Wie sieht der Tod in Zukunft aus?

Die Frage, wo das Leben hinführt,  hängt ja irgendwie zusammen mit: Wo komme ich her? Lea Gscheidels Mutter ist Hebamme. Der Vater hat vieles ausprobiert, war Pädagoge und Verleger. Als Lea Gscheidel Abitur machte, wurde er Bestatter. Sie fand das nicht merkwürdig, im Gegenteil. „Ich habe ihn dafür bewundert, dass er das einfach so gemacht hat.“ Und als es im Studium mal darum ging, dass Erstgeborene oft das Familienunternehmen übernehmen, fühlte sie sich angesprochen: „Ich könnte nicht ertragen, dass das, was mein Vater aufgebaut hat, einfach so verschwindet, wenn er mal nicht mehr da ist.“

Es war dann nur ein kleiner Schritt. „Ich mach’ dir mal deine Website neu, die sieht ja aus wie aus den Neunzigern“, so begann es. Ein Vortasten auf einem Terrain, auf dem sie sich zu bewegen weiß, dem Internet. Wo junge Bestatter auf Plattformen wie Twitter Gedanken darüber teilen, wie der Tod in Zukunft aussehen kann.

Sie verwenden eigene Hashtags: #redeath, #lifedeathwhatever, #babyloss, #unsaid, #digitalafterlife. Es geht um neue Formen der Bestattung, um „green burials“ mit einfachen Särgen aus Naturholz und ohne Metallbeschläge, ausgekleidet mit unbehandelter Baumwolle. Es geht um Trauer in Zeiten von Facebook und darum, wie man sich um den eigenen digitalen Nachlass kümmert. Das Internet gibt dem Nachdenken über den Tod einen neuen Raum. Da ist zum Beispiel eine junge Bestatterin aus Los Angeles, die aussieht wie die Sängerin einer Rockabilly-Band. Sie stellt kurze Clips auf Youtube, in denen sie Fragen aus dem Gruselkabinett unserer Vorstellung vom Tod beantwortet: Wie lange dauert die Leichenstarre? (Bis zu drei Tage.) Müssen die Knochen eines Verstorbenen gemahlen werden, nachdem er im Krematorium verbrannt wurde? (Ja.) Wie schließt man den Mund eines Verstorbene? (Er wird mit Haken in der Mundhöhle fixiert oder von innen zugenäht, zumindest nach der konventionellen Methode. Es reicht auch, ein zusammengerolltes Stück Stoff unter das Kinn zu klemmen.) 

Die Videos werden Hunderttausende Male angeklickt. Und wenn Caitlin Doughty fertig ist mit ihren Erklärungen, die so wissenschaftlich wie humorvoll sind, ist von dem Grusel nicht mehr viel übrig. Vielmehr bleibt das Gefühl: Aha, so ist das also. „Der Tod ist eine Black Box“, sagt Lea Gscheidel. „Dabei ist alles normaler, unspektakulärer als viele denken.“ Und nur wer weiß, was ihn erwartet, kann selbstbestimmt entscheiden.

Die Geschichte hinter einem Tod

Lea Gscheidel wusste anfangs nicht, ob sie das kann, ob sie das überhaupt will – Bestatterin sein. „Bevor ich nicht meinen ersten Toten gesehen habe, entscheide ich gar nichts“, hat sie sich gesagt.

Dann war es gar nicht so schlimm. Sie hatte die Frau, die an Krebs erkrankt war, noch im Krankenhaus besucht, sie hat sich noch selbst um ihre Beerdigung gekümmert. Die Frau starb ein paar Monate später. „Es ist einfacher, wenn man die Geschichte hinter einem Tod kennt“, sagt Lea Gscheidel.
Was sie viel mehr umtrieb: Bin ich nicht zu jung? Was kann ich den Menschen in diesem Moment geben? „Mein Vater ist so ein Seebär-Typ“, sagt sie. „Er gibt einem das Gefühl: Mit ihm an deiner Seite kann dir nichts passieren. Das kann ich  einfach nicht bieten.“

