waren es dann 1600 Euro netto für 40 Stunden.

Das alles als Alleinstehende in Steuerklasse 1. Dann habe ich mein erstes Kind bekommen und musste schon in der Elternzeit kellnern gehen, denn obwohl mein Freund gearbeitet hat, reichte bei der hohen Miete das Geld nicht. Nach der Elternzeit habe ich mir eine neue Stelle gesucht für 35 Stunden mit 2000 Euro netto. Ich war stolz darauf, dass nun vorne eine zwei stand.

An Rente würde ich 1000 Euro bekommen, wenn ich so weiterarbeiten würde, was nicht gerade vielversprechend klingt. Nun habe ich mein zweites Kind bekommen, befinde mich in Elternzeit mit erneut nicht so viel Elterngeld. Die Nebenkostenabrechnung war schon letztes Jahr deutlich mehr als gedacht, aber wie soll es denn in der Zukunft werden? Wir müssen waschen, uns duschen … Beim Einkaufen achten wir auf Bioqualität und Fleisch gibt es selten.

Trotzdem wird es immer schwieriger, vor allem wenn die Grundnahrungsmittelpreise so steigen wie Butter. Ins Restaurant oder Ähnliches gehen wir gar nicht mehr. Lucie Delaunay

„Jeder Mensch hat andere Ansprüche“

Ich lese die Serie und bin immer wieder verblüfft, dass die Menschen in dieser Serie es schwer zu haben scheinen, obwohl sie in meinen Augen recht viel Netto haben. Diese Serie gibt mir das Gefühl, dass ich mit meinem Nettoeinkommen schon auf dem Boden kriechen müsste.

Natürlich steht es jeder Person frei zu entscheiden, was als Luxus und Grundbedarf gelten soll, denn jeder Mensch hat andere Ansprüche. Trotzdem wirken die vorgestellten Personen auf mich nicht, als müssten sie künftig durch die Inflation am Hungertuch nagen. Ja, die vorgestellten Personen müssen Kredite abbezahlen, aber da muss doch auch irgendwann mal ein Ende in Sicht sein. A. Henze

Die bisher erschienenen Folgen der Serie „Kassensturz“: