Vor 90 Jahren schlossen die Behörden die letzte Badestelle in der Berliner Innenstadt. Die Spree war durch die Einleitungen von Industriebetrieben an ihren Ufern zu schmutzig geworden. Dieses Badeverbot besiegelte auch das Ende der Pfuelschen Flussbadeanstalt, der ersten dieser Einrichtungen in der Stadt. Der preußische General Ernst von Pfuel hatte sie 1817 in der Köpenicker Straße 12 nahe dem Oberbaum gegründet. Die Rekruten wurden hier von Kränen an Gurten zu Wasser gelassen, damit sie das Schwimmen lernten. Manche sollen Todesängste ausgestanden haben, das ist in Pfuels Berichten anschaulich geschildert.

„Ich würde heute bedenkenlos überall in die Berliner Flüsse und Seen hineinspringen“, sagt der Hydrologe Heiko Sieker. Das sind keine leeren Worte, er hat es getan: Am Sonntag ist er wie schon vor einem Jahr mit vielen anderen an einer Stelle in den Fluss gestiegen, die nicht gerade zum Baden einlädt. Der Wissenschaftler, Professor für urbane Hydrologie an der TU, ist beim Flussbad-Pokal mitgeschwommen.

Ehrgeiziges Programm

„Ich würde zwar überall, aber nicht zu jedem Zeitpunkt in die Spree springen“, schränkt Sieker ein. „Nach starken Regenfällen ist von einem Bad dringend abzuraten“, meint der Experte. Er hat gerade eine Studie vorgelegt, die sich genau mit jenem Flussabschnitt befasst, den er schon 2015 durchschwommen hat. An der Museumsinsel soll eine Badestelle entstehen, die Initiatoren hatten Siekers Expertise gesucht. Sein Urteil: Das ist möglich.

Allerdings nicht ganz einfach. Zum einen, weil die Spree nicht sauber in Berlin ankommt: Sie schleppt die Sulfate aus den Braunkohle-Tagebauen und die Reste von Pflanzenschutz- und Düngemitteln aus der Landwirtschaft mit. Doch der größere Teil der Schadstoff-Belastungen stammt vom Abwasser in der Stadt. Und davon gibt es besonders viel nach starken Regenfällen. Die Mengen sind zu groß für die sofortige Reinigung in den Klärwerken der Stadt. Dann laufen die Kanäle über, das Wasser fließt an den technischen Systemen einfach vorbei.

„Das Kanalsystem der Innenstadt bereitet in einer dieser Situationen die größten Probleme. Das haben wir aus dem 19. Jahrhundert geerbt“, sagt Stephan Natz von den Berliner Wasserbetrieben. Innerhalb des S-Bahn-Rings gibt es eine sogenannte „Mischkanalisation“, in der bei einem Überlaufen das Regenwasser, vermischt mit dem Feinstaub, dem Hundekot, all dem anderen Dreck auf den Straßen und den Abwässern aus den Haushalten, einfach so in die Spree gelangt. Das passiert etwa 20 bis 30 Mal im Jahr, schätzt Sieker.

Senat und Wasserbetriebe haben bereits 1998 vereinbart, die Überläufe von Mischwasser um mehr als die Hälfte zu verringern, erläutert Natz. Dafür braucht es Stauräume unter der Erde. Das Programm läuft bis 2020. Insgesamt sollen Kapazitäten für rund 300.000 Kubikmeter Wasser entstehen, drei Viertel davon sind inzwischen fertig. An der Chausseestraße entsteht für rund 40 Millionen Euro ein 17.000 Kubikmeter großes Überlaufbecken. Zusätzliche Zisternen sind nur eine Möglichkeit, die Verunreinigung der Flüsse nach starkem Regen zu mindern, die Erhöhung der Überlaufschwellen und der Einbau neuer Wehre sind andere.

Die Überläufe von Regenwasser werden sich nie gänzlich unterbinden lassen. „Dafür müsste man praktisch die halbe Stadt unterkellern, was unmöglich ist“, sagt Sieker. Was man mit technischen Mitteln auch tue, man werde das Wasser in der Stadt nie vollständig in den Griff bekommen, ist der Experte überzeugt.

Hochwassergefahr an der Panke

Und das verweist auf ein anderes Problem. Starkregen verschmutzt nicht nur die Flüsse, das Überlaufen der Kanäle birgt auch die Gefahr von Hochwasser. Die bestehe wohl nicht an Spree und Havel, meint der Hydrologe Sieker. „Die scheinen ausreichend reguliert, auch schon vor der Stadt.“ Gefährlich könnte es aber an einem Rinnsal werden, wo man es wohl kaum vermutet: an der Panke, die von Bernau kommend in Wedding in den Nordhafen fließt sowie als Südpanke in zwei unterirdischen Röhren kanalisiert wird, bevor sie am Schiffbauerdamm in Mitte in die Spree mündet.

„Wenn sich über dem Einzugsgebiet der Panke eine Gewitterzelle bildet, so stark wie kürzlich in Süddeutschland, dann könnte es auch an der Panke zu Hochwasser kommen“, sagt Sieker. Auch diese Gefahr könne man zwar verringern. „Das ist mit der Renaturierung von Uferflächen auch schon geschehen“, sagt Sieker. Aber ganz ausschließen lässt sich die Katastrohe nie. Deshalb plädiert er für die Schaffung eines Warnsystems. „Wenn das Wasser kommt, hilft nur noch Evakuieren“, sagt er.