Berlin - Er hat schon viel erlebt. Vier Jahrzehnte lang war er in Berlin unterwegs, um treu und brav viele tausend Menschen sicher ans Ziel zu bringen. Dann nahm er an einem Fest-Korso aus traurigem Anlass teil. Es folgte ein langes Zwischenspiel als Nostalgie-Bähnchen.

"Schade um diesen Wagen"

Nun könnte es für den Straßenbahnwagen 3344 wieder eine neue Aufgabe geben. Denn bei den Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) denkt man darüber nach, das historische Fahrzeug öffentlich zu präsentieren. Vor der Zentrale des Landesunternehmens könnte die 90 Jahre alte Bahn an die Vergangenheit erinnern. „So eine Idee gibt es“, bestätigt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Doch es gibt auch Kritik. „Schade um diesen Wagen“, meint ein Nahverkehrsfan.

Auf den Plänen des Senats ist das neue technische Denkmal schon eingezeichnet. „Historischer Straßenbahnwagen“ – so wurde es auf dem Lageplan für die neue Holzmarktstraße vermerkt. Während des Umbaus der wichtigen Straßenverbindung in Mitte, der bis zum kommenden Jahr dauern soll, wird auch der Mittelstreifen neu entstehen. Vorgesehen sind Parkplätze, Grünflächen – und ein Bereich, in dem der Wagen 3344 aufgestellt werden könnte. Dieser Bereich befindet vor der Einfahrt zur BVG-Tiefgarage.

Dem Schneidbrenner entkommen

So viel steht fest: Der Wagen würde auffallen. Schließlich ist es schon mehr als 46 Jahre her, dass in der Holzmarktstraße zuletzt eine Straßenbahn gesehen wurde. 1970 hatten sich die Auto-Fans auch dort durchgesetzt: Der Betrieb endete.

Die Idee, auf dem Mittelstreifen an die Vergangenheit der BVG zu erinnern, fand bei der Chefin des Unternehmens, Sigrid Evelyn Nikutta, eine Fürsprecherin. Die Wahl fiel auf den Wagen 3344, der momentan im Betriebshof Weißensee steht. „Es ist ein Fahrzeug mit einer bewegten Vergangenheit“, so der Berliner Verkehrshistoriker Reinhard Demps.

Der Oldtimer von 1927 gehört einer Bauart an, die mit mehreren hundert Triebwagen lange Zeit Berlin prägte. Irgendwie schaffte er es, in einem zunehmend straßenbahnfeindlichen Umfeld zu überdauern. Selbst als die BVG unter dem Beifall der meisten Bürger eine Strecke nach der anderen stilllegte und immer mehr Züge verschrotten ließ, blieb das Fahrzeug im Einsatz – bis zum Ende des Straßenbahnbetriebs in West-Berlin vor fast 50 Jahren. Am 2. Oktober 1967 war es sogar beim großen Abschiedskorso dabei.

Das Auto hatte die „Elektrische“ aus dem Westen der Stadt verdrängt, aber auch danach kam Wagen 3344 nicht unter den Schneidbrenner. Stattdessen stand er am 16. August 1978 erneut im Licht der Öffentlichkeit. Damals fiel der Startschuss zu einem der merkwürdigsten Verkehrsangebote, das es je in Berlin gegeben hat. Täglich außer dienstags pendelte der Wagen zwischen Nollendorfplatz und Bülowstraße – wo heute die U 2 fährt. Die Hochbahnhöfe dienten damals als Trödel- und Flohmärkte, zugeramscht mit Antiquitäten, Nippes, Kunst.

Reinhard Demps, der 1987 ein DDR-Visum für einen Besuch im Westen bekam, nutzte die Gelegenheit zu einer Tour. „Es fuhr nur eine Handvoll Leute mit“, erinnert er sich. Das hing wohl mit dem Fahrpreis zusammen, der aus damaliger Sicht mit einer Mark recht hoch war. In die Museumsbahn hatte die BVG 410.000 Mark (nach heutiger Währung 205.000 Euro) investiert. Damit sie sich rentierte, wurden pro Tag 300 zahlende Fahrgäste benötigt.

Zuckelei mit Tempo 10

Ob sie wirklich schwarze Zahlen schrieb, ist nicht bekannt. Die Debatte, ob der auf Tempo 10 limitierte Betrieb zukunftsfähig ist,  erübrigte sich nach dem Mauerfall allerdings.  Am 15. April 1991 war Schluss. Seit 1993 sind auf dem Viadukt wieder U-Bahnen unterwegs, wie  bis 1972.
Zuletzt diente die alte Straßenbahn  als Kulisse in einem  Film, der im Zweiten Weltkrieg spielt, erzählt Hartmut Gröschke vom Denkmalpflege-Verein Nahverkehr. „Auf den Fenstern klebt noch  blaue Folie“, so der Vereinsvize. Sie sollte eine Lichtstimmung wie während der  Verdunkelung im Bombenkrieg erzeugen.

Wagen muss vor Wind und Wetter geschützt werden

Bis 2018 sei noch Zeit zu entscheiden, ob der Wagen tatsächlich auf  der Holzmarktstraße aufgestellt wird, sagte Reetz. Es gebe auch Gründe, die dagegen sprechen, meinten Beobachter.  So müsse der Wagen, dessen  Wände aus beblechtem Holz  bestehen, vor Wind und Wetter geschützt werden.

Ein Konzept sieht vor, eine Glasumhausung zu bauen.  Auf jeden Fall müsse das Fahrzeug, das in einem schlechten Zustand ist, erst einmal aufgearbeitet werden. Zu einem weiteren Kostenfaktor könnte der Einbau von Sicherheitsglas werden. Das jetzige Fensterglas splittere viel zu leicht.
Überhaupt könnte Vandalismus zu einem Problem werden. Es gibt die Befürchtung, dass der Wagen oder seine Umhausung beschmiert und beschädigt werden. „Wir sind nicht glücklich über den Plan“, ist in der  Berliner Fan-Szene zu hören.