Berliner Ehepaar nach dem Umzug: Im Speckgürtel können wir gerade so überleben

Dustin und Sandy S. sind nach Teltow-Fläming gezogen – wegen der teuren Mieten in Berlin. Spart man dort? Die Berliner und die Wohnungsnot – unsere Serie.

Dustin S. vor dem Wohnhaus im Berliner Umland. Das Paar hat dort eine Wohnung gemietet, weil Berlin zu teuer geworden ist. 
Dustin S. vor dem Wohnhaus im Berliner Umland. Das Paar hat dort eine Wohnung gemietet, weil Berlin zu teuer geworden ist. Sebastian Wells/OSTKREUZ

Auf dem Sofa vor dem Fenster im Wohnzimmer räkelt sich Maja, eine schwarze Katze. Dustin S. trägt Tassen mit Kaffee herein, seine Ehefrau krault das schnurrende Haustier. Der schwarz-weiße Kater Jiminy liegt am Boden.

„Ist dieser Blick nicht wunderbar“, sagt Dustin S. Es ist keine Frage, eher eine Feststellung. Der Berliner ist schlaksig, trägt ein weites Sweatshirt und zeigt nach draußen, auf die hohen Bäume, die goldenes Herbstlaub tragen. Nach einem Platzregen scheint jetzt die Sonne. Vom Balkon aus sieht man den Wald noch besser. Und die Parkplätze direkt vor dem Haus.

Berliner Zeitung/Uroš Pajović

„Hier haben wir keine Not, unser Auto abzustellen“, sagt der Hotel-Fachmann. Not hätten sie schon, aber nicht diese. Er lächelt und zeigt Fotos seiner zwei französischen Bulldoggen im Schnee. „Wir gehen aus der Tür, und die Hunde können laufen. Das ist grandios.“ Jetzt sitzen Curly und Pixi in ihren Körbchen und schauen neugierig auf die Szenerie im Wohnzimmer. Akten liegen auf dem Tisch, mehrere Schreiben.

Sandy und Dustin S. leben seit etwas mehr als zwei Jahren am Rande von Berlin, etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt, 17 Kilometer vom Flughafen BER entfernt. Den haben sie aber noch nie von innen gesehen, seitdem er eröffnet worden ist. „Zum Reisen haben wir kein Geld“, sagt Dustin S. Sie seien umgezogen, um preiswerter zu leben; das war kurz vor Beginn der Pandemie. „Wir sind dem Berliner Wohnungsmarkt entflohen, weil er unbezahlbar und rücksichtsloser geworden ist“, sagt der 31-Jährige. Mit einem mittleren Einkommen habe man keine Chance. 

Schleichend ist ihre Stadtflucht gewesen, sie haben diese über Jahre geplant. Und lange gesucht. 2020 bekamen sie endlich eine Drei-Zimmer-Wohnung im Landkreis Teltow-Fläming, sie sagten sofort zu. „Es war unkompliziert“, sagt Dustin S. „Mehr als die Schufa wollten die Vermieter nicht. In Berlin brauchst du bis hin zum polizeilichen Führungszeugnis alles. Auf eine Wohnung kommen dort mindestens 200 Interessenten. Es ist ein Wahnsinn.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee.

Das Paar steht nicht allein da. Immer mehr Menschen zieht es ins Umland, seit langem schon, die Bevölkerung dort hat seit 1990 um gut 50 Prozent zugenommen. In der Region um die Metropole herum leben rund 4,7 Millionen Menschen, davon gut eine Million direkt am Stadtrand. 2021 gewann Brandenburg 18.479 neue Einwohner aus Berlin hinzu, so die Zahlen vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg.

