Berlin - Ihre Körpermaße sind ideal für diesen Nebenjob. Linda Meißner ist 1,80 Meter groß und wiegt 77 Kilogramm. Mit der Konfektionsgröße 40/42 hätte sie zwar bei vielen Modedesignern überhaupt keine Chance, deren neue Kollektionen auf dem Laufsteg vorzustellen. Denn in der Modebranche gelten schlanke, ja dünne Frauen mit Konfektionsgrößen bis 36 als die ideale Besetzung. Mehr Gewicht wird als unattraktiv bewertet.

Linda Meißner hat an diesem Tag dennoch das ideale Gewicht für einen Job als Model. Denn ihre Auftraggeber, die Berliner Designer Klaus Unrath und Ivan Strano vom Modelabel Unrath & Strano sind dermaßen genervt von dieser Debatte um Körpergewicht, Idealmaße, dicke, dünne und halb verhungerte Models, dass sie nun in die Offensive gehen.

Männer wollen was zum Anfassen

Linda Meißner präsentiert die Winterkollektion 2012 des Labels. „Frauen müssen sich nicht auf ein Minimum an Fettgehalt runterhungern“, sagt Klaus Unrath. „Und die Männer stört etwas mehr Gewicht auch nicht, sie wollen was zum Anfassen haben.“ Ivan Strano sagt, in der Werbeindustrie würde durchs Retuschieren alles immer noch schlanker gemacht. „Dabei kann auch eine große Größe cool aussehen.“ Zu den Kunden des Modelabels gehören Moderatorin Barbara Schöneberger, die frühere Eiskunstläuferin Katarina Witt und die Filmproduzentin Minu Barati.

Immer wieder bekommt die Debatte um die Frage „Wie dick dürfen, wie dünn müssen Models sein?“ neuen Zündstoff. 2007 schickte die Jury der Heidi-Klum-Show „Germanys Next Topmodel“ eine schlanke Bewerberin nach Hause. Sie sei zu dick, lautete die Begründung. Jugendschützer erkannten eine „desorientierende Wirkung“ der Sendung auf Kinder. 2009 gab die Frauenzeitschrift Brigitte bekannt, auf Fotos von professionellen Models zu verzichten, stattdessen sollten nur noch „echte“ Frauen abgebildet werden. Zur Begründung hieß es in der Chefredaktion der Zeitschrift, die gesamte Modebranche sei „magersüchtig.“ Jetzt will der Verlag seine Strategie überdenken.

Dicke Muttis mit der Chipstüte

Und natürlich meldet sich auch Designer Karl Lagerfeld immer mal wieder zu Wort. Er finde die Debatte über zu dünne Models „absurd“, sagte er vor drei Jahren. „Da sitzen dicke Muttis mit der Chipstüte vorm Fernseher und sagen, dünne Models sind hässlich.“ So lautet einer seiner vielzitierten Sätze zu diesem Thema. Die Welt der schönen Kleider habe schließlich mit „Träumen und Illusionen zu tun“, erklärte Lagerfeld. Runde Frauen wolle da niemand sehen, so Lagerfeld.

Von all dem Gerede lässt sich Linda Meißner nicht beeindrucken. Sie hat auch keinen Grund dazu. Die 23-jährige Frau aus Köpenick, die als Empfangssekretärin arbeitet, sitzt am Mittwochmittag entspannt im Hotel Interconti. Stylisten und Friseure zupfen an ihr herum, gleich beginnt das Fotoshooting. Linda Meißner sagt, sie sei zufrieden mit ihrer Figur. Sie arbeitet seit zwei Jahren immer mal wieder als Model und hat mehrere Auftraggeber. Unrath und Strano haben sie in einem Casting ausgewählt.

Mode bis Mitternacht...

„Ich habe was dran“, sagt Linda Meißner. Sie ernähre sich gesund, esse viel Salat und Frischkäse, ab und zu auch Schokolade, abends verzichte sie auf Kohlenhydrate, ein bis zweimal pro Woche mache sie Nordic Walking. „Ich muss nicht abnehmen“, sagt sie. Und isst jeden Morgen ein Nutellabrot.

Die Offensive der Designer wird sicher auch für Gesprächsstoff sorgen auf der Vogue Fashion’s Night Out, die am heutigen Donnerstag zum vierten Mal in Berlin stattfindet. Über 100 Modeläden, vornehmlich vornehmer Art und an Kudamm und Friedrichstraße gelegen, wollen ihre Kunden mit Premieren und Aktionen überraschen.

...ob dick oder dünn

Die Geschäfte – von KaDeWe über Escada bis zum Quartier 206 – sind bis weit nach Ladenschluss geöffnet, manche bis Mitternacht. Prominenter Besuch wird erwartet, wenn auch nicht so hochkarätig wie 2010, als sich Claudia Schiffer als Stargast von Laden zu Laden hangelte. In diesem Jahr hat sich bei Rena Lange am Kurfürstendamm Schauspielerin Julia Malik angekündigt und zu Chopard wollen „Über den Wolken“-Sänger Reinhard Mey und Model Eva Padberg kommen. Natürlich ist die Shopping-Nacht auch für alle weniger prominenten Freunde des nächtlichen Einkaufs gedacht. Ob dick oder dünn.