Maria Magdalena begegnet dem auferstandenen Christus – links dessen offenes Grab. Gotisches Tafelbild in der Nachfolger von Stefan Lochner, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg.
Foto: Oscar Poss/GNM Nürnberg

BerlinWas für eine Zeit, Tage der Trauer mit glücklichem Ende. Das Nachdenken über diesen ur-christlichen Erfahrungsbogen kann gerade jetzt, in Zeiten von Corona, Kraft geben. Welches Versprechen Ostern uns gibt, erklärt im folgenden Interview Pater Maximilian Wagner von der rund 11.000 Katholiken zählenden Kirchengemeinde Sankt Ludwig in Berlin-Wilmersdorf. Er ist selbst mit vier Glaubensbrüdern vom Franziskanerorden seit vier Wochen in Quarantäne, weil Menschen, denen sie dicht begegnet sind, sich danach als Covid-19-positiv herausgestellt haben.

Botschafter der Humanität: Pater Maximilian vor der Kirche Sankt Ludwig am Ludwigkirchplatz in Berlin-Wilmersdorf.
Foto: Jens Gyarmaty

Pater Maximilian, weshalb ist der Karfreitag so ein tragischer Tag?

Die Tragik des Karfreitags ist, wie dieser Mann, mit dem viele große Hoffnungen verknüpft hatten, sich selbst nicht helfen kann. Jesus hatte die Möglichkeit vermittelt, das Unterdrückungssystem der Römer aufzubrechen. Er hatte einige schöne Taten wie Krankenheilungen, Totenerweckung und andere Wunder vollbracht. Seine Unterstützer und Sympathisanten hatten für ihn alles stehen und liegengelassen ­und mussten nun zusehen, wie dieser Mann sich nicht selbst helfen konnte.

Dass dieses Schicksal seinen Lauf nimmt und Jesus wie ein Verbrecher hingerichtet wird, tut einfach unheimlich weh. Es ist gegen das, was seine Anhänger von ihm erwartet hatten. Als Gottes Sohn hätte er sich doch selbst aus der Situation herausmanövrieren können. Stattdessen die herbe Enttäuschung: Jesus ist tot, und mit ihm begraben sind alle Hoffnungen.

Wie lässt sich die Erfahrung von Ostern auf unser derzeitiges eingeschränktes, von vielen als bedrohlich unsicher empfundenes Alltagsleben anwenden?

So ein Ereignis, so einen Moment wie den Karfreitag auszuhalten, ist wichtig. Die Seele muss erst zur Ruhe kommen. Es braucht Zeit, auf Trauriges reagieren zu können, das Ende und die neue Situation wahrzunehmen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Erst dann lässt sich Glück wieder erkennen und fühlen. So erkennt Maria Magdalena am Morgen des Ostersonntag Jesus an seinem Grab nicht gleich wieder. Die zwei Jünger von Emmaus laufen zwölf Kilometer gemeinsam mit Jesus nach Hause. Erst dort verstehen sie, dass er die ganze Zeit schon bei ihnen ist.

Ganz alltäglich formuliert: Es braucht Schule, damit man sich auf die Ferien freuen kann. Der Winter ist notwendig, um den Frühling zu feiern.

Wie mit der Angst vor dem Ende von etwas am besten umgehen? Für manche Menschen ist die Corona-Krise ihr Karfreitag. Sie verlieren ihre Arbeit, fürchten um Existenz und/oder Wohnung, müssen völlig neue Verantwortungen z.B. für die Beschulung ihrer Kinder übernehmen. All dem fühlen sie sich nicht gewachsen. Wie könnten sie sich da hineinentwickeln?

Mit Angst kann man am besten umgehen, indem man mit jemandem darüber spricht, sich anvertraut. Das können Profis wie Psychologen sein, aber auch gute Freunde. Angst wird durch diese aktive Handlung kleiner, ganz nehmen lässt sie sich allerdings nicht.

Zuversicht und Hoffnung sind das, was Menschen jetzt brauchen. Woraus lassen sich diese schöpfen?

