Die Sprache der Stadt – schon immer besonders.
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BerlinBeim Betrachten einer der vielen Dokus zu 30 Jahren Mauerfall fiel es mir auf. Die haben damals alle noch berlinert! Egal, ob man die innerstädtische Grenze im Trabi oder im Mercedes überquerte. Was die Menschen beiderseits der Mauer einte, war der starke Berliner Dialekt. Wo ist der jetzt hin?

Ungeniert zu berlinern ist heutzutage eher unüblich. Zumindest in den inneren Kreisen der inneren Bezirke, soweit ich das beurteilen kann. Klar, wenn wir, ich und meine Berliner Freunde unter sich sind, dann rutschen wir schnell und unbemerkt in das Idiom unserer Kindheiten. Und wie!

Auf berlinerisch denkt es sich schneller und spricht es sich freier. Das Gestelzte, Bedachte des Hochdeutschen fällt weg, rasch fließen die Witze und Gedanken. Aber als Kosmopoliten sind wir den Umgang mit der Außenwelt gewöhnt und da wird eben nicht berlinert. Menschen, die stur an ihrem Dialekt festhalten, wirken im internationalen Umfeld auch schnell mal zurückgeblieben. Das beste Beispiel dafür sind immer noch Sachsen und Bayern. Dialekt ist Privatsache. In der Öffentlichkeit gibt man sich die Blöße nicht.

„Berlinern tu ick nur mit Berlinern"

Hatte meine mittlerweile verstorbene Großmutter meine Mutter noch für das starke Berlinern ihrer Enkeltochter (also mir) getadelt, so würde sie das bei mir wegen meiner Kinder nicht tun müssen. Meine Kinder sprechen astreines Hochdeutsch. Ich berlinere mit meinen Kindern nicht. Nicht mal aus erzieherischen Gründen, sondern weil deren Vater kein Berliner ist. Und berlinern tu ick nur mit Berlinern.

Ich habe mir das Berlinern mit 16 Jahren am Internat abgewöhnt, weil mir gesagt wurde: „Kommst du aus Berlin? Das hört man.“ Bei Besuchen in der Heimatstadt wurde ich dann wegen meines neuen Hochdeutsches als arrogant bezeichnet. Mittlerweile kommt das nicht mehr vor, auch weil ich meine Sprache dem Gegenüber nach Belieben anpassen kann. So laviere ich ich mich durchs Leben, für immer auf dem goldenen Mittelweg, für immer unauthentisch, für immer in der Gefahr, entweder für zurückgeblieben oder arrogant gehalten zu werden.

Es gehört zum guten Ton, nicht zu berlinern. Wer wirklich auf sich hält, spricht nach langen Jahren des Aufenthalts in der Stadt ja noch nichtmal deutsch. Warum denn auch? In den Innenstadtbezirken kommt man überall mit Englisch durch, in manchen Lokalitäten noch nicht mal ohne. Manche glauben sogar, ganz ohne Worte durchzukommen. Sie treten auf der Straße an mich heran, zeigen vage in irgendeine Richtung und sagen in fragendem Ton: „Kollwitzplatz?“. „Weeß ick nich“, sage ich dann und gehe meiner Wege.