Es ist ein Novum in der Geschichte der Berliner Stadtentwicklung: Zum ersten Mal werden dem zuständigen Senator die Bedingungen für die weitere Stadtplanung von den Bürgern vorgegeben. Die Berliner haben mehrheitlich einem Gesetz zugestimmt, dessen Ziel es ist, „die wertvollen Eigenschaften des Tempelhofer Feldes und die darauf beruhenden Funktionen dauerhaft zu erhalten und vor Eingriffen, welche sie gefährden oder verändern können, zu schützen“.

Der Masterplan von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) ist damit seit Sonntag Geschichte. Nachdem die Bürgerinitiative „100 Prozent Tempelhofer“ Feld den Volksentscheid gewonnen hat, steht fest: Die 4700 Wohnungen, die am Rand des Feldes in drei Stadtquartieren geplant waren, werden nicht gebaut. Ebenso wenig wie die Gewerbeflächen für 7000 bis 8000 Arbeitsplätze und das neue Gebäude für die Zentral- und Landesbibliothek.

Zwar wird es nun keine Rand-Bebauung geben, möglich ist aber eine zurückhaltende Gestaltung des Feldes für eine Freizeit- und Sportnutzung. Im sogenannten äußeren Wiesenring, also am Rand des Feldes, dürfen ungedeckte Sportflächen wie Kunstrasenplätze und Hartplätze entstehen. Der Bau von Hallen ist jedoch verboten. Dauerhaft aufgestellt werden dürfen dort Parkbänke, Tische und Abfalleimer. Auch die Errichtung und der Betrieb von sanitären Anlagen in festen Gebäuden ist laut Initiative möglich. Vorhandene Gebäude können und sollen für die Öffentlichkeit genutzt werden. Auch Gemeinschaftsgärten sind gestattet.

Für den zentralen Wiesenbereich, also die große Fläche in der Mitte des Areals, gelten besonders strikte Regeln. Schon fest installierte Parkbänke sind hier verboten, ebenso wie asphaltierte Rad- und Fußwege. Größere schattenspendende Bäume dürfen nur mit Genehmigung gepflanzt werden. Zweck der Beschränkungen: Insbesondere die Wiesenflächen sollen als Kaltluftentstehungszone erhalten werden.

Mit dem Verbot, auf dem Feld Wohnungen zu errichten, reduzieren sich die Baugrundstücke im Landesbesitz, die in der Innenstadt liegen. Die landeseigenen Wohnungsunternehmen, die in Tempelhof bauen wollten, müssen ihre Pläne damit ändern. Das betrifft zunächst vor allem die Degewo und die Stadt und Land, die gemeinsam mit der Baugenossenschaft Ideal 1700 Wohnungen im ersten Stadtquartier am Tempelhofer Damm bauen wollten. Mindestens 50 Prozent der Wohnungen sollten zu reduzierten Mieten zwischen 6 und 8 Euro je Quadratmeter angeboten werden.

Diese Wohnungen, die für Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen gedacht waren, werden nun zwar nicht auf dem Tempelhofer Feld gebaut. Dass bedeutet aber nicht, dass sie gar nicht gebaut werden. Anzunehmen ist, dass die preisgünstigen Wohnungen zumindest zum Teil an anderer Stelle entstehen. Zumindest die Wohnungen, die mithilfe der neuen Wohnungsbauförderung errichtet werden sollten. Mit 64 Millionen Euro will Berlin jährlich den Bau von 1000 Wohnungen zu Mieten zwischen 6 und 7,50 Euro Miete je Quadratmetern bezuschussen.

Nach dem Volksentscheid ist zwar der Neubau auf dem Feld verboten, nicht aber der Bau von geförderten Wohnungen an anderer Stelle. Während also bei einer Entscheidung zugunsten der Randbebauung die Fördergelder nach Tempelhof geflossen wären, dürfen sich nun andere Gebiete freuen.