„Wohin damit?“, fragt ein kräftiger junger Mann und stellt einen großen Karton am Verkaufstresen ab. Der Pappkarton ist voller Bücher. Es sind Spenden aus einer Haushaltsauflösung, die durchgesehen und sortiert werden müssen. Cornelia Temesvári wirft einen Blick in den Karton und dirigiert ihn in den hinteren Teil des etwa 250-Quadratmeter-Raums im Erdgeschoss des gelb geklinkerten Industriebaus am Mehringdamm 51 in Kreuzberg. Dort, im zweiten Hinterhof, wo früher mal ein Bioladen war, ist seit zehn Jahren ein Projekt beheimatet, das einzigartig ist in der Stadt: der „Berliner Büchertisch“, dessen Mitarbeiter es sich zum Ziel gemacht haben, Bücherspenden zu sammeln und sie dann jedermann wieder zugänglich zu machen – entweder werden sie verschenkt oder zu symbolischen Preisen zwischen drei und maximal fünf Euro verkauft.

Rund 30.000 Bücher sind in den drei Meter hohen Regalen einsortiert. Abnehmer sind Menschen, die sich neue Bücher nicht leisten können. Jeder kann die Bücher kaufen, niemand muss irgend eine Bedürftigkeit nachweisen. Abnehmer sind auch Schulbibliotheken und soziale Einrichtungen, die so ihr Sortiment aufstocken. Vor allem aber sind es Kinder aus dem Kiez, in deren Familien lesen nicht selbstverständlich ist. Jedes Kind kann sich jeden Tag ein Buch kostenlos mitnehmen. Zudem werden für Schulklassen regelmäßig Bücherkoffer gepackt, deren Inhalt jährlich ausgewechselt wird. Ein Angebot, das vor allem von Kreuzberger Grundschulen gern angenommen wird. Rund 100.000 Exemplare, die teilweise auch von Verlagen gespendet werden, wechselten allein im Vorjahr kostenlos den Besitzer. Etwa noch mal so viele wurden verkauft.

Doch die Akteure des „Büchertisches“ sorgen sich um die Zukunft ihres Projekts. Denn sie müssen raus aus den Räumen am Mehringdamm. „Der Hauseigentümer hat uns zum 31. Januar 2017 gekündigt“, sagt Cornelia Temesvári. Die 35-jährige Literaturwissenschaftlerin kam als Studentin zum Projekt, arbeitete dort zunächst ehrenamtlich und zählt inzwischen zum Vorstand der Genossenschaft, als die der „Büchertisch“ seit drei Jahren arbeitet. Die Altbauten am Mehringdamm 51, ein fünfgeschossiges Wohnhaus an der Straße und mehrere Häuser um zwei Hinterhöfe herum gehören der Firma Taliesin, einem Immobilienfonds, der 2006 auf der Kanalinsel Jersey gegründet wurde. Sein Ziel ist laut Firmen-Website die Investition in Wohn- und Gewerbeimmobilien, vor allem in Berlin. Die zuständige Berliner Hausverwaltung Core Immobilienmanagement GmbH bestätigt die Kündigung. Was der Eigentümer anschließend mit dem Gewerbegebäude im zweiten Hinterhof vor hat, sei noch unbestimmt, heißt es dort.

Bezahlbare Räume werden knapp

Einige Wohnungen in den Bauten stehen leer. Mehrere, offenbar defekte Fenster der oberen Etage sind mit Plastikplanen bedeckt, Bauarbeiter seien vor gut zwei Wochen wieder abgerückt, erzählen Nachbarn. Und der Gewerbebau im zweiten Hinterhof hat außer dem „Büchertisch“ gar keinen weiteren Mieter. Cornelia Temesvári sagt, es sei legitim, wenn ein Eigentümer sein Eigentum anders nutzen möchte als bisher. „Aber es ist auch legitim, darüber zu reden, was dies mit den Menschen macht.“ Für den Kiez am Mehringdamm bedeute es den Verlust von viel Lebensqualität.

Denn auch dort müssen immer mehr nichtkommerzielle Einrichtungen weg – darunter Kinderläden und Kitas, die steigende Mieten nicht mehr bezahlen könnten. Traditionelle Trommelschulen, die wie im Fall der Bockbrauerei ganz in der Nähe Luxus-Wohnungsbauplänen von Investoren im Wege stünden. „Der soziale Reichtum im Kiez muss immer mehr dem Kommerz weichen“, sagt Temesvári.

Der „Büchertisch“ hat jetzt ein halbes Jahr Zeit, um neue Räume zu finden, die etwa 500 Quadratmeter groß – und vor allem bezahlbar sind. Ob die Genossenschaft in Kreuzberg etwas Adäquates findet, bleibt abzuwarten. Der „Büchertisch“, so lautet ein Vorschlag im Bezirksparlament, könnte doch die Räume der Bona-Peiser-Bibliothek an der Oranienstraße beziehen. Für die Bibliothek fehlen dem Bezirk Mitarbeiter, sie soll eigentlich zum sozialen Treffpunkt für die Nachbarschaft werden. Oder eben zum neuen Hauptstandort für den „Büchertisch“. Entschieden ist noch nichts.