Serie: Wohn-Wahnsinn in Berlin
Die Lage auf dem Wohnungsmarkt der Stadt ist mehr als angespannt. Politiker aller Parteien sprechen vom größten Problem, das Berlin zu lösen hat. Doch wie ergeht es denen, die mittendrin stecken, weil sie umziehen müssen oder nach Berlin kommen wollen? Wir treffen Menschen, die mit oder ohne WBS suchen, die ins Umland fliehen, weil sie in Berlin nichts finden, oder die mit der Familie in zu kleinen Wohnungen ausharren. Und lassen die Glücklichen erzählen, die eine neue Wohnung aufgetan haben: Welche Tipps und Tricks haben wirklich geholfen?
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Künftig werden im Speckgürtel, der nur gut 10 Prozent der Landesfläche einnimmt, 42 Prozent der Brandenburgerinnen und Brandenburger leben. Neben den teuren Mieten in der Hauptstadt hat auch die Pandemie die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land größer werden lassen. Und damit die Stadtflucht noch attraktiver gemacht. Betrüblich waren die Lockdown-Erfahrungen in kleinen Berliner Stadtwohnungen ohne Balkon, verlockend die Aussicht auf weniger Pendeln durch mehr Homeoffice.

Noch sind die Mieten dort bezahlbar, auch Immobilienkäufe sind machbar. Für rund 3500 Euro pro Quadratmeter im Schnitt standen im vergangenen Jahr Immobilien zum Verkauf und damit 26 Prozent günstiger als in der Hauptstadt, so eine Marktstudie von McMakler. Wer eine Wohnung im Umland mietet, kann bis zu 25 Prozent gegenüber einer Stadtwohnung sparen, ergab eine Studie von Immowelt – wenn eine Anfahrt von bis zu 60 Minuten in Kauf genommen wird. Je näher Wohnungen allerdings am Stadtrand liegen, desto teurer sind sie.

Dustin und Sandy S. mit den Haustieren  in ihrem Wohnzimmer 
Dustin und Sandy S. mit den Haustieren in ihrem Wohnzimmer Sebastian Wells/OSTKREUZ

„Uns ging es vor allem darum, unser Leben bezahlen zu können. Das ist nach wie vor nicht einfach“, sagt Sandy S. Aber in Berlin hätten sie das erst recht nicht hinbekommen. Sandy S. ist ebenfalls 31 Jahre alt, sie trägt eine leichte Hose sowie ein T-Shirt. „Ich friere im Gegensatz zu meinem Mann nie. Also, Heizkosten kann ich diesen Winter sofort sparen“, sagt sie und lacht.

Für ihre neue Wohnung zahlen sie derzeit im Monat 856 Euro. Sie leben auf 86 Quadratmetern. Hinzu kommen 125 Euro Strom, 140 Euro für Telefon, Internet und Handy. „Wir können das gerade so stemmen“, sagt er. 2000 Euro hat er monatlich netto zur Verfügung. Hinzu kommen die 354 Euro Berufsunfähigkeitsrente seiner Frau. Sie hat in einem Altenheim gearbeitet, bis sie psychisch krank wurde.

„Wir leben meist auf Pump“, sagt er. In der Corona-Zeit wurde Dustin S. in Kurzarbeit geschickt, hatte nur noch 1000 Euro im Monat. „Ohne unser Sparbuch hätten wir nichts mehr zahlen können.“ Auch habe er seinen Dispo ausgereizt.

Berliner Paar streitet sich vor Gericht mit ehemaligen Vermieter

Derzeit streiten sie noch mit ihrem vorherigen Vermieter vor Gericht. „Er will, dass wir 5800 Euro für neues Parkett in der alten Wohnung zahlen, weil ein kleines Stück beschädigt war. Der Markt ist immer skrupelloser geworden.“ Dustin S. schaut unglücklich auf das letzte Schreiben des Gerichts. „Es sieht nicht gut aus für uns“, sagt er. Glücklicherweise hätten sie eine Rechtsschutzversicherung. „Ohne die geht es gar nicht mehr.“

Im September bekam das Paar 300 Euro überwiesen, zusätzlich. Immerhin. Es war der Heizkostenzuschuss, den die Ampel-Regierung in ihrem Entlastungspaket beschlossen hatte. „Das Geld lege ich auf die hohe Kante“, sagt er.

