Berliner Feuerwehr: Rettungskräfte ohne Pause im Einsatz

Viele Besatzungen von Rettungswagen fühlen sich am Ende ihrer Kräfte. Und jetzt lässt der Feuerwehrchef sie auch noch überwachen.

Ein Berliner Rettungssanitäter bei einem Feuerwehreinsatz
Ein Berliner Rettungssanitäter bei einem Feuerwehreinsatzwww.imago-images.de

Sie arbeiten 44 Stunden pro Woche in Zwölf-Stunden-Schichten. Von der Qualität ihrer Arbeit hängt täglich das Überleben von Menschen ab. Aber sie gehören zu den wenigen öffentlichen Bediensteten, für die es keine geregelten Pausenzeiten gibt: die Mitarbeiter im Rettungsdienst der Berliner Feuerwehr.

Viele fühlen sich wegen des Personalmangels am Ende ihrer Kräfte. Und jetzt werden sie auch noch überwacht. Zur „Steigerung der Einsatzmittelverfügbarkeit“ zeichnen Mitarbeiter der Abteilung Einsatzsteuerung „Statusabweichungen der Einsatzmittel“ auf. So hat es Feuerwehrchef Karsten Homrighausen seinen Mitarbeitern in einem internen Schreiben mitgeteilt. Er argwöhnt, dass einige seiner Mitarbeiter Pause machen, obwohl sie offiziell im Einsatz sind.

Seit dem 24. Oktober werden die Rettungswagen (RTW) deshalb per GPS angepeilt und ihre Standorte mit den Statusmeldungen, die die Fahrer versendet haben, abgeglichen. Das ist Teil eines größeren Maßnahmenpakets, das die Situation im Rettungsdienst verbessern soll. Denn fast täglich herrscht dort „Ausnahmezustand Rettungsdienst“. Dieser wird dann ausgerufen, wenn die Rettungswagen zu 80 Prozent ausgelastet sind und die vorgegebenen zehn Minuten von der Notrufannahme bis zum Eintreffen nicht eingehalten werden können. Es gibt Momente, in denen überhaupt kein RTW verfügbar ist. Für viele ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieser Zustand Menschenleben kostet, weil kein Rettungswagen geschickt werden kann.

Mit Status 8 zur Imbissbude

Damit die Leitzentrale einen Überblick über die RTW hat, müssen die Fahrer sogenannte Statusmeldungen senden. So bedeutet Status 1 zum Beispiel „Einsatzbereit über Funk“, Status 2 heißt „Zurück auf der Wache und einsatzbereit“. Status 8 bedeutet „Im Krankenhaus eingetroffen“.

Theoretisch hat die RTW-Besatzung in der Rettungsstelle 30 Minuten Zeit für das Abliefern eines Patienten – inklusive Händewaschen. Allerdings dauert die Abfertigung in den Kliniken, die selbst überlastet sind, inzwischen länger. Mitunter nutzen einige RTW-Besatzungen den Status 8 aber auch, um zur Wache zu fahren und dort Pause zu machen oder „mit der 8“ an eine Imbissbude zu fahren – vor allem mittags sowie zwischen 17 und 19 Uhr. Anhand der GPS-Daten können die Mitarbeiter der Einsatzsteuerung aber nun sehen, dass der Wagen nicht mehr am Krankenhaus, sondern an der Wache oder einer Würstchenbude steht. Das sind jene „Statusabweichungen“, von denen im Rundschreiben die Rede ist.

Gut möglich, dass einige den Status 8 zu oft missbrauchen. Für viele ist das aber die einzige Möglichkeit, sich ab und zu eine Verschnaufpause zu verschaffen. „Wenn ich ‚einsatzbereit‘ drücke, kann ich die Luft anhalten und werde nicht ersticken, bis der erste Einsatz kommt“, sagt ein Rettungssanitäter. Pro Schicht kommen für viele RTW-Besatzungen, gerade in Neukölln oder Kreuzberg, schon mal zwölf bis fünfzehn Einsätze zusammen.

Für die Tarifbeschäftigten der Berliner Feuerwehr gibt es geregelte Pausenzeiten, nicht aber für die Feuerwehrbeamten. „Wir brauchen eine ordentliche Pausenregelung“, sagt deshalb Manuel Barth von der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft. „Die Mitarbeiter müssen die Möglichkeit haben, mal was zu essen oder sich auch mal von einem Einsatz zu erholen, wenn ihnen gerade jemand unter den Fingern weggestorben ist.“

Oft kommen Rettungswagen von weit her

In dem Schreiben, das der Feuerwehrchef seinen Mitarbeitern schickte, heißt es zur Überwachung unter anderem: Diese Maßnahme allein werde die hohen Belastungen nicht vermeiden können. „Sie soll aber zu einer lokaleren und besseren Einsatzverteilung beitragen.“ Und weiter: „Wenn ein verfügbares Rettungsmittel zu einem nahen Einsatz disponiert werden kann, verringert dies die Alarmierung eines weiter entfernten Einsatzmittels.“

Tatsächlich ist der Umstand, dass RTW oft von weit her kommen, einer der vielen Gründe, warum die Zeiten zwischen Notruf und Eintreffen der Helfer viel zu lang sind. Eigentlich sollte bei der Notfallrettung in 90 Prozent der Fälle binnen zehn Minuten nach Alarmierung ein RTW eintreffen. Dieses Ziel wird nur in rund der Hälfte der Fälle erfüllt. Die Notfallrettung macht den größten Teil des Einsatzaufkommens aus: Mehr als 470.000-mal wurden im vergangenen Jahr RTW alarmiert. Die Tendenz ist seit Jahren steigend, was auch zu den vielen Krisensituationen führt.

Der Überwachung der Retter als Mittel gegen den Mangel stimmte der Personalrat murrend zu. Allerdings konnte er erreichen, dass die Überwachung Ende März endet. Dann sollen die Daten ausgewertet werden.

„Wir wollen mit dieser Erfassung die Belastung der Einsatzkräfte analysieren und schauen, ob die gemeldeten Statusfristen noch zeitgemäß und ausreichend sind“, sagt Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein. „Wir brauchen auch eine gute Datenlage, um planbare Pausen zur Verfügung zu stellen.

„Konzepte für die Umsetzung einer Regenerationsphase nach einer konkret festgelegten Belastungsdauer liegen schon länger vor“, sagt Manuel Barth. „Diese wurden in einem Probebetrieb bereits getestet. Wie konkret jetzt die Sammlung neuer Daten die Erkenntnis stützen muss, dass es nicht in Ordnung ist, zwölf Stunden ohne Pausenanspruch durcharbeiten zu müssen, ist mir nicht ganz klar.“