Frank Schäfer war 26, als er vergewaltigt wurde. Von einem Polizisten in einer Baracke auf dem Alexanderplatz. Es war Weihnachtsmarkt, und Schäfer war festgenommen worden. Wieder einmal. Seine Haare waren bunt, und er trug eine Batikhose. Das reichte aus, um ihn zu verhaften und stundenlang zu verhören. „Draußen lief Weihnachtsmusik, als er mich vergewaltigte“, schreibt Frank Schäfer in seiner Biografie, die jetzt erschienen ist. Der Titel: „Ich bin nicht auf der Welt, um glücklich zu sein“.

33 Jahre nach dem Vorfall auf dem Alexanderplatz sitzt Frank Schäfer in seinem kleinen Frisiersalon in Prenzlauer Berg in einer glattsanierten und hellgetünchten Straße unweit der Schönhauser Allee und sagt, er habe sich damals nicht als Opfer empfunden, weil er kein Opfer sein wollte. Das klingt allzu einfach. Und doch: Aus Schäfers Mund klingt es richtig. Nichts an ihm wirkt, als ob ihn jemand in eine Rolle pressen könnte, die er nicht spielen mag.

Frank Schäfer hat sich fein gemacht. Er trägt schweren grünschimmernden Lidschatten und dicke Ringe, an jedem Finger einen. Dazu ein Hütchen, das genug von seiner Stirn freigibt, um die tätowierten Sterne darauf zu zeigen – Schäfers Kopf ist sein eigener Himmel. Dazu im Kontrast eine derbe Zimmermannshose. Er redet schnell, manchmal kämpft er gegen sein Stottern an, dann quält er sich mit den Wörtern, und es schmerzt, ihm dabei zuzusehen. Er stotterte schon als Kind: in den Sechzigerjahren, in denen er aufwuchs, kam das einer Behinderung gleich.

Ein fast 60 Jahre alter Friseur, schwul und geschminkt – man kann Frank Schäfer exotisch finden oder exzentrisch. Aber keines der Adjektive passt zu ihm. Schäfer wirkt so authentisch, dass man den oft lapidaren Ton seiner Biografie, in der er Stasi-Verhöre, frühen Sex oder seine Republikflucht beschreibt, schnell vergisst, wenn man ihm gegenübersitzt. Schäfer ist jemand, der mit einer sehr klaren Idee von sich durchs Leben ging und geht. Vor allem will er eines nicht sein: fremdbestimmt.

Püppi, der Pudel und viel bunter Trödel

Schäfer, ein Paradiesvogel der DDR, Star-Friseur, Punk und Popper, Kunstwerk und Künstler, wurde in Neukölln geboren. Noch vor dem Mauerbau zog die Familie in den Osten, wo Schäfer heute noch lebt – seine Heimat, wie er sagt, auch wenn die Gentrifizierung dort durchgezogen worden ist. Was ihm weder Angst noch Sorge bereitet. „Eine Stadt muss sich auch verändern, tue ich ja auch“, sagt er, während er auf einem Höckerchen in seinem Salon sitzt.

Der ist mit rund 35 Quadratmetern so klein, dass er aus Sicht der Behörden ein Toilettenvorraum ist. Und er ist so vollgestopft mit Kram, Puppen, Bildern, Spiegeln, dass sein bunter Besitzer schwierig auszumachen ist in diesem Wimmelbild. Fotocollagen mit nackten Männern, Konzertkarten, Autogramme, Zeitschriften, alte Radios und der ganze bunte Trödel wirken wie eine Erweiterung Schäfers, ein Schutzraum, in dessen Mitte er sitzt und Püppi tätschelt, einen Pudel, 15 Jahre alt und aus dem Tierheim.

