Nicht nur Jürgen Klinsmann weiß, dass keine Liebe so groß ist wie die zum Fußball. Wenn bei Abgeordneten die Sehnsucht nach dem Verein ihres Herzens unerträglich wird, gründen sie im Bundestag einen Fanclub. Die Parteizugehörigkeit wird dabei zur Nebensache. Eine Auswahl. 

Fanclub „Fohlen des Bundestages“

Geschwärmt hat Gülistan Yüksel schon immer für ihre Borussia. Seit die SPD-Politikerin als Achtjährige aus der Türkei nach Mönchengladbach kam, sind Stadt und Verein ihr Zuhause. Fan durch und durch wurde sie aber erst, als ihr Sohn mit vier Jahren mit dem Fußballspielen anfing und die Mutter mit seiner Begeisterung mitriss.

2013 wurde Yüksel in den Bundestag gewählt. Bald war ihr und den anderen Gladbach-Fans im Parlament klar, dass sie „ihre“ Fohlen auch von Berlin aus unterstützen wollten. Im April 2015 wurde der parteiübergreifende Fanclub „Fohlen des Bundestages“ gegründet, der zur Zeit rund 60 Mitglieder hat. Fortschrittlich ist der Frauenanteil: Neben der Vorsitzenden Gülistan Yüksel sitzen noch zwei weitere Frauen im Vorstand.

Überhaupt seien die Gladbach-Fans im Bundestag eine „gute Mischung“, sagt Yüksel. „Wir versuchen gemeinsam Fußball zu schauen, organisieren Reisen in den Borussia-Park oder zu Auswärtsspielen und tauschen uns auch über unsere WhatsApp-Gruppe aus.“ Mitglieder des Fanclubs können insbesondere Abgeordnete und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundestages werden, aber auch Angehörige der Ministerien, des Bundesrats, der Landesvertretungen und der Bundespressekonferenz.

Nicht mehr mit Borussia Mönchengladbach mitzufiebern, kann sich Gülistan Yüksel nicht vorstellen. „Mit Fußball ist es wie mit dem Zuhause: Auch wenn man nicht immer dort ist – Heimat bleibt Heimat.“

„Hertha BSC-Fanclub im Deutschen Bundestag“

Schuld an allem war Köln. „Ich habe lange akzeptiert, dass die großen Vereine wie der FC Bayern oder Borussia Dortmund Fanclubs im Bundestag haben“, sagt Kai Wegner. Dann kam der Tag, an dem den Spandauer CDU-Politiker eine Einladung erreichte: Bundestagsabgeordnete hatten einen 1.-FC-Köln-Fanclub gegründet. „Das war für mich das Zeichen, dass die Zeit für einen Hauptstadtclub unter der Glaskuppel gekommen ist.“ Gemeinsam mit Özcan Mutlu, damals Bundestagsabgeordneter für die Grünen, gründete Wegner am 10. November 2015 den „Hertha BSC-Fanclub im Deutschen Bundestag“. Wegner ist Vorsitzender des Fanclubs und schon immer Herthaner. „Als Hertha-Fan muss man ja hartgesotten sein. Ich kann mich noch gut an den Abstieg in die 3. Liga erinnern ... Aber ich bin Hertha immer treu geblieben.“ Der Fanclub hat rund 70 Mitglieder. Willkommen sind Abgeordnete aller Parteien. „Es ist uns egal, ob jemand Grüner, Linker oder Christdemokrat ist – was zählt, ist ein blau-weißes Herz.“

Ab und zu finden die Mitglieder Zeit für gemeinsame Aktivitäten, wie den Besuch bei Herthas Fußball-Akademie, der für Kai Wegner auch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes war: „Einer meiner Lieblingsspieler war schon immer Axel Kruse. Und dann stand ich ihm in der Akademie plötzlich gegenüber.“ Wegner lud den ehemaligen Hertha-Star kurzerhand in den Bundestag ein. „Ich glaube, ihm hat der Besuch gut gefallen. Aber für mich war es mit Sicherheit noch schöner. Dass ich meinem großen Idol das Parlament zeigen durfte – das war schon eine tolle Sache.“

„Bundestag Grün-Weiß“

Dass dem Bundestagsabgeordneten und gebürtigen Emdener Johann Saathoff seine ostfriesische Heimat am Herzen liegt, ist eigentlich keine Überraschung. Wer dennoch Zweifel hatte, konnte sich am 2. März 2018 überzeugen lassen. An diesem Tag hielt Saathoff im Bundestag eine Rede – zum großen Teil auf Plattdeutsch. Er antwortete damit auf eine AfD-Initiative zur Verankerung von Deutsch als Landessprache im Grundgesetz. Saathoff wies den Vorstoß als Versuch der Ausgrenzung leidenschaftlich zurück: „Düütschland word neet armer dör anner Spraken, Düütschland word rieker“, rief Saathoff unter dem Applaus vieler Abgeordneter ins Mikrofon. Seine Muttersprache Plattdeutsch sei ein gutes Beispiel dafür.

