Die Gesundheitsämter in Berlin kommen mit der Testung kaum noch nach.
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BerlinAuf Berliner Arztpraxen, Testzentren und Gesundheitsämter kommt deutlich mehr Arbeit zu. Immer mehr Menschen wollen und müssen sich in diesen Tagen auf Covid-19 testen lassen. Grund sind die am Wochenende beginnenden Herbstferien.

Viele wollen verreisen, etwa an die Nordsee oder in den Bayerischen Wald. Dafür benötigen sie einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Diesen verlangen Bundesländer wie Bayern und Schleswig-Holstein für Urlauber, die aus deutschen Corona-Risikogebieten kommen, zu denen bisher fünf Berliner Bezirke zählten: Neben Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg kam zuletzt Charlottenburg-Wilmersdorf mit mehr als 50 Neuinfizierten Menschen pro 100.000 Einwohnern innerhalb einer Woche dazu. Seit Donnerstagabend trifft es alle Berliner: Die Senatsgesundheitsverwaltung teilte mit, dass es in der Hauptstadt 52,8 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen gab. Damit wurde ein wichtiger Warnwert überschritten. Jetzt gilt ganz Berlin bundesweit als Risikogebiet.

Der Ansturm auf Arztpraxen und Testzentren sorgt bereits dafür, dass sich in der Hauptstadt der Druck auf die zwölf Labore und das Landeslabor Berlin-Brandenburg verschärft, die Corona-Tests analysieren. „Die Einrichtungen arbeiten bereits am Limit“, sagte Cornelia Wanke, Geschäftsführerin der Fachgemeinschaft Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM), der Berliner Zeitung. In der ersten Oktoberwoche lagen die Labore bei täglich etwa 8750 Tests. „Damit befinden sie sich im kritischen Bereich. Denn die Obergrenze der Kapazitäten liegt in Berlin bei 9861 Tests pro Tag.“

Das Limit könnte nun schnell erreicht werden, wenn sich auch noch vermehrt Berliner testen ließen, um in den Urlaub fahren zu können, warnt Wanke. „Das belastet die bereits angespannte Situation in den Laboren zusätzlich“, sagt sie. Sie befürchtet, dass dadurch das Testmaterial knapp werden könnte. „In erster Linie sollten bei Tests Menschen mit verdächtigen Symptomen Vorrang haben und nicht die, die in den Ferien verreisen wollen“, sagt Wanke.

Nach Einschätzung des Amtsarztes von Reinickendorf, Patrick Larscheid, dauert es oft mehr als 48 Stunden, bis das Ergebnis eines Corona-Tests vorliegt. „Die Untersuchung kann länger dauern, als es vielen recht ist. Diese 48-Stunden-Regelung, die an manchen Orten gilt, die dürfte schwierig einzuhalten sein“, sagte er am Donnerstag. „Man schafft es einfach nicht, so schnell einen negativen Test zu kriegen, weil das Ergebnis erst nach Ablauf von 48 Stunden zu bekommen ist.“

Manche Labore brauchen drei bis vier Tage

Die Zeitspanne, bis das Testergebnis vorliege, sei in Berlin sehr unterschiedlich, so Larscheid. „Wir arbeiten mit einem Labor des Robert-Koch-Instituts zusammen. Wenn wir Glück haben, ist das Ergebnis am nächsten Tag da. Aber es dauert manchmal ein, zwei Tage länger. Klar ist, dass es auch Labore in Berlin gibt, die drei bis vier Tage brauchen.“

Der Amtsarzt bestätigt, dass derzeit Berliner auch wegen ihrer Ferienreise bei den Gesundheitsämtern anfragen, ob sie sich dort testen lassen könnten. „Natürlich fragen die Leute, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen“, sagt der Amtsarzt. „Doch solche Anrufe halten uns von der eigentlichen Arbeit ab, wir sind nicht glücklich darüber.“ Denn die Gesundheitsämter bieten keine Tests für Urlauber an. „Sie sind nicht diejenigen, die da aus der Patsche helfen können, weil es nicht unsere Aufgabe ist, freiwillige Gesundheitsleistungen anzubieten.“

Die Gesundheitsämter in der Stadt sind aufgrund der steigenden Fallzahlen ohnehin überfordert. Vor allem die Behörde im Berliner Corona-Hotspot Neukölln, in dessen Covid-19-Stabsstelle 125 Beschäftigte arbeiten. In dem Bezirk gibt es nach derzeitigem Stand 95,5 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Bei der Masse der Infektionen käme das Gesundheitsamt mit der Arbeit nicht hinterher. „Die Kontaktverfolgung verzögert sich aktuell im Einzelfall bis zu zwei Tage, was deutlich zu viel ist“, sagt Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) . Kontaktverfolgungen seien hochkomplex, erklärt er. „Allein durch eine einzige Hochzeitsfeier, auf der sich Gäste mit Corona infiziert hatten, sind dadurch jetzt sieben oder acht Schulen betroffen, dazu vier Kitas.“

Es müssten diverse Wohnanschriften ermittelt werden, was sehr viel Zeit in Anspruch nehme. „Wenn ein auf Corona positiv Getesteter im Durchschnitt 20 bis 40 Kontaktpersonen hat, ist das in der Nachverfolgung ein gigantischer Aufwand“, sagt Liecke. „Wir haben außerdem große Schwierigkeiten festzustellen, woher die Infektionen kommen könnten. Da sind wir auf die Betroffenen angewiesen. Doch einige können oder wollen sich an nichts erinnern. Das ist ein echtes Problem.“ Liecke kündigt an, dass das Neuköllner Gesundheitsamt personell aufgestockt werden soll, um vor allem in der Fallermittlung und in der Kontaktnachverfolgung so schnell wie möglich handeln zu können und so eine weitere Ausbreitung von Corona-Fällen zu verhindern.

Freiwillige Testungen bieten Dr. Sebastian Pfeiffer und sein Team vom MVZ-Testzentrum in Mitte an. In einem Zelt außerhalb des Ärztehauses testen sie Patienten – nach der Reihe, in der sie vorher anrufen. „Zu uns kommen in der Regel Personen, die nicht unbedingt eine Symptomatik haben, aber gerne getestet werden wollen“, sagt er. Ohne Termin wäre das nicht mehr zu koordinieren. „Zwei Telefonleitungen laufen von morgens bis abends komplett heiß“, sagt Pfeiffer. Zusätzlich würden viele Leute E-Mails mit Terminanfragen schicken. Zwischen 8 und 11 Uhr hat die Praxis am Donnerstagmorgen rund 50 Patienten getestet. „Wir merken schon extrem, dass sich jetzt noch viele Urlauber testen lassen, damit sie ein negatives Testergebnis vorweisen können“, sagt Pfeiffer. Aktuell könne man das Patientenaufkommen noch bewältigen, jedoch nur „mit einem wahnsinnigen Aufwand“.

Die ab Mitte Oktober einsatzfähigen Antigen-Schnelltests sieht Pfeiffer derweil nicht als Allheilmittel, um die Teststellen zu entlasten. „Es ist ein gutes Tool zur Vorselektion, wenn jemand leichte Symptome verspürt“, sagt er. Um Klarheit zu bekommen, müsse man nach wie vor einen PCR-Test oder einen Antikörper-Test machen. Das Problem sei, dass der Antigentest nach dem Gesetz noch nicht zählt. Erst wenn das der Fall sei, würden diese Tests Sinn machen. Bis dahin wünscht sich Pfeiffer mehr Teststellen zur Entlastung der Situation in Berlin.