Berlin - Es bleibt ein Reiz-Thema: Illegale Partys in Berliner Parks, bei denen Polizei und Feiernde aneinander geraten, bei denen Anwohner über Lärm und Müll klagen. In der Nacht zu Freitag wurden mehrere Beamte verletzt, die versuchten, eine Party im Weinbergspark in Mitte aufzulösen. Politiker Tom Schreiber (SPD) forderte Zäune, Polizeigewerkschafter Benjamin Jendro (GdP) Flutlicht als Abschreckung für Jugendliche.

Jugendforscher Simon Schnetzer vertrat im Interview mit der Berliner Zeitung die Ansicht, dass Verbote nicht helfen. Der Staat habe es versäumt, Räume anzubieten, wo die Jugend unter Einhaltung der Regeln zusammenkommen kann, kritisierte der Autor der Studie „Jugend und Corona“. „So etwas organisieren Clubbetreiber seit Jahrzehnten erfolgreich.“ 

Und tatsächlich liegen, wenn man nachfragt, fertig ausgearbeitete Pläne in den Schubladen der Party-Organisatoren. „Wir arbeiten seit vielen Jahren an Konzepten für Free Open Airs, die spontane Veranstaltungen in Parks und freien Flächen ermöglichen sollen“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission, dem Verband der Berliner Club-, Party- und Kulturveranstalter. „Die Idee dahinter ist, mit den Möglichkeiten der Technik niemanden zu stören, weder Anwohner noch Natur, und Orte so zu hinterlassen, wie sie vorgefunden wurden.“ Zu diesem Thema gebe es bereits seit 2014 Workshops mit der Industrie- und Handelskammer (IHK).

Mobile Toiletten, Boxen ohne Lärm

So könne man etwa mobile Toiletten aufstellen und Boxen durch Techniker so positionieren, dass die Musik niemanden rundherum stört, etwa in Kuhlen oder hinter Hügeln und Mauern. Dafür könne man Zonen in Parks definieren, die weit weg von Wohnhäusern sind. In Finnland etwa gebe es Areale am Strand, wo Strom, Frisch- und Abwasser zur Verfügung gestellt würden, die man ohne vorherige Anmeldung nutzen und nach Verbrauch zahlen könne.

Bereits jetzt unterstützt die Clubcommission sogenannte Awareness-Teams: Freiwillige, die nach Partys aufräumen oder bereits im Voraus im Park bei Dämmerung Gruppen auf Abfallvermeidung ansprechen und Müllsäcke austeilen. „Mitten in der Nacht ist es zu spät für so etwas, dann lassen die Leute alles liegen, wenn sie vor der Polizei fliehen“, sagt Leichsenring, der Zäune und Flutlicht für keine Lösung hält. „Verdrängung führt nur zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, dann werden schnell neue Orte gesucht.“

Hamburg und München beneiden Berlin

Generell sei in der Pandemie lange verpasst worden, junge Leute mit legalen Partyangeboten nach draußen zu bringen, statt sie drinnen in die Illegalität zu treiben, klagt Leichsenring. „Nun doktert die Politik an den Auswirkungen herum statt an den Ursachen.“ Immerhin stehe man seit einem Jahr in Kontakt mit Berliner Senat und Bezirken, um viel genutzte Flächen wie den Görlitzer Park und das Tempelhofer Feld zu entlasten.

Ein Konzept, dass durch die Pandemie nur langsam in Gang kommt, ist die Kampagne „Draußenstadt“, die erst im August so richtig anlaufen soll. „Wir haben zusammen mit den Bezirken 13 Flächen in der Stadt ausgeschrieben, wo sich Kollektive als Betreiber für Veranstaltungen wie Konzerte, Ausstellungen oder Märkte bewerben können“, sagt Leichsenring. Diese Kollektive trügen dann die Verantwortung für den Schutz gegen Lärm und Müll. Städte wie Hamburg oder München würden Berlin um solche Konzepte beneiden.

Generell hält der Sprecher der Clubcommission aber eine Umwidmung des Parkgedankens für sinnvoll. „Parks werden schon lange anders genutzt als früher, die Definition von Erholung hat sich geändert, nicht jeder sucht sie in Ruhe, manche wollen lieber tanzen, Freunde treffen oder Sport treiben.“ Das könne man bei der Planung von Grünflächen beachten, wie etwa im Mauerpark, der bereits als Multifunktionsort erkannt worden sei.