Berlin - Deutschland macht sich locker. Private Treffen sind wieder im größeren Kreis erlaubt; in Berlin, Brandenburg und anderen Bundesländern darf mit Termin im Laden eingekauft werden – um nur zwei Beispiele zu nennen. Doch Kai Nagel, Professor an der Technischen Universität Berlin, bleibt vorsichtig. Seit einem Jahr lebt er bei seiner Ehefrau in Bonn und reiste seitdem nur zweimal nach Berlin. Die Gefahr ist noch nicht vorbei, warnt der Mobilitätsforscher, der mit dem Virologen Christian Drosten, Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut und anderen Experten zu den Corona-Beratern der Bundesregierung gehört. Im Interview erklärt der 55-Jährige, welche Lockerung die Krise verschärfen wird. Im Kulturbereich wäre aber wieder mehr Freiheit möglich. 

Herr Professor Nagel, gerade erst wurden Coronamaßnahmen gelockert, doch es wird weiter diskutiert. Die einen verweisen auf die Infektionszahlen, andere fordern schnell weitergehende Schritte. Was meinen Sie?

Dass nun schnell weitere Lockerungen gefordert werden, wundert mich. Denn die dritte Welle ist schon da und in voller Fahrt. Und sie wird uns höhere Infektionszahlen und mehr Tote als die zweite Welle bescheren, wenn wir nicht energisch gegensteuern und den Werkzeugkasten erweitern. Ihre Dynamik erhält sie von den ansteckenden Mutanten des Coronavirus, die nun zunehmend die Szene beherrschen. Allerdings würden die Infektionszahlen auch steigen, wenn wir die bisherigen Einschränkungen beibehalten hätten. Der Lockdown hätte nicht ausgereicht, um die dritte Welle zu verhindern.

Maskenpflicht auch in Großraumbüros

Heißt das, dass der zweite Lockdown bislang nichts gebracht hat?

Nein, das kann man nicht sagen. Der zweite Lockdown hat erreicht, dass das exponentielle Wachstum bei der Ausbreitung des Virus, das sich Ende des vergangenen Jahres aufgebaut hat, wieder abgebaut wurde. Er hat auch eine Überforderung des Gesundheitssystems verhindert. Aber wie gesagt, er konnte es uns nicht ersparen, dass wir nun mit einer dritten Welle konfrontiert werden.

Was meinen Sie mit: den Werkzeugkasten erweitern, um die dritte Welle abzuschwächen?

Erstens müssen wir es hinbekommen, dass in kürzeren Zeiträumen mehr Menschen geimpft werden. Zweitens brauchen wir massiv mehr Schnelltests. Sie sind deshalb so wichtig, weil bisher viele Menschen nicht wissen, dass sie eine Gefahr für andere sind. Wer sich mit Corona angesteckt hat, zeigt zunächst tagelang keine Symptome. In rund 20 Prozent der Fälle bleibt die Krankheit sogar völlig symptomfrei. Mit Schnelltests können solche stummen Fälle entdeckt werden, sie verhindern Ansteckungen. Am besten wäre es, wenn jeder Mensch zweimal pro Woche einen solchen Test macht. Nach unseren Rechnungen würde der R-Wert, der angibt, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter im Durchschnitt ansteckt, um rund 1 sinken. Wenn 80 Prozent der Bevölkerung einmal in der Woche getestet wird, beträgt die Reduktion immerhin noch 0,6. Auch das wäre beachtlich.

Foto: Marcel Rieser
Kai Nagel, Professor für Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik an der TU Berlin, erforscht die Mobilität der Menschen – auch in der Pandemie.

Welche der neuen Lockerungen sehen Sie am kritischsten?

Die Lockerungen im privaten Bereich werden zu vielen neuen Infektionen führen. Bis zu fünf Erwachsene aus zwei Haushalten dürfen sich nun wieder treffen: Von allen Änderungen, die nun in Kraft getreten sind, wird dies die stärkste negative Wirkung entfalten. Es wäre besser gewesen, zu differenzieren: Treffen in Innenräumen bleiben wie bisher stark eingeschränkt, Treffen draußen sind nun wieder in größerem Maße möglich. Die Lockerungen im Einzelhandel sehe ich als unproblematisch an. Der Handel trägt in unseren Simulationen zum Infektionsgeschehen bisher wenig bei.

Was wurde versäumt?