Die Inflation macht auch das Leben in Brandenburg teurer

Als sie aufs Land zogen, mussten sie in Kauf nehmen, dass der Supermarkt nicht gerade um die Ecke liegt, sie nicht eben zum Bäcker gehen können, um Brötchen zu holen. „Das ist kein Problem für uns“, sagt Sandy S. Meistens kaufen sie im Supermarkt Lebensmittel und Getränke auf Vorrat. „Wir müssen haushalten, die Inflation hat alles teurer gemacht.“ Auf 10 Prozent ist die Inflationsrate gerade gestiegen, das letzte Mal lag sie in den 1950er-Jahren so hoch.

„Das schlägt ins Kontor“, berichtet die Berlinerin. Früher hätten sie für zwei Wochen Einkauf 200 Euro für Lebensmittel ausgegeben. Heute seien es mindestens 400, auch weil sie vier Haustiere haben. „Wir müssen halt sparen, essen meistens Kartoffeln, Quark und Leinöl“, sagt Dustin S. Oft auch Dosenravioli, Pizza oder Nudeln mit Tomatensoße. „Aber wir sind immerhin im Grünen“, lächelt seine Frau. Manchmal hat das Paar dennoch das Gefühl, dass die Politiker nicht mehr den Preis von einem Liter Milch kennen.

Auf dem Tisch stapeln sich die Unterlagen. „Wir haben glücklicherweise eine Rechtsschutzversicherung“, sagt Dustin S. 
Auf dem Tisch stapeln sich die Unterlagen. „Wir haben glücklicherweise eine Rechtsschutzversicherung“, sagt Dustin S. Sebastian Wells/OSTKREUZ

„Die Zeiten haben sich geändert, neben den steigenden Lebenshaltungskosten wissen viele nicht mehr, wie sie ihre Wohnungen bezahlen sollen. Hinzu kommt eine soziale Kälte“, sagt Sandy S. Für sie sei es unheimlich stressig in Berlin geworden, hektisch und schnelllebig. „Ich vermisste das Miteinander. Früher kannte man die Nachbarn, wir feierten Feste, heutzutage tragen die Menschen nur noch Scheuklappen.“ Sie fühle sich rausgedrängt, sagt sie.

Das Paar kennt sich seit mehr als 20 Jahren. „Wir haben zusammen gespielt, und als Jugendliche sind wir zusammengekommen“, sagt Sandy S. 2016 heirateten sie. Damals lebten sie noch in Lichtenrade in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Er, der aus Kreuzberg stammt, erzählt: „Wir haben dort gerne gewohnt.“ Irgendwann hätten sie sich aber fremd gefühlt. „Wir mussten zusehen, wie die Menschen verdrängt worden sind, um die Mieten noch einmal höher zu machen.“

Seine Frau nippt an ihrem Kaffee und ergänzt wehmütig: „Noch vor ein paar Jahren bin ich nachts mit den Hunden spazieren gegangen, das ging nicht mehr. Das Viertel war zu einem sozialen Brennpunkt geworden, neben den horrenden Mieten.“ Für die 48 Quadratmeter, in denen sie lebten, sollten sie statt 400 Euro plötzlich mehr als 670 Euro zahlen, inzwischen werde die Bleibe für 900 Euro vermietet.

In Berlin wird gebaut und gebaut, nur leider keine bezahlbaren Wohnungen.

Sandy S.

Danach zogen sie an den Stadtrand, nach Mahlow in einen Wohnpark mit beinahe 73 Häusern, vielen Höfen, einem Marktplatz, Kindertagesstätte und Sporthalle. Er sagt: „Dort wurde es auch immer teurer. Am Schluss sollten wir für unsere Drei-Zimmer-Wohnung mit 80 Quadratmetern 1050 Euro zahlen, in zwei Jahren wären wir bei 1500 Euro gewesen. Es war eine Staffelmiete, die jährlich stieg.“ Das sei ein Wildwuchs, Mieter hätten kaum noch Chancen.

