Der Flughafen Berlin-Tegel.
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BerlinAuf dem Weg zur vorzeitigen Schließung des Flughafens Berlin-Tegel ist zumindest ein Hindernis aus dem Weg geräumt worden. Am Mittwochvormittag gab die Gesellschafterversammlung der Berliner Flughäfen einstimmig grünes Licht für eine temporäre Stilllegung zum 15. Juni. Doch weiterhin ist ungewiss, ob der Betrieb tatsächlich schon vor der für November angekündigten endgültigen Stilllegung eingestellt wird. 

„Die Entscheidung liegt jetzt bei der Flughafengesellschaft FBB“, sagte ein Insider. Sie muss darüber befinden, ob sie die Möglichkeit nutzt, Tegel vom Netz zu nehmen und den Verkehr in Schönefeld zu konzentrieren. Angesichts der Tatsache, dass der Flugverkehr nun auch in Berlin wieder zunimmt, steht dem Staatsunternehmen eine schwierige Abschätzung bevor. Sie soll in den kommenden zwei Wochen erfolgen, hieß es. Erst dann dürfte abschließend klar sein, welches Schicksal Tegel bevorsteht.

Immerhin: Die Debatte mit dem Bund, wo es bis zuletzt Bedenken gegen den Stilllegungsplan gegeben hatte, ist jetzt erst einmal vorbei. Gemeinsam mit den Abgesandten der Länder Berlin und Brandenburg stimmten die Bundesvertreter im höchsten Gremium der FBB am Mittwoch einer vorübergehenden Schließung von TXL zu. Voraussetzung sei zum einen, dass die „Geschäftsführung erklärt, eine bedarfsgerechte Bedienung des zivilen Luftverkehrs jederzeit sicherzustellen“. Zum anderen müssten „Nutzerinteressen des Bundes am Regierungsflugbetrieb gewahrt“ sein, hieß es.

Luftfahrtbehörde hat noch nicht entschieden

Dieses Thema war am Ende die größte Hürde in der Diskussion mit dem Bund gewesen – und ist der Grund dafür, dass sich die FBB mit ihrer Option, den Betrieb schon Anfang Juni einzustellen, nicht durchsetzen konnte. Derzeit befindet sich der Regierungsflughafen in Tegel-Nord. Zwar hat die FBB in Schönefeld ein Regierungsterminal errichtet, das dem Bund bereits im Oktober 2018 übergeben wurde. Doch weil der Umzug ursprünglich erst zur BER-Eröffnung Ende Oktober 2020 stattfinden sollte, ließen sich die Verantwortlichen des Bundes viel Zeit mit der Einrichtung des Gebäudes.

Erst vor kurzem wurde damit begonnen, Sicherheits- und andere Technik zu installieren sowie Möbel aufzustellen. Deshalb verlangten Bundesvertreter mehr Zeit. Im Gespräch war die Forderung, Tegel erst zu Juli zu schließen. Dabei wollte sich die Flughafengesellschaft ursprünglich vorbehalten, TXL bereits im Mai stillzulegen. „Wenn es jetzt weitere Verzögerungen gibt, macht es langsam keinen Sinn mehr“, hieß es dort vor der Sitzung der Gesellschafterversammlung.

Doch auch wenn der Bund nun seine Bedenken zur Seite gelegt hat, ist weiterhin nicht hundertprozentig klar, ob Tegel wirklich im Juni vorzeitig vom Netz geht. Eine unbestimmte Variable ist der Ende April gestellte FBB-Antrag auf temporäre Befreiung von der Betriebspflicht, über den die Oberste Luftfahrtbehörde, die bei der Senatsverkehrsverwaltung angesiedelt ist, noch nicht entschieden hat. Der Antrag soll eine vorübergehende Stilllegung des Flughafens bis zum 31. Juli, 23.59 Uhr, ermöglichen. Angekündigt wird aber, dass spätestens bis zum 10. Juli ein weiterer Antrag gestellt werden könnte, falls die coronabedingten Reisebeschränkungen andauern.

Rund 2.500 Passagiere pro Tag auf beiden Flughäfen 

Bei der von der Behörde angesetzten schriftlichen Anhörung gingen dem Vernehmen nach zahlreiche Stellungnahmen ein – die Rede ist von rund 300 Beteiligten. Ursprünglich sollte die Anhörung von Trägern öffentlicher Belange bis zum 15. Mai dauern, für einige Beteiligte wurde die Frist allerdings bis zum 19. Mai verlängert. Wann die Luftfahrtbehörde entscheidet, ist ungewiss. „Wir prüfen den Antrag zügig und gründlich“, sagte eine Sprecherin von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). „Zunächst werden wir die in der Anhörung gewonnenen Erkenntnisse auswerten.“ Doch wann der Bescheid kommt, „steht noch nicht fest“, hieß es.