Aus meiner Sicht hätte die Pflicht, Mund und Nase zu bedecken, weiter ausgedehnt werden müssen. Die Maskentragepflicht sollte auch in Großraumbüros gelten – generell flächendeckend in allen Innenräumen. Und gut sitzende FFP3-Masken wären noch einmal besser als FFP2-Masken.

Streichquartett ja, Bläserquartett nein

Sie beraten Bundes- und Landespolitiker in Corona-Fragen. Nach welchen Kriterien treffen diese Menschen eigentlich ihre Entscheidungen?

Die Verantwortlichen bemühen sich ehrlich darum, dass dieses Land gut durch die Krise kommt. Allerdings müssen sie zahlreiche Informationen verarbeiten, die teilweise widersprüchlich sind oder widersprüchlich scheinen und manchmal sogar als interessengesteuerte Fehlinformationen einzustufen sind. Manchmal ist es aber auch richtig, Ventile zu öffnen. Seit zwei Wochen verzeichnen wir in Deutschland wieder eine größere Mobilität. Das bedeutet, dass die Menschen wieder häufiger unterwegs sind – dabei wurden die Regeln in dieser Zeit nicht geändert. Die Politiker können die Bürger nicht ignorieren. Ich vergleiche das mit Fußgängerampeln bei wenig Verkehr. Sie werden von vielen nicht beachtet, aber das kann man nicht dadurch verhindern, dass man mehr Ampeln aufstellt.

Werden Sie über Ostern verreisen?

Nein. Zwar haben meine Frau und ich darüber nachgedacht, aber Reisen passen nicht in diese Zeit. Natürlich könnte man das Risiko reduzieren, wenn man eine Ferienwohnung oder ein Ferienhaus bucht. Trotzdem kann es sein, dass man sich am Urlaubsort ansteckt und das Virus einschleppt.

Noch ist der Osterurlaub ohnehin ungewiss. Wann wird Reisen wieder möglich sein?

Es wäre gut, wenn wir noch eine Weile auf Reisen verzichten würden, weil Reisen Infektionen von Gebieten hoher Inzidenz in Gebiete niedriger Inzidenz einschleppen. Ich erwarte auch nicht, dass die Innengastronomie einschließlich Kneipen und Clubs in den kommenden Monaten wieder öffnen darf, selbst wenn dort eine Schnelltestpflicht gelten würde. Das liegt an den Umständen. Beim Essen kann keine Maske getragen werden, und es wird in Gaststätten oft laut gesprochen. Beides trägt dazu bei, dass sich die Aerosole mit dem Virus ausbreiten können. Wir müssen es weiterhin vermeiden, dass sich viele Menschen in Innenräumen treffen. Je höher die Personendichte ist, desto problematischer wird es.

Schweigegebot im Nahverkehr – nicht reden, nicht telefonieren

Heißt das, dass der Lockdown auch für die Kultur weitergelten sollte?

Kinos könnten unter Einhaltung bestimmter Regeln wieder geöffnet werden, das wäre unproblematisch. Kinosäle haben fast immer eine Lüftungsanlage, und Kinobesucher sprechen während der Vorführung meist nicht. Ähnlich sieht es mit Veranstaltungen aus, sofern sie in großen Räumen stattfinden und die Personendichte gering bleibt. Bei Theater und Konzertsälen müsste man differenzieren: Streichquartett ja, Bläserquartett nein. Und keine Oper, weil dort gesungen wird.

Die Restaurants sind leer, die S-Bahnen auf dem Ring sind voll. Passt das zusammen?

Die Daten sagen, dass der öffentliche Verkehr derzeit 40 Prozent weniger genutzt wird als vor der Pandemie. Außerdem gibt es grundlegende Unterschiede. Der öffentliche Verkehr als Teil der Daseinsvorsorge wird gebraucht, damit Menschen zur Arbeit kommen. Außerdem ist das Ansteckungsrisiko durch die Maskenpflicht geringer als in anderen Innenräumen, in denen keine Masken getragen werden, zum Beispiel in Restaurants. Das zeigen unsere Modellrechnungen. Wenn die Fahrzeuge nicht allzu voll sind, wenn sie belüftet werden und möglichst wenig gesprochen wird, ist die Infektionsgefahr im Nahverkehr geringer als im eigenen Wohnzimmer bei einem Treffen mit Freunden.

Die Kriterien, die Sie anführen, werden aber nicht immer eingehalten. In den Bahnen wird telefoniert, viele Bahnen wirken schlecht belüftet.

