Das Brandenburger Tor wurde nicht abgerissen. Obwohl es doch dem Verkehr im Wege steht! Ein Wunder. Nicht einmal verschoben wurden die störenden Säulen – irgendwohin in einen Park. Das wäre Berliner Art: Ist ja bloß Geschichte, kann weg. Ein besonders krasser Fall ragt aus der Reihe prominenter Abrisse und Umsetzungen hervor: die Berliner Gerichtslaube. Die Stadtverordneten wussten, was sie taten, als sie am 9. März 1871 der Beseitigung des ältesten weltlichen Steinhauses der Stadt zustimmten.

Oberbürgermeister, Kultusminister, Landeskonservator, Fachleute und Bürger hatten versucht, den Zeugen der Vergangenheit zu retten. Vergeblich. Die Pferdedroschke verlangte freie Bahn. Der Bau des mächtigen Roten Rathauses bedrängte die alte Gerichtsstätte zwar, doch verlangte er nicht nach dem zehn mal zehn Meter großen Stück Boden.

Offen für die Bürgergemeinde

Der Frevel bestand nicht nur darin, ein 600 Jahre altes hochgotisches Gebäude zu tilgen, sondern auch das Wahrzeichen bürgerlicher Selbstständigkeit und Gerichtsbarkeit. Gebaut wurde die Gerichtslaube zwischen 1270 und 1290, als das Gemeinwesen Berlin/Cölln noch ohne dauernde Präsenz eines dominanten Landesherrn seine Ordnung etablierte. Keine Stadt ohne Gerichtsgebäude, wo Schöffen und Ratsmänner verhandeln konnten, wo mit Bürgerrechten ausgestattete Einwohner auf ihre Gemeindevertreter trafen.

Die Gerichtslaube stand neben dem Alten Rathaus an der damaligen Königstraße, ihre Fundamente liegen unter dem Asphalt an der Kreuzung Spandauer/Rathausstraße. Kern des quadratischen Backsteinbaus war eine Halle mit runder Mittelsäule und nach drei Seiten offenen, ebenerdigen Spitzbögen. Die Denkschrift, die Oberbürgermeister Krausnick zur Grundsteinlegung für das neue Rathaus am 11. Juni 1861 herausgeben ließ, teilte den damaligen Bürgervertretern mit: "In dieser Laube wurde das Schöffengericht der Stadt öffentlich gehegt, so dass alles vor derselben versammelte Volk dem Gange des Prozesses folgen und das von den Schöffen gefundene und vom Richter verkündete Urteil wohl vernehmen konnte."

Zu diesem Ort rief das Läuten der Glocke die Bürger, wenn der Rat über wichtige Angelegenheiten der Stadt befragt und über die Verwaltung öffentlich Rechenschaft geleistet wurde - hier wehte der Geist von Transparenz und Mitsprache. Über dem offenen Raum lag ein geschlossener für die Magistratssitzungen, der sogenannte Ratsstuhl. War das ein für die Stadt zu bewahrender Ort?

Die Geschichte reicht sogar noch tiefer zurück: Es ist kein Zufall, dass die eine starke Säule, ausgestattet mit einem figürlichen Kapitell, das Zentrum der Laube bildet: Sie erinnert an die Gerichtslinden (oder andere alte Bäume), wo seit Menschengedenken zur Befriedung der dörflichen und frühstädtischen Gemeinschaft "Dinge" verhandelt wurden - beim Thing.

Das kunsthistorisch besonders wertvolle Relief der Mittelsäule spricht Bände über die Funktion des Ortes. Professor Friedrich Adler, Kunsthistoriker und Baumeister, erkannte 1862 darin, "einen Affen, der einen Baum plündert, zwei Schweine, Eicheln fressend unter einem Eichbaume, einen Raubvogel, der einen Knochen hält, zwei menschenähnliche Vogelgestalten, deren Leiber in Schlangen endigen", dazwischen ein "gegürteter Büschel von rundlich gesäumten Blättern, deren innere Mittelrippen mit kleinen Diamantquadern belegt sind". Adler meinte, dass der Fries dem Volke "diejenigen menschlichen Laster vorführe, über die von den Schöffen entschieden werden sollte wie Völlerei, Raub, Diebstahl, Unzucht".

Delinquenten durften keinen zarten Umgang erwarten: Hier wurde gefoltert, hier standen Pranger und Galgen für diejenigen, über die der Richter den Stab gebrochen hatte.