Saathoffs fröhlicher Lokalpatriotismus zeigt sich aber nicht nur bei der Sprache, sondern auch in sportlicher Hinsicht. Als Ostfriese lege ja schon die räumliche Nähe nahe, „dass man dort sozusagen mit einem grün-weißen Schal um den Hals die Welt erblickt“, sagt der SPD-Politiker. „Als ich 2013 in den Bundestag einzog, hatte ich eigentlich fest damit gerechnet, hier bereits auf ein Stück Heimat in Form eines Werder-Fanclubs zu treffen. Diesen gab es jedoch nicht. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, selbst einen zu gründen.“ Am 26. November 2014 setzte er dieses Vorhaben am Rande einer Plenarsitzung zunächst mit 15 Abgeordneten um. „Seitdem geht es stetig und langsam bergauf – wie bei Werder in der Bundesliga.“

Mittlerweile bietet der Werder-Bremen-Fanclub im Bundestag eine grün-weiße Heimat für rund 30 Mitglieder, die querbeet aus – fast – allen Fraktionen kommen.

„Berliner Fraktion“

An diesem Mittwoch ist es wieder soweit. Die Mitglieder des Fanclubs „Berliner Fraktion e. V.“ treffen sich zum Fußballgucken. Florian Hahn und seine Kollegen werden mitfiebern, wenn der FC Bayern München im Champions-League-Achtelfinale auf den FC Liverpool trifft. Es ist eine seltene Gelegenheit, die Fußballliebe in den parlamentarischen Alltag zu integrieren. Viel Zeit zum aktiven Fansein bleibt den Abgeordneten nicht. Dafür, dass die schönste Nebensache der Welt im politischen Arbeitsalltag nicht in Vergessenheit gerät, sorgt seit dem 11. November 2014 die von Florian Hahn gegründete „Berliner Fraktion“, der zweitälteste und mit 73 Mitgliedern größte Fußball-Fanclub im Bundestag. Der CSU-Politiker und Bayern-Fan („seit ich denken kann“) hat sich damit einen Kindheitstraum erfüllt. „Ich wollte schon immer einen FC-Bayern-Fanclub gründen“, sagt er. Ursprung des Ganzen war allerdings eine bittere Niederlage des erfolgverwöhnten Clubs beim „Finale dahoam“: 2012 verloren die Bayern das Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea aus London. Für Hahn und seinen Kollegen und Fan-Freund, den heutigen SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, war klar: Die Zeit ist reif für moralische Verstärkung aus dem Bundestag.

Zwei Jahre später wurde die „Berliner Fraktion“ gegründet. Zugelassen sind nur Mitglieder des Bundestages – aktuelle und ehemalige. Der jährliche Mitgliedsbeitrag von 59 Euro wird für karitative Zwecke gespendet. Die Clubaktivitäten dürfen durchaus politisch sein. „Wir hatten mit anderen Bayern-Fanclubs zum Beispiel ein Gespräch mit DFB-Präsident Reinhard Grindel über die gesellschaftspolitische Aufgabe des Fußballs,“ erzählt Hahn. Die Parteizugehörigkeit hingegen spielt – wie schon die Fan-Freundschaft zwischen Hahn und Klingbeil zeigt – für die Mitgliedschaft keine Rolle. Wichtig ist nur, dass man die richtige Farbe im Herzen trägt. „Wenn es um Fußball geht, bin ich schließlich auch ein Roter“, sagt Florian Hahn. 

„EFC bundesAdler“

Sie waren die Ersten. Am 26. März 2012 wurde der „EFC bundesAdler“ gegründet, was auf der Homepage des Fanclubs ganz unbescheiden als „Pioniertat“ gerühmt wird. Auch der Vorsitzende Omid Nouripour ist stolz darauf, dass sein Fanclub der dienstälteste im Bundestag ist. „Aber die Bayern haben uns natürlich kopiert – wie in allem“, betont der Frankfurter Grünen-Politiker. Seither sind etliche Fanclubs im Bundestag gegründet worden, und fast immer wird Nouripour gebeten, zu diesem Anlass ein Grußwort zu sprechen. Nicht so bei der Gründung des Bayern-Fanclubs: „Florian Hahn hatte schon jemanden für das Grußwort – Paul Breitner. Und dann sagte der in seiner Rede im zweiten Satz: ‚Die Eintracht hat ja auch schon einen Fanclub im Bundestag gegründet.‘ Das hat mich natürlich gefreut.“ Abgesehen von der sportlichen Rivalität verbindet die beiden Fanclubs auch die Tatsache, dass sie aus einer Situation des Misserfolgs hervorgingen. „Wir waren damals gewissermaßen in einer physikalischen Anomalie – nämlich in der 2. Liga“, erzählt Nouripour. „Da haben wir uns gedacht: So geht es nicht – und haben den Fanclub gegründet.“ 63 Mitglieder sind dabei, Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt, ist Ehrenmitglied.

Mindestens einmal pro Hin- und einmal pro Rückrunde geht der Fanclub ins Stadion. Abgesehen davon ist gemeinsames Fußballgucken selten möglich. Dafür bleiben diese Gelegenheiten besonders im Gedächtnis. So wie das DFB-Pokal-Halbfinale im April 2017 gegen Mönchengladbach. „Der Moment, in dem Branimir Hrgota den entscheidenden Elfmeter verwandelt hat, war wochenlang auf meiner Uhr verewigt“, sagt Nouripour. „In dem Augenblick ist im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit stehengeblieben.“ Klingt, als wäre eine höhere Macht am Werk gewesen. Passen würde es. Nouripour sagt von sich selbst: „Fußball ist mir gleichgültig – aber Eintracht, das ist religiös.“