Es bleibt immer ein Risiko – übrigens auch dann, wenn ich auf der Straße unterwegs bin. Das kann und will ich nicht wegargumentieren. Ich sage nur, unter welchen Bedingungen die Gefahr im öffentlichen Verkehr geringer ist als anderswo. Und ich bleibe dabei: Aus wissenschaftlicher Sicht wäre ein Schweigegebot im Nahverkehr sinnvoll. Das gilt auch fürs Telefonieren.

Sollten die Verkehrsunternehmen an Haltestellen und Bahnhöfen dafür sorgen, dass nicht zu viele Menschen einsteigen?

Wenn sie es hinbekommen würden, den Fahrgastzustrom zu dosieren, wäre das gut. Wenn sich dann aber wartende Menschen ballen würden, wäre das wiederum problematisch. Ich hielte es für sinnvoller, Arbeitszeiten zu flexibilisieren, damit sich der Berufsverkehr weiter entzerrt.

Angst der BVG-Busfahrer vor Ansteckung ist „plausibel“

Der Senat setzt sich dafür ein, dass Fahrgäste in BVG-Bussen wieder vorn einsteigen und dort Fahrscheine kaufen können. Dagegen befürchten Busfahrer, dass sie sich anstecken.

Ich kann die Angst der BVG-Busfahrer verstehen, ihre Befürchtung erscheint mir plausibel zu sein. Wir dürfen nicht vergessen: Die dritte Welle der Ansteckung rollt, und wir sollten auf alles verzichten, was sie antreiben kann. Das Problem der Einnahmen, die der BVG derzeit entgehen, ließe sich lösen, wenn Mitarbeiter an Haltestellen draußen Tickets verkaufen würden.

Noch immer gibt es Menschen, die sich nicht an die Maskenpflicht im Nahverkehr halten. Sollten die Vertragsstrafen und Bußgelder erhöht werden?

Jeder Fahrgast sollte wissen, dass er mit einer Maske vor allem sich selbst schützt. Beim Einatmen legt sich der Textilschutz an den Mund an, das verringert die Gefahr, dass Keime eindringen. Schon deshalb sollte jeder Nutzer des öffentlichen Verkehrs die Pflicht zum Tragen einer Maske beachten. Nach meinen Informationen wird sie aber größtenteils befolgt. Wenn der Anteil der Maskenverweigerer steigen sollte, könnte man darüber nachdenken, die Strafen zu verschärfen. Bis dahin gibt es dafür keinen Anlass.

Gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass sich Fahrgäste im öffentlichen Verkehr angesteckt haben?

Ich habe recherchiert, ob dazu Studien vorliegen, aber bisher keine gefunden. Das könnte man als Bestätigung für die These sehen, dass hier tatsächlich kein Problem vorliegt. Für die Bahn gibt es eine Untersuchung, die sich mit Zugbegleitern befasst. Bei ihnen wurde keine höhere Ansteckungsrate festgestellt. Im vergangenen Jahr hat das Verkehrsministerium eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit den Ausbreitungswegen von Coronaviren im Nahverkehr befasst. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Allerdings lässt sich auch nicht verlässlich sagen, dass sich bisher niemand im Nahverkehr infiziert hat. Eine Nachverfolgung von Kontakten ist in diesem Bereich nicht möglich. Wäre die Corona-App anders strukturiert worden, hätte man mit ihr  entsprechende Daten erheben können.

Trotz aller Erkenntnisse: Viele Menschen meiden Bus und Bahn, weil sie Angst haben, sich dort mit Corona anzustecken. Ist dem Nahverkehr ein Imageschaden entstanden?

Ich finde, dass die Unternehmen richtig gehandelt haben. Sie haben die Kapazität und das Angebot für die Fahrgäste aufrechterhalten. Die Einführung der Maskenpflicht hat viele Infektionen verhindert.

Wie lange wird diese Krise noch andauern?

Das weiß momentan keiner. Wir versuchen, die Gefahr mit Impfungen in den Griff zu bekommen. Wenn uns das gelingt, lässt sich die Bevölkerung schützen. Allerdings gibt es in Brasilien Mutanten, bei denen die jetzigen Impfstoffe offenbar nicht wirken. Wir müssen uns darauf einstellen, die Impfstrategie immer wieder anzupassen. Eine andere Frage ist, wann wir mit dem nächsten neuen Virus konfrontiert werden: in zwei oder erst in 20 Jahren. Auch wenn Corona irgendwann vorbei sein wird – die generelle Gefahr wird bleiben.