Einen Versuch, die Abrissfreunde umzustimmen, machte am 26. Mai 1870 der Architekt und Redakteur Karl Emil Otto Fritsch in der Deutschen Bauzeitung. Fritsch, ein Schwiegersohn Theodor Fontanes, führte ethische Motive an, "die Pietät gegen die Reste einer Vorzeit, auf der wir und unsere Kultur fußen - der historische Sinn". Die "zu so mächtiger Entwicklung gekommene Stadt" sollte es sich wert sein, "sich den ältesten Zeugen seiner kommunalen Selbstständigkeit zu bewahren", fand er und ahnte zugleich: "Wenn man über die Frage des Abbruchs der Gerichtslaube ein kleines Plebiszit in Szene setzen wollte, so würde es nicht der geringsten Anstrengung bedürfen, um eine wahrhaft kolossale Majorität für das lauteste und freudigste Ja zu erzielen."

Dass man den Bau zu einer "inoffiziellen öffentlichen Bedürfnisanstalt", einer "Geruchslaube", hatte verkommen lassen, akzeptierte Fritsch als Abrissmotiv nicht, doch machte er voller Einsicht für das Verkehrsproblem den Vorschlag, die Laube einige Meter in das Trottoir der Spandauer Straße hinein zu verschieben. Das hatte man gerade in Boston mit einem siebenstöckigen Hotel gemacht: "Können wir das nicht auch, was die Amerikaner können?"

Obendrein erkannte der Weitsichtige die "Gefahr des schlechten Beispiels". "Sollte alles abgebrochen werden, was der Majorität missfällt, so würde in dem kritischen Berlin kein Stein auf dem anderen bleiben." So ist es gekommen. Ausgerechnet der am 18. Januar 1871 in Versailles zum Kaiser gekrönte Wilhelm I. bewirkte eine Teilrettung des bürgerlichen Erbes: Majestät ließ am 7. März, zwei Tage vor dem finalen Abrissbeschluss, wissen, er wolle "das Gebäude als ein denkwürdiges Wahrzeichen aus der Vorzeit" an einen anderen Ort translozieren und dafür Teile der Gerichtslaube kaufen. Die Stadtverordneten überließen sie ihm als Huldigungsgeschenk.

Per Havelkahn gelangten ausgewählte Bauteile nach Babelsberg. Dort wurden sie als Aussichtspavillon mit Teestube Bestandteil der Parkarchitektur. Immerhin liefert die recht grobe Nachbildung dort heute eine ungefähre Vorstellung von dem ursprünglichen Backsteinbau.

Er blieb nicht die einzige Wiederkehr von Gerichtslaube und Mittelsäule: Wie von Scham über das schmachvolle Geschehen erfasst, bildete der Erbauer des Roten Rathauses, Herrmann Friedrich Waesemann, die Säule samt Kapitell nach. Quasi zur Wiedergutmachung steht sie heute als Stütze des Rathausturms da - in einem flachen achteckigen, banal ausgestatteten Raum des früheren Ratskellers (heute Senatskantine). Wer hier einen Hinweis auf die Besonderheit der Säule erwartet, der sucht vergebens.

Folgen des Phantomschmerzes

Fast 150 Jahre galt "Aus den Augen, aus dem Sinn", dann fand man bei den archäologischen Grabungen für die Verlängerung der U-Bahn-Linie U5 ab Sommer 2010 auch Reste der Gerichtslaube - das gesamte Fundament. Umgehend lebte die Debatte auf. Versuche, die Linienführung der U-Bahn leicht zu verschieben, nur um fünf Grad zu schwenken, schlugen fehl. Das Landesdenkmalamt nahm die Zerstörung hin. Teile der bis dahin wohlverwahrten Grundmauern sind verloren. Die Geschichte wiederholt sich. Immerhin wird man - vielleicht, später, falls es Geld dafür gibt - Teile des Kellers vom Alten Rathaus, vor allem der Tuchhallen mit ihren Gewölben, durch Glasfenster betrachten können. Der Gedanke, die Laube wieder am Originalstandort aufzubauen, findet derzeit keine Mehrheit. Es gilt mal wieder: Mobilität first. Freie Fahrt für Motordroschken.

Doch wer weiß, ob die Laubenlust nicht wieder erwacht - geschehen ist das mehrfach: 1896, 15 Jahre nach dem Abriss des Originals, stand sie in Holz und Gips in der Gewerbeausstellung in Treptow. Kurz darauf stattete man beim Bau des Märkischen Museums (1901 - 1908) einen Saal mit einer Gerichtslaubensäule aus. Und schließlich hielt man beim Bau des Nikolaiviertels eine Gerichtslaube für unverzichtbar - als Gasthaus samt Säule mit modern nachempfundenem Relief. Es sieht so aus, als sei der Phantomschmerz nicht erloschen. Warum sonst sollte man so viel Wieder-Holung brauchen?