Doch dann gab es diesen Moment. Sie begleitete eine Mutter, deren Sohn, dreißig Jahre alt, sich umgebracht hatte. Als es darum ging, den Sohn anzukleiden, sagte die Mutter: „Ich kann das nicht.“ Aber als sie Lea Gscheidel dabei zusah, wie sie dem Sohn die Socken anzog, habe sie gedacht: Wenn die Kleine das schafft, dann kann ich das auch.  „Als sie mir das später erzählte, war das ein Schlüsselmoment“, sagt Lea Gscheidel. „Ich habe gemerkt, dass ich so jung bin, das hat auch Vorteile.“

"Das bin nur ich"

Nur etwa die Hälfte der Verstorbenen, um die sich Lea Gscheidel und ihr Vater Uller kümmern, sind über fünfzig Jahre alt. Sie begleiten, unterstützt von Lea Gscheidels Mutter, der Hebamme, besonders viele junge Familien, deren Kinder oder ungeborene Kinder gestorben sind. Deshalb sind auch die Hinterbliebenen oft noch junge Erwachsene. „Ich spreche dieselbe Sprache wie sie“, sagt Lea Gscheidel. „Da sitzt nicht plötzlich ein Mensch am Küchentisch, der sich fremd anfühlt. Das bin nur ich.“

Es braucht nicht viel, um in Deutschland Bestatter zu werden. Eine Anmeldung bei der Handelskammer, fünfzig Euro Gebühr. Das ist alles. Es gibt auch eine Ausbildung, in der geht es viel um Buchhaltung und Personalführung, Dinge, die Lea Gscheidel schon im Studium gelernt hat. Was sie über den Umgang mit den Verstorbenen und mit den Hinterbliebenen wissen muss, lernt sie von ihrem Vater. Sie hat einen Lehrgang in den Niederlanden besucht und sich die Arbeit bei ein paar anderen Berliner Bestattern angesehen, weil sie neugierig war.
„Das ist kein Hexenwerk, was wir da machen“, sagt sie. „Wir sind Menschen und haben es mit Menschen zu tun.“ Das ist ihr Kompass, dem sie bei ihrer Arbeit folgt. Ein Satz, so simpel wie radikal.

Die meisten Bestatter in Deutschland verstehen sich als Dienstleister. Sie sind Verkäufer, ihr Geschäft ist der Tod. Man muss das gar nicht anrüchig finden. Längst bietet das Internet auch hier die Möglichkeit, Preise und Service zu vergleichen. Auf der Website mymoria.de können Hinterbliebene alles, was zu einer Beerdigung gehört, selbst in den virtuellen Warenkorb legen, vom Kiefernsarg „Zimtstern“ bis zum Trauerkarten-Set „Kreuz“. Der perfekte Service.

Gegen die Ohnmacht

Nur: Ist es tatsächlich das, was den Menschen in dieser Situation hilft? „Produkte verkaufen ist nicht meine Hauptaufgabe“, sagt Lea Gscheidel. Sie sieht sich als Begleiterin auf einem Weg, den man nur einmal gehen kann. „Zu sagen, dir ist etwas Schlimmes passiert, ich nehme dir jetzt alles ab, finde ich da wenig hilfreich.“ Sie will die Beerdigung zurück in die Hände der Familie legen. Den Angehörigen das Gefühl geben, dass sie über jeden Schritt frei entscheiden können. Gegen die Ohnmacht, die sich mit dem Tod über das Leben legt.

Es ist am Ende gar nicht so wichtig, wie diese Schritte aussehen. Auch wenn Lea Gscheidel immer wieder merkt, wie wenig die Menschen darüber wissen, was sie dürfen. Den Verstorbenen 36 Stunden lang zu Hause zu behalten zum Beispiel; bei allem dabei sein, was mit ihm geschieht. Sie drängt niemanden dazu. Aber sie erklärt, warum das helfen kann.