Der zweite unbestimmte Faktor ist, wie sich der Flugverkehr in den kommenden Monaten entwickeln wird. Dem Vernehmen nach sind sich die Betriebsverantwortlichen bei der FBB derzeit noch unschlüssig, wie sie die Trends bewerten sollen. Manch einer verweist darauf, dass der Flugverkehr in der Tat deutlich zunimmt und immer mehr Airlines ihr Angebot, das sie auf dem Höhepunkt der Corona-Krise enorm eingeschränkt hatten, wieder aufstocken. Dazu zählt die Lufthansa, die von Juni an wieder 160 Flugzeuge betreiben will – doppelt so viele wie derzeit. Auch die Berliner Flughäfen spüren den Trend. Wurden im April an vielen Tagen weniger als tausend Fluggäste in Tegel und Schönefeld abgefertigt, sind es derzeit mehr als 2.000. Am 19. Mai wurden insgesamt rund 2.500 Passagiere gezählt.

Es gibt bei der FBB aber auch Stimmen, die darauf verweisen, dass der Verkehr trotz Zunahme noch auf längere Zeit unterm Strich immer noch ziemlich gering sein wird. Ankündigungen von Airlines wie Ryanair, das Angebot rasch massiv auszuweiten, wären mit Vorsicht zu genießen. Meist brauche es einige Zeit, bis ein Flug gut gebucht ist und Gewinn erwirtschaftet. Diesen Vorlauf gab es bislang nicht.

Weiterhin wäre es ohne weiteres möglich, den Betrieb in Schönefeld zusammenzufassen, hieß es weiter. Das würde die finanziell nicht üppig ausgestattete staatliche FBB in Tegel um monatliche Betriebskosten von rund sieben Millionen Euro entlasten. „Unter Einhaltung der erforderlichen strengen Abstandsregelungen können in SXF unproblematisch circa zwei bis drei Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden“, heißt es in dem Antrag der FBB, der der Berliner Zeitung vorliegt. „Das entspricht circa 700 bis 750 abfliegenden Passagieren in der Stunde.“

FBB-Experten verweisen auch darauf, dass die Kapazität der Sicherheitskontrollen wegen Corona derzeit viel geringer sind als vorher – was einen möglichen Zuwachs der Passagierzahlen begrenzen könnte. Weil die Anforderungen gestiegen sind, können derzeit statt 120 bis 150 Fluggästen stündlich nur rund 30 die Kontrollen passieren. „Das ist ein limitierender Faktor“, hieß es.

Auch wenn weiterhin ungewiss ist, ob und wann der 1974 eröffnete Flughafen  vorzeitig schließt: Die Diskussion über TXL dauert an. „Berlin braucht Tegel – mehr denn je“, sagte FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja. „Wir müssen schnellstmöglich wieder Gäste begrüßen, die ihr Geld in unsere Stadt tragen. Dafür brauchen wir einen funktionierenden Flughafen. Die Schließung des Flughafen Tegel ist ein fataler Fehler, der unsere Stadt ins Chaos stürzen wird.“

„Ein guter Tag für die Menschen im Berliner Norden“

„Tegel wird gebraucht, jetzt und in Zukunft“, sagte Frank Hansel von der AfD. „Funktionierende Infrastruktur gibt man nicht auf. Schon gar nicht in der Krise. Auch die Sparargumente greifen zu kurz: Die Umzugskosten weg und nach Neuöffnung wieder zurück werden völlig ausgeblendet. Denn eins ist klar: Der Flugverkehr wird wieder auf das Vor-Corona-Niveau zurückkehren. Und dann brauchen wir Tegel dauerhaft!“

„Das ist ein guter Tag für die Menschen im Berliner Norden – endlich Ruhe am Himmel“, sagten Klaus Dietrich und Janik Feuerhahn vom Bündnis „Tegel schließen, Zukunft öffnen“. „Für uns Anwohner ist das eine dankenswerte Lärmpause – nach Jahrzehnten der Dauerbeschallung mit Fluglärm. Die Gesellschafter sollten jetzt konsequent sein und Tegel gleich endgültig zumachen. Die Schließung war längst überfällig. Es ist gut, dass die Bundesregierung ihren Blockadekurs endlich aufgegeben hat. Es fliegt kaum noch jemand und Tegel verursacht nur noch hohe Kosten. Auch die Hubschrauberstaffel sollte sofort in das fertige Regierungsterminal nach Schönefeld umziehen.“