Berliner Grüne träumen von Windrädern auf Wolkenkratzern - und im Grunewald

Umweltsenatorin Jarasch ist offen für Windräder auf Hochhäusern und im Landschaftsschutzgebiet. Muss Berlin bei der Windkraft Vorbild werden?

So ähnlich könnten Windräder in Berlin verteilt werden, wenn es nach den Grünen ginge.
So ähnlich könnten Windräder in Berlin verteilt werden, wenn es nach den Grünen ginge.Roshanak Amini für BLZ

Ernsthafte Pläne mit jeder Menge Konfliktpotenzial oder ein politischer Trick in den Zeiten des Klimawandels? Die Ankündigung von Berlins Klimaschutzsenatorin Bettina Jarasch (Grüne), Potenziale für neue Windräder notfalls auch in Wäldern und Landschaftsschutzgebieten in der Stadt zu suchen, sorgt weiter für Aufregung. Umweltverbände reagieren skeptisch, ein Partner aus der rot-grün-roten Koalition sieht darin ein Ablenkungsmanöver vom eigenen Versagen.

Am Dienstag berichtete Jarasch von der ersten Sitzung des neuen Senatsausschusses Klimaschutz. Dieser soll aufzeigen, was Berlin tun muss, um sich tatsächlich im Jahr 2040 „klimaneutrale“ Stadt nennen zu dürfen. Die ambitionierten Schritte stehen fest: Die klimaschädlichen CO2-Emissionen in Berlin sollen bis 2030 um mindestens 70 Prozent, bis 2040 um mindestens 90 Prozent und spätestens bis 2045 um mindestens 95 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken.

Der Weg dahin ist kompliziert. Klar ist immerhin, dass insbesondere in den großen Bereichen Wohnen und Verkehr noch viel mehr CO2 eingespart werden muss. Dazu gehört die energetische Sanierung von Gebäuden und die Umrüstung der Fahrzeugflotte auf Elektroantrieb.

Vor allem der Umbau im Verkehrssektor – nach Jaraschs Worten der einzige, bei dem der CO2-Ausstoß zuletzt sogar noch gestiegen ist – sorgt seit langem für Streit. Auch im Berliner Senat. Während die Grünen den Individualverkehr in der Innenstadt massiv beschneiden wollen, steht vor allem die SPD eher auf der Bremse und pocht auf Alternativen wie einen massiven Ausbau von Bussen und vor allem Bahnen.

Durch ihren Vorstoß für die Windenergie lenkt Senatorin Jarasch die Öffentlichkeit nun auf ein neues Konfliktfeld: die Energiegewinnung. Tatsächlich ist die Windkraft nicht nur in Berlin bisher nicht kaum verbreitet. Das liegt auch an den Abstandsregeln zu Wohnhäusern, die sich die Bundesländer bisher selbst setzen dürfen. Bekannt ist etwa die 10H-Regel in Bayern: Die Höhe des Windrads mal zehn – so viel Abstand muss zu Wohngebäuden sein. Bei einer 200 Meter hohen Anlage sind das 2000 Meter.

Bundeswirtschafts- und -klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) will einen massiven Ausbau der Windkraft im ganzen Land als Beitrag zur Energiewende. Hürden und Hemmnisse sollen abgebaut werden. Zwei Prozent der gesamten Landesfläche soll für die Windkraft genutzt werden können, doch nur Habecks Heimatland Schleswig-Holstein erreicht diesen Wert jetzt schon. Alle anderen liegen darunter. Um dies zu ändern, sollen die Länder nicht mehr eigene Mindestabstände festlegen dürfen. Das aber bringt Ärger vor Ort, wo sich die Menschen über Lärm, Verschattung und tote Vögel beschweren, die von den Rotoren erschlagen werden.

Unter diesem Druck hat sich etwa die rot-schwarz-grüne Koalition in Brandenburg nach langem Ringen kürzlich auf eine 1000-Meter-Abstandsregel geeinigt. Die soll kommen, solange eine solche Landesregel noch möglich ist.

Berlin hat sechs Windräder. Alle stehen am Stadtrand in Pankow

In Berlin weist der Flächennutzungsplan bisher gar keine Areale für Windkraft aus. Tatsächlich ist dieser Energieträger in der Stadt bisher kaum ein Faktor. Nur sechs Windräder produzieren hier Strom. Sie stehen alle in Pankow, ein Standort liegt direkt am Berliner Ring, ein anderer nordöstlich von Malchow an der B2.

Senatorin Jarasch sagte nun, sie wolle herausfinden, wo im Stadtgebiet weitere Windräder errichtet werden könnten. Natürlich wisse sie, dass das benachbarte Flächenland Brandenburg viel größere Potenziale habe als das dicht besiedelte Berlin. Und man werde in Zukunft noch viel mehr Windstrom aus Brandenburg brauchen, so Jarasch. Doch um dort auf offenere Ohren zu stoßen, müsse man eben auch die eigenen Möglichkeiten ausloten. Und dazu gehöre auch die Prüfung, ob sich neben Flächen in Gewerbegebieten, auf Kraftwerksarealen oder an Autobahnen auch solche in Wäldern und Naturschutzgebieten eigneten. „Das schließe ich ausdrücklich nicht aus“, sagte Jarasch und ergänzte, sie wisse, dass es dabei zu „Zielkonflikten“ kommen werde.

Windräder also im Grunewald, auf dem Tempelhofer Feld, auf dem ehemaligen Flugfeld Johannisthal? Dazu muss man wissen, dass jedes Windrad nicht nur wegen seines Rotors, sondern allein mit seinen tonnenschweren Betonfundamenten und seinen asphaltierten Zufahrtswegen und Leitungsbahnen einen großen Eingriff darstellt.