Warum hat Schäfer erst jetzt seine Biografie veröffentlicht? Warum nicht schon vor rund fünf Jahren, als sein Freund Sven Marquardt, etwas jünger als Schäfer und mittlerweile wohl berühmtester Türsteher der Welt, zum Gesicht des Clubs Berghain wurde und das Interesse an der Punk- und Alternativkultur der DDR auf ihrem Höhepunkt war? „Es hat mich keiner gefragt“, antwortet Schäfer ohne Koketterie. Und erzählt dann von der Jugend in der DDR, die recht privilegiert war.

Sein Vater Gerd E. Schäfer war ein bekannter Schauspieler. Und so war das Familienleben geprägt von einer für diese Zeit großen Freiheit. Äußerlichkeiten wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt, sagt Schäfer, sich auszustaffieren sei in seiner Familie nichts Besonderes gewesen. Geld auch nicht, das war da. Und heute sei es ihm egal. Er habe, was er brauche, sagt er. Und das glaubt man ihm.

In seiner Biografie beschreibt Schäfer seinen Drang – fast ist es ein Zwang – , sich ständig zu verändern. Seine Haare zu färben, Popper zu werden, dann Punk, Modemacher und Go-go-Tänzer, gemeinsam mit Marquardt, dem anderen Paradiesvogel der DDR und Rivalen um die Aufmerksamkeit bei den Tanzabenden im Opernpalais Unter den Linden, wo man hinmusste, wenn man auf Männer stand.

Dass Schäfer das früh wusste, überrascht nicht. Beim ersten Sex mit einem älteren Mann, aufgegabelt in den Toiletten unter dem Alexanderplatz, war er gerade einmal dreizehn Jahre alt. Der Vater wollte ihn in einem Pantomimenkurs schicken, das sei doch eine tolle Idee, und wegen des Stotterns komme Schauspielern nicht in Frage. Doch Schäfer vertrieb sich die Zeit lieber auf dem Alex, hing vor der „Nuttenbrosche“ herum, wie der Springbrunnen vor dem Centrum Warenhaus im Volksmund genannt wurde.

„Ich hatte doch keine Ahnung von nichts und sah dazu auch noch aus wie Marcel Marceau, als ich das erste Mal abgeschleppt wurde“, erzählt Schäfer. „Ich war dreizehn und sah aus wie elf.“ Aus Protest erzählt er seinen Eltern von seinen sexuellen Eskapaden; die sind schockiert. Doch wohl nicht so sehr, wie es sich der Sohn vielleicht erhofft hatte im Sturm und im Drang. Schließlich ist das Milieu daheim ein Kreatives, Schwule sind für die Familie Schäfer nichts Besonderes, der Vater kennt sie vom Theater, und so wird auch das Schwulsein des Sohnes akzeptiert.

Anfang der Achtzigerjahre wird es ihm zu eng

Das ist vielleicht das Besondere an einem Menschen wie Schäfer: Man kann ihn nur akzeptieren oder ignorieren. „Ich war ja so, und meine Eltern wussten immer, dass es keinen Sinn macht, mich zu ändern. Warum auch? Ich habe ja niemandem etwas getan“, sagt er selbst.

Die Verantwortlichen im Arbeiter- und Bauernstaat sehen das damals anders. Schäfers Renitenz und sein flamboyantes Aussehen sorgen für Ärger mit dem System. Zum Eklat kommt es bei der Berliner Friseurmeisterschaft als Schäfer, mittlerweile 26 und Damenfriseur, ein Model in einer Zwangsjacke auf die Bühne schickt – in New-Wave-Zeiten kein ungewöhnliches Accessoire, in der DDR durchaus. „Ein Mensch in einer Zwangsjacke auf der Bühne – und das in einer Diktatur. Die zutiefst politische Botschaft sahen die Organisatoren und Parteifunktionäre vor Ort, ich sah sie nicht“, schreibt Schäfer. Er war naiv mit Mitte zwanzig, das hat sich geändert mit den Jahren.

Frank Schäfer wird zum Star in Berlin, frisiert Prominente und Staatsbedienstete, wird bekannt und beschrieben in Magazinen. Doch auch ihm entgehen die Ausreisen nicht, auch er kennt Menschen, die in den Westen wollen und gehen. Trotz aller Privilegien verspürt er früh den Wunsch „rüberzumachen“, wie er berichtet.

