Foto aus vergangenen Zeiten: Abhängen ohne Abstand an der Spree.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinIn der Corona-Krise gibt es Stufen der Hoffnung. Jede Branche kann nach und nach auf Öffnung setzen. Es gibt aber eine, die auf Stufe „hoffnungslos“ steht: die Clubszene. Denn jeder Clubabend ist eine Großveranstaltung, auf der Hunderte auf engstem Raum tanzen, schwitzen, in Darkrooms Sex haben und unter Rauschmitteln gerne mal drei Tage am Stück durchmachen. Wenn Landespolitiker schätzen sollen, wann der Clubbetrieb wieder losgehen darf, lautete die Antwort bisher: „frühestens Ende des Jahres, eher 2021“. Doch so lange kann die Branche nicht warten. Für viele Berliner Clubbesitzer stellt sich deshalb derzeit die Frage: Wie sehr müssen, können, wollen wir uns verändern? 

Die ersten Open-Air-Läden haben den Betrieb auf den Außenanlagen bereits an diesem Freitag gestartet. Sie nutzen die Öffnungserlaubnis für die Speisewirtschaft und sind Testballon für die gesamte Clubszene. Das Birgit & Bier in Kreuzberg, sonst ein Mix aus Biergarten und Club, streicht die Tanzfläche und öffnet seinen Biergarten mit Pizzeria auf der großen Außenfläche seit Freitag wieder bis 22 Uhr. Doch die Regeln in der Birgit sind hart: Tanzverbot, Maskenpflicht für Gäste und Personal und: „Bitte innerhalb des Geländes nur aufstehen, wenn ihr auf Toilette müsst“, erklärt der Laden am Donnerstag auf seiner Facebook-Seite.

Das Sisyphos, einer der beliebtesten Open-Air-Clubs in direkter Nähe zur Rummelsburger Bucht, will freitags, samstags und sonntags von 15 bis 22 Uhr wieder öffnen. Auch hier ist Tanzen verboten, Gäste sollen nun am Tisch bedient werden, das Personal soll Mundschutz tragen. Speisen, Getränke und auch Musik aber wird es geben, kündigt der Club auf Facebook an, und: Der Eintrittspreis - in der Regel zehn Euro - entfällt in der Krise. „Der Eintritt ist kostenlos, aber begrenzt.“ 

Auch die Rummels Bucht versucht ihr Glück. „Wir nutzen gerne die Herausforderung, um was Neues zu basteln und zu bauen“, sagt die Besitzerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. In den Wintermonaten tanzen in der Bucht normalerweise Technofans, im Frühjahr und Sommer ist ohnehin nur der Außenbereich als Biergarten und für Konzerte geöffnet. Das Team hat in den vergangenen Tagen draußen umgestellt, neue Tische gebaut, Sitzflächen und Laufwege markiert. 

Konzerte wird es keine geben, stattdessen Pizza vom eigens eingerichteten Pizzaservice. Doch auch die Besitzer der Rummels Bucht sind skeptisch: Man brauche mehr Personal und wisse überhaupt nicht, wie die Gäste reagierten. „Es kann gut sein, dass wir nach dem Wochenende sehen: Es rentiert sich nicht. Aber wir wagen den Versuch.“ Im September muss die Bucht ohnehin schließen. Sie steht auf Bauland, die Besitzer suchen Ausweichflächen.

Nicht weit entfernt am Ostkreuz will mit dem About Blank so bald wie möglich eine feste Größe in der Berliner Technoszene öffnen. „Die Eindämmung der Pandemie hat für uns weiter oberste Priorität“, sagt Elisabeth Steffen vom Blank. „Aber wir merken natürlich, dass es eine große Sehnsucht gibt – bei den Gästen und bei uns.“ In dem Club wird auf zwei Etagen normalerweise oft drei Tage lang durchgefeiert, auch im Außenbereich wird im Sommer getanzt. Man überlege gerade „Konzepte, wie es möglich ist, die Außenanlagen in einem verantwortungsvollen Rahmen zu öffnen.“ Klar sei: Clubkultur, wie man sie kenne, sei vorerst nicht möglich. Wirtschaftlich verspreche man sich von einer Öffnung nichts, man wolle lediglich das soziale und kulturelle Angebot wieder herstellen, so Steffen.

Dutzende andere Clubbesitzer mit Außenflächen zögern. Das Yaam, beliebter Club für Fans von Reggae und Drum&Bass am Ostbahnhof, verfügt zwar über 5000 Quadratmeter Außenfläche mit mehreren Imbissen. Doch statt der 700 Gäste, die das Yaam bisher auf die Außenflächen lassen durfte, passen mit Abstandsregeln nach Schätzung von Geschäftsführer Geoffrey Vasseur nur noch 200. Und auch die müssten erst einmal kommen, sagt Vasseur. Eine Öffnung unter diesen Konditionen, so denkt er, könnte für das Yaam auch fatale Folgen haben. Denn der momentane Standby-Modus sei haltbar, weil „alle auf Kurzarbeit und die Mieten gestundet sind“. Öffne das Yaam wieder, müsse er sogar mehr Personal einstellen, noch dazu fallen dann die gestundeten Mieten an. „Wir können es uns gerade aber nicht leisten, noch weitere Verluste zu machen.“

Das Geschäftsmodell von Clubs sei schon immer nur das eine gewesen: den Club vollkriegen. Gehe das nicht mehr, sei ein Systemwechsel nötig, fordert Vasseur. „Dann müssen Clubs und Konzerte in Zukunft ebenso subventioniert werden, wie es bei der klassischen Musik schon so lange passiert.“ Die Clubcommission, Lobbyvertretung der Berliner Clubszene, fordert das schon seit langem. 

Auch die Ipse, wie die Birgit gelegen auf der Kreuzberger Lohmühleninsel, bleibt vorerst geschlossen. Dort konnte man draußen auf 500 Quadratmetern tanzen. Manager Tom Szana sieht die „Biergartisierung der Clubs“ einerseits wirtschaftlich kritisch: „Als Club verlierst du deinen Unique Selling Point. Du bist halt nur ein weiterer Biergarten.“ Andererseits fürchtet Szana auch das Virus – und die hohe Infektionsgefahr in der Branche. Er pocht auf Solidarität in der Szene: „Ich wäre ungern dafür verantwortlich, dass die Zahlen wieder steigen und die Öffnung für alle sich deshalb verzögert.“ 

Vorerst aber hat Szana drängendere Sorgen: Vor zwei Wochen wurde in der leerstehenden Ipse Brandstiftung verübt. Fast 600 Quadratmeter Innenraum sind abgebrannt, müssten abgerissen und neuaufgebaut werden. Ob und wie viel die Versicherung übernimmt, ist noch unklar.  

Worin sich alle Clubs einig sind: Eine Öffnung in Virus-Zeiten kann nur funktionieren, wenn nicht nur die Clubs, sondern auch die Gäste sich verändern. Sie müssten die neuen Regeln verinnerlichen, sagt Vasseur. Ob das überhaupt möglich ist? Vasseur ist so optimistisch wie Steffen vom About Blank: Menschen könnten alles lernen. „Verantwortungsvolle Raver*innen, das Bild schwebt mir vor“, so Steffen.