Sich selbst Zuversicht zu geben, das geschieht mithilfe der Erinnerung. Daraus lernt man: Das Leben geht immer weiter. Jeder hat schon die Erfahrung sehr trauriger, ja erschütternder Momente erlebt, aber es gibt stets ein Morgen. Der Ostersonntag kommt bestimmt. Im persönlichen Rückblick lässt sich die Erfahrung herauslesen: Es ist noch immer gut gegangen. Und nicht alles, was kommt, wird noch schlimmer. Oft sogar kommt das Beste noch. Denn plötzlich ergeben sich neue Möglichkeiten, die man vorher nicht gesehen hat.

Welche Fertigkeiten, fruchtbaren Ablenkungen oder neuen Ziele helfen in als so schwierig empfundenen Zeiten?

Vor einem möchte ich besonders warnen: in kürzesten Abständen ständig im Internet oder in Publikationen die aktuellen Betroffenenzahlen und neue Entwicklungen zu registrieren. Die Hoffnung, dadurch Kontrolle über die bedrohliche Situation zu erlangen, ist trügerisch. Denn Zählungen verstärken den Eindruck und somit die Angst. Beruhigender wäre es, im Garten oder in einer der Grünanlagen das gegenwärtige Erblühen der Blumen, Sträucher und Bäume genau zu verfolgen. Das ist der Seele zuträglicher.

Für mich ist auch das Smartphone ein Quell von Freude. Noch nie bekam ich so viele lustige Filmchen, die sich zwar um Corona drehen, aber die amüsanten Seiten der Distanzierung zum Thema machen. Eigentlich bin ich jetzt, in der erzwungenen Abgeschlossenheit, mehr im direkten Kontakt mit meinen Mitmenschen als vorher. Man telefoniert lange (derzeit ist Zeit vorhanden dafür) und fragt sich gegenseitig nach dem Befinden. Diese momenthafte Nähe genieße ich sehr.

Auf einmal habe ich Zeit, wieder ausgiebig Akkordeon zu üben, ich habe Erfolgserlebnisse. Es ist schön, mich selbst zu beobachten, wie täglich eine Stunde Üben plötzlich die Finger funktionieren lässt und schwierige Musikstücke leichter zu bewerkstelligen sind. So bringt uns die Ausnahmesituation dazu, neue Prioritäten zu setzen.

Bei sich zu sein, allein mit dem Selbst in der Aufmerksamkeit, sei es beim Beten oder dem Wahrnehmen der Natur, darin finde ich mich.

Manche sagen, die gegenwärtige psychische Krise ist ein Luxusproblem, zumindest für uns Westeuropäer. Stimmt das?

Wir klagen auf hohem Niveau. In anderen Ländern wie dem Libanon, in Afrika oder Indien haben die Menschen nicht unsere medizinischen Möglichkeiten und noch nicht einmal den Platz, sich im Krankheitsfall zu separieren. Den anderen und sein Problem ernst zu nehmen heißt auch, sich selbst zu relativieren. Man ist nicht das Wichtigste auf der Welt.

Gibt es Vorbilder in der Geschichte der Menschheit, auch von außerhalb des theologischen Raumes, deren Verhalten uns leiten könnte?

Hoffnung ist nicht auf dieses Leben begrenzt, sondern reicht darüber hinaus. Das hat der Gründer unseres Franziskanerordens, der Heilige Franz von Assisi, gelebt. Seiner eigenen Angst vor den kranken Aussätzigen stellte er sich durch die Konfrontation damit: Er pflegte sie. Sich mit der Angst zu konfrontieren, hilft, sie im Zaum halten zu können, denn es setzt neue Kräfte frei. Der im Gefängnis der Nationalsozialisten inhaftierte protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer wusste, dass sie ihn töten würden. Sein Todestag jährt sich am 9. April in diesem Jahr zum 75. Mal. Die Krise wurde für ihn zur Chance, er schrieb unter anderem das wunderbare Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.

Verzweiflung, Weinen ­­­- die Krise ist da, überwältigt einen. Wie geht man gut und angemessen mit der eigenen akuten Krisenstimmung um?

Ein Lied singen. Das setzt neue Energien frei. Gegenwärtig singen viele Menschen alleine oder auf dem Balkon mit ihren Nachbarn. Ein berühmtes Vorbild ist Maximilian Kolbe. Die Nationalsozialisten ließen den polnischen katholischen Geistlichen 1941 im Konzentrationslager Auschwitz verhungern. Währenddessen sang er unentwegt gegen sein furchtbares Schicksal an, schöpfte daraus Kraft.