Anfang der Achtzigerjahre wird es ihm zu eng in der DDR, er weiht seine Eltern in seine Pläne ein, das Land verlassen zu wollen. Sein Vater bittet ihn zu warten, zu groß ist seine Angst vor Repressionen, der Sohn soll sich noch Zeit lassen, bis der Schauspieler in Rente geht und kein Auftrittsverbot mehr fürchten muss.

Bloß keine Gala-Frisuren

Frank Schäfer, von dem man, wenn man ihn heute so sieht und seine Autobiografie gelesen hat, irgendwie erwartet hätte, dass er trotzdem geht, seinen Kopf durchsetzt, stimmt zu. Er wartet fünf Jahre. Und als der Vater 1988 pensioniert wird, setzt sich der Sohn in den Westen ab.

Er langweilt sich erst einmal. Das System, das war ihm auch ein Korsett, an dessen Enge man sich gut reiben konnte, im Westen ist es schwer zu provozieren. Wo die Freiheit größer zu sein scheint, da fällt vieles nicht auf.

Frank Schäfer macht auch hier sein Ding, tanzt im West-Berliner „Dschungel“, macht Mode mit der Gruppe Allerleirauh, die in den chaotischen Nachwendejahren für kurze Zeit zur großen Hoffnung der Modewelt avanciert. Am Ende bleibt er dem Friseurhandwerk treu. „Ich bin Friseur geworden, als man das nicht wurde. Das war kein Beruf. Für mich schon, ich wollte immer Friseur werden“, erzählt er.

Dabei sei nie das „Haare machen“ ausschlaggebend gewesen. „Dass ich rumstehen und quatschen konnte dabei, das war mir wichtig“, sagt Schäfer. „ Ich wollte auch nie so komische Gala-Frisuren machen, sondern solche, mit denen Frauen auch alleine klarkommen nach dem Aufstehen.“ Frank Schäfer kann sich bis heute nicht über mangelnde Nachfrage beklagen, ausgebucht sei er bis in den Juni, sagt er.

Einmal in der Woche im Kitkat-Club

Schäfer arbeitet an drei Tagen in der Woche bis in die Nacht, gemeinsam mit seinem Mann Giulio, mit dem er seit 2002 verheiratet ist, lebt er in der Nähe seines Salons auf 34 Quadratmetern. „Wir verbringen nicht so viel Zeit zusammen, aber das in Ordnung. Giulio arbeitet viermal die Woche im Berghain an der Bar.“ Manchmal besucht ihn Schäfer dort. Oft geht er alleine aus, meist einmal in der Woche in den Kitkat-Club, dem Berghain an Freizügigkeit recht ähnlich. „Aber zum Glück nicht so cool“, sagt Schäfer.

Hat er keine Angst in Berlin? In einer Stadt, in der Schwule und Transsexuelle immer noch nicht sicher vor Übergriffen sind? „Nein, mir ist noch nie etwas passiert. Aber ich fahre am Wochenende auch mit dem Taxi ins Kitkat, die U-Bahn tue ich mir nicht an. Wie soll das auch wirken auf jungen Menschen, ich sehe doch aus wie eine Karikatur für die“, sagt er.

Das Taxi ist ein Luxus, den er sich gönnt. Ansonsten lebt der Mann mit dem Lidschatten und dem tätowierten Gesicht ein Leben, das bodenständiger kaum sein könnte. Er habe auch gar nicht vor, weniger zu arbeiten, er bekäme eh wenig Rente. Und überhaupt, was solle besser sein in der Rente? „Im flauschigen Bademantel Cocktails schlürfen, das ist nicht mein Ding. Es ist alles gut, so wie es ist. Ich lebe ein gutes Leben“, sagt Frank Schäfer und überprüft seinen Lidschatten.