Der weiße Staub schwirrt überall durch die Luft, bedeckt Werkbänke und Fenster, Tische und Sessel und auch den roten Hut von Thorsten Knaak. Für den 49-Jährigen gehört der Staub, der vom Werkstoff Gips stammt, zum Arbeitsalltag. Thorsten Knaak ist Skulpturengießer, aus Gips baut er Formen, die dann mit Bronze, Aluminium oder Beton ausgegossen und später zu Kunstwerken bearbeitet werden.

Derzeit baut Knaak ein paar Gipsformen extra – fürs Schaugießen am Freitag. Ab 19 Uhr ist die Skulpturengießerei Knaak eine von zwölf Stationen in Oberschöneweide, die für Besucher öffnen – zur 4. Berlin Design Nacht. Berlin-weit sind mehr als 90 Ateliers, Studios und Werkstätten dabei, Oberschöneweide nimmt erstmals teil.

„Es ist gut, dass der Ortsteil endlich als das wahrgenommen wird, was er ist – als Ort für Kreative“, sagt Knaak. 450 Mitglieder hat das Netzwerk „Schöneweide kreativ“, viele davon sind bildende Künstler, die ihre Ateliers in ehemaligen Industriehallen oder Atelierhäusern eingerichtet haben. Es gibt aber auch viele Designer, für Mode, Möbel oder Lichtkunst, für Siebdruck, Keramik oder Metallverarbeitung. Geknüpft wurde das Netzwerk von Akteuren eines Bildungsprojekts, das seit vier Jahren existiert. „Wir wollten das schlechte Image von Schöneweide, das nach einer neuen Bestimmung sucht, ändern“, sagt Marlene Lerch von „Schöneweide kreativ“. Aber von wegen Oberschweineöde! Der Name, der einst erfunden wurde, um den Verfall zu brandmarken, stimme längst nicht mehr. Man müsse die Kreativ-Perlen nur finden – wozu auch die Design Nacht diene.

Thorsten Knaak, der 30 Jahre in Charlottenburg arbeitete, hat sich Anfang des Jahres in Oberschöneweide selbstständig gemacht. An der Wilhelminenhofstraße 78, zwischen ehemaligen Industriehallen, fand er ein altes Umspannwerk. Das gelb geklinkerte Gebäude, das einst Strom für die benachbarte Kabel- und Transformatorenindustrie lieferte, sei wie geschaffen für ihn, sagt er: „Es hat Charme und Geschichte, etwas Schöneres kriegt man in der ganzen Stadt nicht.“ Auf 1200 Quadratmetern hat Knaak vier Werkstätten eingerichtet, bis zu zehn Mitarbeiter beschäftigt er dort.

Derzeit arbeiten sie am Sockel eines Reiterstandbildes und an großen Adlerfiguren, die eine zeitgenössische Künstlerin in Auftrag gegeben hat. Oberschöneweide, sagt der Kreuzberger Knaak, habe er bis vor einem Jahr kaum gekannt. Inzwischen mag er den Ortsteil: „Es ist kein Szenebezirk mit Partymeile, sondern fühlt sich ganz normal an.“ Die Menschen seien freundlich und niemand gucke ihn schief an, wenn er in Arbeitskluft zum Bäcker gehe.

Auch im Atelier von Mandy Geddert an der Plönzeile 41, ein paar Gehminuten entfernt, bereitet man sich auf Samstagnacht vor. Geddert, 44 Jahre, ist gelernte Verkehrsfachwirtin. Nach einer Zusatzausbildung macht sie seit 2009 Mode für Kinder. Sie entwickelte Hosen und Shirts, die krempelbar sind und somit „mitwachsen“. Bis zu zwei Jahre passen ihre Lieblingsstücke, die sie seit 2013 auch im eigenen Laden verkauft. Das Geschäft geht inzwischen ganz gut, sagt Mandy Geddert: „Es ziehen zunehmend Familien her, die ökologische Materialien und Qualität schätzen.“

KAOS, die Design-WG

Rund 500 Meter weiter westwärts, in einer 1200 Quadratmeter großen alten Lagerhalle an der Wilhelminenhofstraße 92, wird geputzt und gefegt. In der Halle arbeiten etwa 30 junge Leute, die meisten sind Absolventen der Universität der Künste, die sich zu einer Design-WG zusammengetan haben. KAOS (Kreative Arbeitsgemeinschaft Oberschöneweide) heißt ihr Projekt. In der Halle werden Leuchten hergestellt, Möbel entworfen, Textilien bedruckt, im Tonstudio üben Musiker und nebenan werden Uhren aus Beton hergestellt. In Oberschöneweide, sagen die Macher, sei noch viel Platz für alle, die sich verwirklichen wollen. Am Samstagabend, wenn der letzte Shuttle gefahren ist, soll es bei KAOS ein Werkstattkonzert geben.