Im Grunde hat alles mit einem Flyer begonnen. Zwei Kinder sind darauf zu sehen, sie putzen ein Fenster. Auf der Rückseite steht: „Freundlicher Familienvater aus der Nachbarschaft putzt ihre Fenster sauber und schnell. Der Preis für die Fensterreinigung beträgt ab 1,20 Euro pro qm + MwSt.“ Unterschrieben in Schreibschrift von Lars Nickel. Dazu eine Telefonnummer.

Aus dem, was als reine Dienstleistung begann, ist jetzt ein Fotobuch geworden: „Beletage – Ansichten eines Fensterputzers“ zeigt die Menschen, die Nickel in ihr Heim gelassen haben, damit er ihre Fenster putzt.

Vor fünf Jahren hat Nickel, ein Mann mit einer tiefen Stimme und einem kecken Lachen, mit dem Fensterputzen angefangen. Eine Entscheidung aus der Notwendigkeit heraus. Der 45-Jährige hatte mit seiner damaligen Freundin eine Familie mit vier Kindern. Vom Fotografieren allein konnten die Rechnungen nicht bezahlt werden. „Am Anfang habe ich den Fehler gemacht, die Zettel anzubringen, wo die Fenster dreckig waren. Aber das sind die Leute, denen es nicht wichtig ist. Man muss die Zettel dort anbringen, wo es sauber ist.“ Mittlerweile hat er etwa 400 Wohnungen gesehen, sagt er.

Dass er nun mit Fensterputzen das Geld verdienen sollte, lag vielleicht in der Familie. Der Vater hatte in der DDR einen Betrieb als Fensterputzer, zwei Onkel waren ebenfalls dort beschäftigt. Von ihnen wusste Nickel um die Situation der Branche. Schlechte Zahlungsmoral sei nur eines der Probleme. Mit dem Putzen von Fenstern in Privathaushalten hat Nickel eine Nische gefunden. Die großen Reinigungsfirmen interessieren sich in der Regel nicht dafür. Zudem hat es ihm das Thema für sein Fotobuch gebracht.

„Ohne das Fensterputzen wäre ich nie auf die Idee gekommen, diese Leute zu fotografieren. Das ist nicht spektakulär. Die Besonderheit liegt darin, dass es so normal, aber ansonsten schwer herzustellen ist.“ Es gibt Fotoserien von Fotografen aus deren Freundeskreis. Dort sieht man kreative Menschen in außergewöhnlichen Wohnsituationen, in Lofts, auf Wohnbooten, in Penthäusern. Es gibt Bildbände von Häusern der Superreichen. Von Wohnungen mit besonderem Interieur.

„Und hier ist eine Mittelschicht abgebildet, die ansonsten so nicht vorkommt.“ Nickel hat sie im Tageslicht fotografiert, mit einer Mittelformatkamera. „Es ist eine Bildästhetik, die man klassisch nennen kann. Ich wollte Bilder, die ein bisschen so sind, wie man früher den Adel dargestellt hat. Es sollten repräsentative Fotos werden.“

Die Menschen stehen bei seinen Fotografien im Vordergrund. Bei den meisten der Bilder in „Beletage“ sogar wortwörtlich. „Mir geht es nicht darum, die Wohnungen zu fotografieren. Die spielen natürlich eine Rolle. Aber vor allem geht es um die Personen.“

Es sind Menschen, die zunächst nur eines gemeinsam haben: Sie haben alle zu irgendeinem Zeitpunkt den Fensterputzer kommen lassen. „Es ging mir nie darum, eine bestimmte Schicht zu fotografieren. Ich habe alle Leute, bei denen ich geputzt habe, gefragt und die, die zugesagt haben, sind im Buch.“

Viel erfährt man ansonsten auf den ersten Blick nicht über sie. Unter jedem Foto sind die Berufe und das Alter sowie der Bezirk der abgebildeten Personen aufgeführt. Auf den hinteren Seiten kommen die Protagonisten noch mal zu Wort. Sie widmen dem Fotografen ein paar Zeilen, erzählen von der Wohnung und von ihrem Leben darin. „Dadurch entsteht ein Kopfkino“, sagt Nickel. „Man kann die Leute ein bisschen kennenlernen.“

Und tatsächlich ergeben sich kleine Geschichten, wie bei den späten Eltern, deren Sohn mit Prinz-Eisenherz-Frisur zwischen ihnen auf einem Stuhl thront. Oder dem pensionierten Chemiker, der auf den hinteren Seiten von seiner Wohnung in Gedichtform erzählt. Man sieht die jungen Mütter und die ergrauten Beamten. In Wilmersdorf, Spandau, Dahlem Mitte und im Prenzlauer Berg. Barfuß oder in Straßenschuhen, eine der wenigen Anweisungen des Fotografen. Nur die Familie aus Mitte mit ihren fünf Kindern hatte auf Hausschuhe bestanden.

Auf den Fotos sieht man ein Berlin, das so alltäglich wirkt und doch in dieser Form, als aufwendiges Fotobuch, ungewöhnlich ist. Nickel sagt, sein Anliegen sei, dass sein Buch ein zeitgenössisches Dokument ist. „Das sieht man vielleicht erst in zwanzig Jahren. Dass man dann aber sagen kann: So haben die Menschen im Jahr 2010 gelebt. Das sieht man natürlich erst, wenn es sich verändert hat.“

Mittlerweile, sagt Nickel, sei es ihm eigentlich egal, ob er als Fensterputzer oder als Fotograf wahrgenommen werde. Er müsse niemandem mehr beweisen, dass er fotografieren oder Fenster putzen kann. „Wenn die Leute anrufen und sagen, dass sie mit meiner Arbeit zufrieden sind, dann freut es mich, ob es nun wegen Fensterputzen oder der Fotografie ist. Natürlich schlägt mein Herz für die Fotografie. Aber das Fensterputzen erlaubt mir in einer Regelmäßigkeit Geld zu verdienen, um auch den Urlaub mit meinen Kindern zu bezahlen.“ Es ist diese Mischung aus Pragmatik und Optimismus, die „Beletage“ möglich gemacht hat.

Weitere Bilder:www.Lars-Nickel.Berlin

Beletage: Ansichten eines Fensterputzers von Lars Nickel, Edition Braus, 96 Seiten, 29,95 Euro.