Auch dort seien die Menschen, vor allem mit alten Mietverträgen, verdrängt worden. „Um die Wohnungspreise noch einmal anzuheben. Aber wie sollen das Menschen mit mittleren Einkommen schultern?“, fragt er. Seine Frau beugt sich vor: „In Berlin wird gebaut und gebaut, nur leider keine bezahlbaren Wohnungen.“ Sie sei viel in der Hauptstadt rumgekommen. „Meine Eltern sind, als wir klein waren, oft umgezogen. Damals war aber alles noch machbar und bezahlbar, inzwischen nicht mehr.“ Ein Verwandter von ihr suche seit Jahren nach preiswerterem Wohnraum in Spandau. Er habe keine Chance.

Berliner fährt täglich mit dem Regionalzug in die Hauptstadt

Es ist Mittag. Dustin S. schaut auf seine Uhr. Ab 15 Uhr muss er arbeiten. Seine Frau wird ihn mit dem Auto nach Rangsdorf bringen, damit er mit dem Zug bis zum Potsdamer Platz fahren kann. Fünf Minuten von der Station entfernt liegt das Hotel-Restaurant, in dem er arbeitet. Seine Schicht geht bis 23, manchmal auch 24 Uhr. „Ich habe schon oft die letzte Bahn um 23.20 Uhr verpasst und musste dann bis 4 Uhr früh auf den Frühzug warten. Meine Frau holt mich glücklicherweise nachts oft in Berlin ab.“ Heute wird sie ihn an der Bahnstation in Rangsdorf einsammeln. Dustin S. hat manchmal aber auch Frühschichten von 11 bis 19 Uhr. „Das ist oft relaxter, wegen der Hin- und Abfahrt. Dann bin ich weniger abhängig von den Fahrzeiten.“

Dustin S. vor seinem Haus. Ab und an fährt er mit dem Motorrad zur Arbeit.
Dustin S. vor seinem Haus. Ab und an fährt er mit dem Motorrad zur Arbeit.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Bis Ende September profitierte er vom 9-Euro-Ticket, weil dieses für alle Zonen galt. „Das hat uns finanziell sehr geholfen“, sagt er. Inzwischen gibt es das 29-Euro-Ticket. „Aber auch nur für drei Monate, hoffentlich wird das verlängert.“ Sonst zahlt er um die 80 Euro im Monat für die öffentlichen Verkehrsmittel. Hinzu kommen saftige Spritrechnungen. „Das ist richtig teuer geworden. Wir geben an Spritgeld inzwischen fast 400 Euro im Monat aus.“ Er zuckt mit den Schultern und sagt: „Der Tankrabatt im Sommer ist kaum an die Verbraucher weitergegeben worden.“

Auch hier im Umland zahlen wir eine hohe Miete, wenn jetzt noch andere Kosten weiter steigen, wird es eng.

Dustin S.

Dustin S. ist Chef de Rang, also Oberkellner. „Ich weise den Gästen ihre Plätze zu, reiche ihnen die Speisekarten, empfehle den Wein und serviere das Essen“, sagt er, der bereits in mehreren Luxus-Herbergen in der Stadt gearbeitet hat. „Ich mag die Menschen, die kommen und viele Geschichten erzählen.“

In Berlin möchte er bleiben, wenigstens als Angestellter. Als Facharbeiter verdient man in Brandenburg deutlich weniger. „Mal sehen, wie lange das noch alles gut geht“, sagt er. Wenn alles teurer werde, müsse er umdenken. „Auch hier im Umland zahlen wir eine hohe Miete, wenn jetzt noch andere Kosten weiter steigen, wird es eng. Glücklicherweise haben wir keine Gasheizung, das ist der einzige Vorteil.“ Er wird unruhig, gleich muss er mindestens eine Stunde zu seiner Arbeitsstelle fahren. Allein nach Rangsdorf, eine Gemeinde in Brandenburg, braucht das Paar mit dem Auto 20 Minuten. Dustin S. räumt die Kaffeetassen zurück in die Küche. Die Hauptstadt wartet.