Eine Stadt, ein Lebensgefühl, acht Filme und 40 Jahre Clubgeschichte: Das einwöchige Clubfilmfestival hat sich ein überaus ambitioniertes Ziel gesetzt. Einen Husarenritt durch vier Dekaden Underground und Subkultur nämlich, in denen sich Berlin zum Taktgeber des weltweiten Clubuniversums aufgeschwungen hat. Denn Berlin gilt seit jeher als ein Biotop, dessen einzigartige Mélange aus ganz eigenen Erzählungen, Geboten und Chancen Ur-Berliner, Zugezogene und Hauptstadtbesucher fasziniert.

Vom Ende der 1970er Jahre bis in die Mitte der 2010er-Jahre illustriert das Festival die Biografien von Nachtgestalten, euphorisierende Trips durch ruinöse Fabrikhallen und düstere Kellergewölbe, die Hinterfragung sexueller Identitäten sowie die Konflikte, wenn zügelloser Eskapismus ungebremst auf die Härten wirtschaftlichen Überlebenskampfes prallt.

Wie lassen sich diese Widersprüche vereinbaren? Wir haben darüber mit dem Festival-Kurator Andreas Döhler gesprochen.

Herr Döhler, lassen sich 40 Jahre Berliner Clubgeschichte überhaupt in einer einzigen Woche komprimieren?

Nein, überhaupt nicht. Der Zeitrahmen „40 Jahre“ ist willkürlich und nur ein Korsett. Denn im Grunde genommen beginnt die Berliner Clubgeschichte bereits 1946 kurz nach Kriegsende mit der Eröffnung der ersten Jazz-Clubs in West-Berlin, geht weiter mit den Beatclubs Ende der 50er, gefolgt von Hippie-Psychedelic-Läden und so weiter. Die Komprimierung ist ein Kompromiss, um Lust darauf zu machen noch mehr filmisch dokumentierte Clubgeschichte zu entdecken und auszugraben.

Apropos„Kompromiss“: Welche Abstriche mussten Sie bei der Zusammenstellung machen?

Die Beschränkung der Filmauswahl bei so einem No-Budget-Projekt war die größte Herausforderung. Eine nur halbwegs angemessene filmische Aufarbeitung der Berliner Sub-und Clubkulturen mit all ihren Verflechtungen über die Jahrzehnte hinweg würde hunderte Stunden Filmmaterial umfassen und sich über Wochen strecken - und selbst dann wäre sie nicht vollständig, weil noch so viel bisher unbekanntes, unentdecktes Material in privaten Archiven schlummert. Dieses Programm versteht sich mehr als eine Art Teaser, Trailer für eine größere und längst überfällige Erzählung über die Geschichte der Sub-und Clubkultur Berlins.

Was genau umfasst der Begriff „Sub- und Clubkultur“ noch neben der reinen „Feierei“?

Im Rahmen der „Clubfilmnächte“ geht es wirklich nur um einen kleinen Ausschnitt, der bestenfalls aber eine Idee vermittelt, wie vielschichtig das Thema ist und wie beschränkt es wäre, das Nachtleben mit all seinen Facetten auf eine reine „Feierkultur“ zu reduzieren. Denn der rote Faden, der sich durch dieses Programm über 40 Jahre Berliner Clubgeschichte zieht, ist der Antrieb durch die Subkultur – egal welcher Epoche, egal welcher Prägung. Ohne diesen Motor würde es die Berliner Clubkultur, so wie wir sie kennen, nicht geben. 

In diesem Zusammenhang taucht immer wieder das Schlagwort „Lebensgefühl“ auf. 

Das Clubleben ist auf jeden Fall nicht die verkehrteste „Schule des Lebens“, um sich eine Neugier und Offenheit für die Bedeutung von Subkultur anzueignen, die das eigene Leben prägen oder positiv beeinflussen kann. Ein Film wie „The Mutoid Waste Files“, der seine Deutschland-Premiere bei den „Clubfilmnächten“ feiert, ist ein wunderbares Beispiel dafür,  dass Sub- und Clubkultur sogar nationale Grenzen und politische Systeme überwinden kann. Und der filmische Streifzug am Eröffnungsabend im Gretchen zeigt auf unterhaltsame Art und Weise, dass die vermeintlich großen Unterschiede zwischen Musik-Szenen wie Punk und Techno kleiner sind als gedacht, weil das subkulturelle Lebensgefühl der Impuls für beide ist.

Wie kam die Verbindung zwischen den Filmen selbst und den Vorführungsorten zustande?

Das Programm ist auch eine Zeitreise, mit etwas Nostalgie verbunden. Viele der Clubs in dem Programm gibt es natürlich nicht mehr. Aber etwa Filme, die das SO36 oder den Tresor dokumentieren, an eben genau diesen Orten zu zeigen, wäre etwas einfältig gewesen. Deshalb läuft dann ein Film wie die Dokumentation über die Mutoid Waste Company („The Mutoid Waste Files“) eben im SO36, weil er vom „Spirit“ und der geschichtlichen Verbindung gut zu Kreuzberg passt. Dagegen ist der Ausflug ins West-Berlin der 1980er-Jahre inzwischen in Neukölln und in einem Club mit dem programmatischen Namen Keller besser aufgehoben.

Das Gespenst des „Clubsterbens“ macht seit langem die Runde, obwohl immer neue Clubs eröffnen. Und diese sehen sich dann oft Kritik ausgesetzt: Kaum mehr Experimente, identitätslos, fehlende Radikalität und ausbleibende Förderung von Subkultur. Wird man in 40 Jahren zurückschauen und wieder eine so vielfältige Reihe aufstellen können?

Die nächste Filmreihe zur Sub-und Clubkultur gibt es hoffentlich schon in Kürze und dann noch wesentlich größer und tiefergehend.  Es gibt eine immer noch sehr spannende, auch nachwachsende Clubszene in Berlin, trotz vieler Grabreden. Aber innerhalb der Stadt werden natürlich die Freiräume – und damit sind auch die wirtschaftlichen Bedingungen gemeint – für unkommerzielle Clubexperimente knapp. Das ist ein Problem. Diese Subkultur mit ihren Clubs und Orten immer weiter aus der Stadtmitte an den Rand zu drängen, wäre auf jeden Fall ein großer Fehler.

Neue Clubs, Labelgründungen und musikalische Neuerfindungen waren einst der Kern der Berliner Clubkultur, erleben aber gerade einen veritablen Durchhänger. Ist die Clubszene aktuell eher Verwalter als Gestalter?

Wenn es der Berliner Clubszene gelingt, ihr positives Erbe der letzten Jahrzehnte klug zu verwalten, und sie dabei ihren gewachsenen Einfluss dafür nutzt, mehr zu gestalten als in den letzten Jahren, können weiterhin gute Impulse von ihr ausgehen.

Das Gespräch führte Clemens Schnur.

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.clubfilmnaechte.de und http://www.clubcommission.de/artikel/Clubfilmnaechte_zeigen_40_Jahre_Clubkultur

Eintritt: 10 Euro Standard, 8 Euro ermäßigt