Berliner Dialekt: Immer weniger sprechen echt Berliner Schnauze

Berlin - Det kann ja wohl nich wahr sein! „Immer weniger junge Menschen sprechen berlinerisch.“ Das beklagt Kultsänger Frank Zander. Aber auch viele Sprachforscher behaupten, dass der Berliner Dialekt langsam ausstirbt. Und weil die Ur-Berliner Pflanze Frank Zander dit janz schade findet, hat er jetzt sogar eine Hymne auf Berlin mit den Deutschrock-Jungs Hagen Stoll und Sven Gillert von Haudegen aufgenommen.

„Es gibt nur ein Berlin“ heißt der Song, der auf dem neuen Album „Haudegen rocken Altberliner Melodien“ zu hören ist. Denn für Zander ist klar wie Kloßbrühe: „Wir sollten mehr zu unserem Jargon stehen.“ Und dass, obwohl immer mehr Urberliner der Stadt den Rücken kehren und immer mehr Zugezogene sich im Kiez breitmachen.

Doch eingefleischte Berliner wissen längst: Der Dialekt wurde schon immer von vielen, vielen Zuwanderern geformt. Obwohl die Berliner Schnauze erst um 1920 mit Heinrich Zille (✝1929) richtig bekanntwurde, entwickelte sich das Berlinern schon vor 1237, wo Berlin erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Zuzug aus Sachsen und Schlesien

Nach und nach wuchs die Stadt und Leute kamen aus flämischen Gebieten, später aus anderen Regionen wie Sachsen und Schlesien nach Berlin. Die Hugenotten, protestantische Glaubensflüchtlinge, sorgen ab 1700 für französische Einflüsse. Die gute alte Bulette leitet sich von Boulette (der Ball) ab. „Mir is janz blümerant“ kommt von „bleu mourant“ („blassblau“; „sterbend blau“). Auch jüdische Einflüsse belebten das Berlinerische. Die Redensart „Det zieht wie Hechtsuppe“ stammt vom jiddischen „hech supha“ (Sturmwind) ab.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Berlinische Stadtmundart so verbreitet, dass sie ins Umland überschwappte. Darum haben auch viele Brandenburger noch heute die herzerfrischende Berliner Schnauze auf Lager.

Und trotzdem: „1949 gab es mal einen Sprach-Knick. Nach dem Krieg wanderten viele Ur-Berliner aus oder waren in Schlachten gefallen“, sagt der Sprachforscher und Buchautor Joachim Schaffer-Suchomel (72. „Du bist, was du sagst“).

Immer mehr Neu-Berliner

Den zweiten Knick gab es im Herbst 1989, wo viele eingefleischte Ur-Berliner flüchteten. Schaffer-Suchomel: „Das dann aufblühende neue Berlin zog immer mehr Neu-Berliner an. Die Stadt wurde bunter und multikulti, was wieder neue Berlin-Fans an die Spree lockte.“

Dass der Berliner Dialekt mal verschwinden könnte, kann sich der Sprach-Experte nicht vorstellen. „Dialekte werden in ganz Deutschland gesprochen. Nehmen Sie mal den bayerischen Dialekt. Der ist so verankert und gewachsen. Es gehört einfach zur Tradition dazu, bayerisch zu sprechen. Berlin ist schon immer eine Stadt mit viel Zuzug gewesen und trotzdem blieb der Dialekt immer erhalten.“

Die Kollegen vom Berliner Kurier haben sich auf die Suche nach dem Berliner Dialekt gemacht. Hier geht's zum Video.