Wer kurz nach 7 Uhr das Frauenfitnessstudio an der Frankfurter Allee betritt, kommt an ihr nicht vorbei: Karin Jahn ist immer schon da. Um kurz nach 7 schuftet die 69-Jährige bereits auf dem Cross-Trainer und schwingt Arme und Beine in atemberaubendem Tempo.

45 Minuten später geht sie aufs Laufband – am liebsten auf das gleich neben dem Pfeiler – und marschiert dort stramm bergauf. Ausladend sind ihre Schritte, entschlossen ihr Blick, und ihr Shirt bald schweißgetränkt.

Angesichts dieses morgendlichen Arbeitspensums bekommen auch deutlich jüngere Besucherinnen schnell mal ein schlechtes Gewissen. Keine hier strampelt sich so früh am Morgen schon so heftig ab wie Karin Jahn.

Auch modisch ein Hingucker

Doch nicht nur deshalb fällt die Seniorin auf in diesem Fitness-First-Studio in Friedrichshain. Auch modisch ist sie ein Hingucker: Ihre Kleidungsstücke passen farblich zusammen, immer, und zwar alles. „Sie ist die geilste von uns“, sagt ihre Freundin Renate Lösel (77), und Karin Jahn lacht.
Renate Lösel und Karin Jahn haben an einem runden Tisch gleich neben dem Eingangsbereich des Fitnessstudios Platz genommen.

Es ist kurz vor 10 Uhr, das Training für diesen Tag ist beendet, sie trinken Cappuccino. Neben Renate Lösel und Karin Jahn, die an diesem Tag Grau in allen Facetten und dazu passenden Schmuck trägt, sitzen drei jeweils 74-Jährige: Ingrid Hühnerbein, Brigitte Bahr und Sonja, die nur ihren Vornamen nennt.

Die fünf Seniorinnen sind nicht nur Stammbesucherinnen im Studio – sie haben sich, bis auf eine Ausnahme, auch hier kennengelernt. Jetzt sind sie Freundinnen. Wer den fünf Frauen zuhört beim Gespräch, merkt schnell: Unter ihnen herrscht eine Intimität, wie sie in dieser Altersklasse nur der Sport herstellen kann. Sie kennen nicht nur ihre Charaktere, sondern auch Falten, Problemzonen und andere Spuren des fortgeschrittenen Alters.

Freundschaft im Frauen-Fitness

Hier muss niemand tun als ob, die anderen wissen es ohnehin genauso gut. Die Geschichte ihrer aller Freundschaft beginnt am 1. März 2008. An diesem Tag eröffnet das Frauenfitnessstudio, und Ingrid Hühnerbein, damals 65, wird auf der Straße angesprochen, ob sie nicht auch dort Sport treiben will. „In meinem Alter geht das noch?“, fragt die Rentnerin überrascht.

Wenig später meldet sie sich im Studio an. Als jüngere Frau hat sie zu DDR-Zeiten im Haus der Pioniere in Lichtenberg Gymnastik gemacht; nun, als Seniorin, wird sie Mitglied in einem Sportstudio. Wenig später stoßen Renate Lösel und Brigitte Bahr dazu; sie waren in den 60er-Jahren Kolleginnen, sind sich nach der Wende wieder über den Weg gelaufen.

„Irgendwann waren wir beide im Konzert in Wartenberg“, erzählt Renate Lösel, die die älteste der fünf Damen ist. Unter den Konzertbesuchern sehen sie eine Frau, die sie aus dem Fitnessstudio kennen. „Das war Karin Jahn“, sagt Brigitte Bahr. „Wir haben die ganze Zeit zu ihr rübergeschaut, aber sie hat uns nicht gesehen.“