Berlin - Mit den Öffentlichen fahren? Bloß nicht, da könnte man sich ja mit Corona anstecken! Doch ist die Angst begründet? „Der Beitrag des öffentlichen Verkehrs zum Infektionsgeschehen ist nicht besonders groß“, entgegnet Kai Nagel, Professor an der Technischen Universität (TU) Berlin. Bei der derzeitigen Besetzung der Fahrzeuge und mit Masken gebe es „eher kein Problem“. Im eigenen Wohnzimmer bei einem Treffen mit Freunden sei die Ansteckungsgefahr größer als in der Bahn: Das ist die Rechnung des Physikers, der Regierungen während der Pandemie berät. Wie groß sie im Einzelfall ist, hängt aber von Bedingungen ab, so Nagel während eines Fachgesprächs zum Thema.

„Das Infektionsrisiko im Nahverkehr ist deutlich geringer als von Fahrgästen angenommen“: Dieses Resümee war dem Verband, der zu dem Fachgespräch eingeladen hatte, wichtig. Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) der Aufgabenträger des Schienenpersonennahverkehrs ist daran interessiert, dass Bahn und Bus ein gutes Image haben. Sie vertritt Organisationen, die im Auftrag der Länder Nahverkehr bestellen und finanzieren – der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) gehört dazu.

Telefonierverbot wäre sinnvoll

Die Coronakrise habe die Branche massiv getroffen, sagte Susanne Henckel, die Präsidentin der BAG und Geschäftsführerin des VBB ist. „Wir verzeichnen einen erheblichen Fahrgastschwund. Auf manchen Linien sind wir nur mit 30 Prozent der früheren Fahrgastzahlen unterwegs.“ Im Januar wurden Forderungen laut, den Betrieb von Bussen und Bahnen ganz einzustellen. „Wie sicher ist das System?“ fragte Henckel.

Kai Nagel befasst sich seit Beginn der Coronakrise mit dem Thema. Anhand eines „Aerosolrechners“ zeigte der Professor für Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik, dass sich das Virus in Minuten in einem Raum ausbreiten kann. Das gilt auch für Bereiche, in denen sich Menschen normalerweise geschützt fühlen – zum Beispiel Wohnzimmer. Kommt eine ansteckende Person zu Besuch, könne das in einem Drittel der Fälle zu einer Ansteckung führen, so ein Simulationsmodell. „Ähnlich ungünstig sieht es in Restaurants aus“, so Nagel. Auch dort werde gesprochen, auch dort nicht die ganze Zeit eine Maske getragen.

Dagegen sei der öffentliche Verkehr „dramatisch unproblematischer“ - vorausgesetzt, drei Voraussetzungen werden erfüllt. Wenn die Fahrgäste Mund und Nase bedecken, senkt dies das Risiko schon einmal deutlich. Masken dienten vor allem dem Selbstschutz. Die zweite Bedingung: nicht sprechen! Deshalb hielte Nagel viel davon, wenn in Bahn und Bus das Telefonieren verboten würde. „Drittens müssen die Fahrzeuge gut belüftet sein.“  Bleiben die Fenster geschlossen, nehme die Gefahr enorm zu. Wobei hier noch einiges zu untersuchen wäre, für Busse und U-Bahnen sei das Thema „eher nicht“ geklärt. In Fernzügen sorge  Zwangsbelüftung für einen Luftaustausch, sagte Nagel.

Leere Bahnen, angenehme Fahrt

Falls alle drei Voraussetzungen gegeben sind, ist das Ergebnis: „Wenn der Zug genauso voll ist wie das Wohnzimmer bei Freunden, sinkt die Ansteckungswahrscheinlichkeit um den Faktor 100“ – also auf ein Hundertstel. Ist der Zug zehn Mal voller, fällt der Faktor niedriger aus, maximal 10. Trotzdem: Die Befürchtung, dass der Nahverkehr ein Hotspot der Corona-Infektionen ist, lasse sich bislang nicht bestätigen, so der Wissenschaftler.

Die Wahrnehmung der Menschen sei jedoch eine andere, hat eine Forschergruppe um Wladimir Sgibnev vom Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig festgestellt, die ebenfalls ihre Ergebnisse vorstellte. Deren Mitglieder haben Menschen in Berlin, Dresden, München, Brüssel, Stockholm und der estnischen Hauptstadt Tallinn befragt. Ein Resultat war, dass der öffentliche Verkehr als das am wenigsten sichere Fortbewegungsmittel eingeschätzt wurde, wie Sgibnev berichtete – ganz im Gegensatz zum Auto, zum Fahrrad und den eigenen Füßen.

Vor allem Menschen, die über einen höheren Lebens- und Bildungsstandard verfügen, nutzten Bahnen und Busse seltener als zuvor. Wer diese Möglichkeit dagegen nicht hat, blieb dem öffentlichen Verkehr treu – und empfindet das Ansteckungsrisiko als niedriger. „Diese Menschen gewinnen dem Nahverkehr sogar positive Aspekte ab“, sagte der Wissenschaftler. Weil die Bahnen leerer sind, seien die Fahrten angenehmer.

Es bestehe also das „Risiko verzerrter Repräsentation“, warnte Sgibnev. „Politische Entscheidungsträger sind nicht auf den Nahverkehr angewiesen, sehen ihn aber als besonders gefährlich an“ – wie andere Nichtnutzer. Susanne Henckel konnte das bestätigen. Als vorgeschlagen wurde, den Nahverkehr einzustellen, habe sie mit vielen Menschen darüber gesprochen, berichtete sie. Vor allem diejenigen, die Bahnen und Busse nicht nutzten, hätten die Idee befürwortet.

Was sind die Schlussfolgerungen? „Hohe Taktfrequenz schafft gefühlte Sicherheit“, so Wladimir Sgibnev. In Berlin und Brandenburg wurde das Angebot so gut wie nicht gekürzt, als die Coronakrise begann, antwortete Henckel. Die Pandemie werde den Menschen lange im Gedächtnis bleiben, sagte Kai Nagel. Die Anforderungen an die Aufenthaltsqualität werden steigen, so seine Prognose. Die Fahrgäste werden anspruchsvoller.