Berliner gründen Universität nur für Flüchtlinge

Viele Flüchtlinge in Deutschland würden gerne ihr Studium fortsetzen oder damit beginnen. Ihnen das zu ermöglichen, ist Ziel der Kiron University – einer Uni nur für Flüchtlinge, die zwei junge Berliner ins Leben gerufen haben. Im Oktober startet der erste Jahrgang.

Andrew spricht schon fließend Deutsch. Der 22-jährige Ägypter ist seit 17 Monaten in Berlin, er hat ein Jahr lang einen Sprachkurs absolviert. In Ägypten hat er Journalismus studiert, nun möchte sein Studium gerne fortsetzen.

Doch in Deutschland zu studieren, ist für ihn nicht so einfach. Andrew ist ein Flüchtling. Um hier ein Studium aufzunehmen, muss er seine Identität, ausreichende Deutschkenntnisse, einen Schulabschluss im Herkunftsland und eine vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geprüfte Schutzwürdigkeit nachweisen.

Sein Asylverfahren läuft seit acht Monaten, außerdem hat er nicht alle Unterlagen, die er braucht. Im Internet stieß Andrew bei der Suche nach Weiterbildungsmöglichkeiten auf die Kiron University. Ab Oktober wird er einer von 1 000 Studenten sein, die an der weltweit ersten Universität für Flüchtlinge ihr Studium aufnehmen – ein bildungspolitisches Experiment.

Gegründet wurde die Flüchtlingsuni von Markus Kressler und Vincent Zimmer, zwei Berliner Studenten. Der Name Kiron erinnert an einen Kentauren aus der griechischen Mythologie, der sich für den Weg der Bildung entschieden hat. Die Idee des Projekts ist simpel: Die Studenten absolvieren die ersten zwei Jahre ein Fernstudium online – sie müssen also nicht zur Universität gehen. Dafür brauchen sie zunächst keine Papiere. Sie beginnen mit einem einjährigen Studium Generale, bevor sie sich im zweiten Jahr für eine Fachrichtung entscheiden. Bisher können sie unter anderem Computerwissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Architektur wählen, alle auf Englisch. Alle Kurse werden während dieser ersten zwei Jahre bei internationalen Online-Plattformen belegt und werden von Elite-Universitäten wie Harvard, MIT, Stanford oder Yale zur Verfügung gestellt.

Diese Kurse sind schon online zugänglich, das Besondere an der Kiron University ist aber, dass ihre Partner-Unis, darunter die Universität Heilbronn und die University of Westafrica, die Online-Kurse als Teil des Studiums anrechnen. Die Studierenden können nach den ersten beiden Jahren das dritte Studienjahr an einer der Universitäten absolvieren.

Um das alles zu ermöglichen, haben Kressler und Zimmer zahlreiche Gespräche mit möglichen Partnerunis geführt. Seit etwa einem Jahr laufen die Vorbereitungen. Viele Universitäten hätten sehr positiv auf die Idee der Flüchtlingsuni reagiert, sagen die beiden Initiatoren.

Da die Kiron University staatlich noch nicht anerkannt ist, verleihen die Partner-Universitäten den Studenten den Abschluss. Kressler ist optimistisch, dass viele Flüchtlinge so weit kommen werden. Als er mit Flüchtlingen auf dem Oranienplatz arbeitete, habe er festgestellt, dass viele von ihnen vorher studiert hatten und weiter studieren wollten. „Da gibt es ein Riesenpotenzial, was im Moment einfach verschwendet wird“, sagt der 25-Jährige.

Während sich die 1 000 ersten Studenten auf ihr Studium an der Kiron Universität freuen, sammeln Kressler und sein Team per Crowdfunding Geld. Das Ziel: 1,2 Millionen Euro. „Damit können wir 1 000 Flüchtlingen das dreijährige Studium komplett finanzieren“, sagt Kressler, „und sie sogar mit Laptops und Internetzugang ausstatten.“