Die AfD kündigt bereits an, die „die Natur vor den selbst ernannten Klimaschützern schützen“ zu wollen. Gleich mehrere Gesetze müssten geändert werden.

Ein Tabu namens Tempelhofer Feld

Wälder sollten unbedingt tabu sein, sagt Tilmann Heuser – das gleiche gelte für das Tempelhofer Feld mit Berlins größter Feldlerchenpopulation. Dennoch sei es richtig, „alle gangbaren Potenziale zu überprüfen“, sagt der Geschäftsführer der Umweltorganisation BUND. Doch man müsse immer schauen, welche Auswirkungen jedes einzelne Windrad habe.

Auch Windkraft ist nicht „per se sauber“

Ganz ähnlich sieht es der Naturschutzbund Deutschland. Auch Windkraft sei nicht per se sauber, heißt es. Für den Fall, dass ernsthaft Standorte im Wald geprüft würden, kündige man jetzt schon Klagen dagegen an.

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung ist Jaraschs Sprecher Jan Thomsen bemüht, die Diskussion herunterzudimmen: „Berlin hat viele Flächen, die Potenziale zu haben scheinen. Jetzt geht es darum, vernünftig zu analysieren und nicht einfach nur etwas zu behaupten“, sagt er. Aber: „Das bedeutet noch keine konkreten Handlungen.“

Das gilt sicher auch für einen Aspekt, der bisher eher am Rande eine Rolle spielte, von Jarasch jedoch thematisiert wurde: Sie wolle herausfinden, ob der Bau von Windrädern auf Dächern nicht vielleicht doch genehmigungsfähig sei, sagte die Senatorin.

Damit spielte sie auf ein Vorhaben der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Howoge an, die an der Frankfurter Allee ein neues Wohnhaus errichten will. Auf dem Dach in 64 Meter Höhe sind vier bis zu 25 Meter hohe Windräder vorgesehen. 80 bis 100 Wohneinheiten könnten mit dem auf diese Weise produzierten Strom ganzjährig versorgt werden, so die Planer der Howoge.

Doch das zuständige Bauamt Lichtenberg will die Installation bisher nicht genehmigen. Unter anderem stünden Schallschutz und Schattenwurf dagegen.

Bei allen Debatten um den Ausbau von Windkraft wissen auch Bettina Jarasch und mit ihr der gesamte Senat, dass in Großstädten die Potenziale für Solarenergie viel größer sind. Nicht umsonst wurde in der vergangenen Wahlperiode das Klima- und Energiewendegesetz nivelliert.

Für öffentliche Gebäude wird eine Solarpflicht eingeführt. Bis Ende 2024 müssen demnach alle „geeigneten Dachflächen“ zur Erzeugung erneuerbarer Energien genutzt werden. Das soll den Energieverbrauch senken. Ausnahmen gibt es nur für Gebäude, auf denen Solaranlagen statisch nicht möglich sind.

Für private Gebäude sieht das ebenfalls voriges Jahr – gegen einigen Protest von Eigentümerverbänden – beschlossene Solargesetz eine Solarpflicht vor. Diese gilt ab dem 1. Januar 2023 für Neubauten sowie Bestandsbauten, sofern bei einer Sanierung „wesentliche Umbauten des Daches“ erfolgen, wie es heißt.

„Der große Quantensprung ist nur in Sachen Solarenergie möglich“

Die Regeln sind also da, und dennoch haben viele in der Stadt den Eindruck, dass es nicht schnell genug geht, dass die Zeit davonrennt.

Dazu gehört auch Nina Lerch, als SPD-Abgeordnete im Abgeordnetenhaus eine Verbündete mit den Grünen um Senatorin Jarasch. „Wir sehen in der Windkraft nicht die nähere Zukunft für Berlins Energiegewinnung“, sagt die klimapolitische Sprecherin ihrer Fraktion auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Der große Quantensprung ist nur in Sachen Solarenergie möglich“, sagt die Politikerin, die vergangenen Herbst zum ersten Mal ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt wurde.

Dieses Potenzial müsse viel stärker und viel schneller genutzt werden. Etwa, indem man bei privaten Hausbesitzern viel mehr dafür werbe. Dazu sei es nötig, den Ausbau von Solaranlagen auf oder an Häusern voranzubringen, so Lerch. Und direkt an Jarasch gerichtet: „Das sind die Hausaufgaben, bevor ich mir andere Baustellen suche.“

„Berlin hat immer weniger Freiflächen, aber Dächer noch und nöcher“

Auch Wirtschafts- und Energiesenator Stephan Schwarz setzt klare Prioritäten. „Berlin hat immer weniger Freiflächen, aber Dächer noch und nöcher“, sagt der parteilose Politiker, der von der SPD in den Senat berufen wurde. Diese Flächen für die Gewinnung von Solarenergie zu nutzen, habe sich der Senat auf die Fahnen geschrieben. „Mindestens 25 Prozent des Berliner Energiebedarfs wollen wir mit Sonnenkraft decken, und wir sehen hier eine starke Entwicklung“, so Schwarz.

Doch selbst in einem Stadtstaat könne auch Windkraft eine Rolle spielen, wenn auch natürlich eine vergleichsweise kleine, so der Senator. Und so sei es längst beschlossene Sache, dass unter Federführung der Wirtschaftsverwaltung das Windpotenzial Berlins systematisch untersucht werde.

Zudem gewinne das Thema grüner Wasserstoff in der Region rapide an Bedeutung. „Letztlich“, so Schwarz, „werden wie ein Mosaik aus verschiedenen Maßnahmen brauchen, um Berlin klimaneutral und unabhängiger in der Energieversorgung zu machen und auch die Transformation unserer Wirtschaft zu unterstützen.“