Im Sommer 2013 begann er, sich umzuhören. Sprach mit Kollegen, die sich mit nord- und osteuropäischer Literatur auskennen, die ihn besonders interessiert und die in Deutschland vergleichsweise wenig bekannt ist. Studierte alte Listen mit Literaturpreisen. Den ersten Fund verdankte er einer befreundeten Lektorin. Sie gab ihm den Roman „Zwei Seelen“, den ein inzwischen verstorbener Kenner der weißrussischen Literatur übersetzt hatte, ohne Auftrag, einfach, weil er das Buch für wichtig hielt. Auf der Liste der Gewinner des Literaturnobelpreises fand er dann für das Jahr 1939 Frans Eemil Sillanpää.

In Deutschland wurde Sillanpää danach trotzdem nicht gelesen, die Preisverleihung im Jahr des Kriegsausbruchs war kaum beachtet worden, außerdem hatte er sich kritisch über Adolf Hitler geäußert. Erst in den Sechzigerjahren gab es hier einen Versuch, „Frommes Elend“ zu verlegen, in einer Übersetzung aus dem Schwedischen, die bald wieder aus den Buchläden verschwand. Als Sebastian Guggolz sie las, wusste er, dass er eine Kostbarkeit gefunden hatte.

Ein Dokument über eine Zeit der Umbrüche, als Finnland sich von der russischen Fremdherrschaft befreien wollte, gleichzeitig ein zeitloses Nachdenken darüber, wie viel Würde und Anstand möglich sind, wenn das Leben so sehr von materieller Not geprägt ist. Sebastian Guggolz kontaktierte Sillanpääs finnischen Verlag, der wiederum die Nachkommen des 1964 verstorbenen Autors, und als die zugestimmt hatten, beauftragte er zwei junge Übersetzerinnen mit der ersten direkten Übertragung ins Deutsche.

Verrückt genug

Als bekannt wurde, dass das Gastland der Buchmesse im nächsten Jahr Finnland sein würde, war Sebastian Guggolz klar, dass das Schicksal ihm zuzwinkerte. Finnland als Ehrengast, das hieß Tische mit finnischer Literatur in den Buchläden, Besprechungen finnischer Literatur in den Zeitungen, Beiträge über finnische Literatur im Fernsehen. Und er war Verleger des einzigen finnischen Literaturnobelpreisträgers. Eigentlich hatte er sich Zeit lassen wollen mit der Verlagsgründung. Die hatte er nun nicht mehr.

Er beantragte einen Existenzgründer-Kredit, mietete ein kleines Ladenbüro in Schöneberg, ließ sich Papierproben liefern, besprach mit einem Grafiker die Gestaltung der Einbände, kümmerte sich um eine Druckerei und um einen Vertrieb. Im März reiste er zur Leipziger Buchmesse und stellte sich Indiebook vor, einer renommierten Verlagsvertretung für unabhängige Verlage. Verlagsvertreter sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Verlag und Buchhandel, zweimal jährlich besuchen sie Buchhandlungen in ganz Deutschland und werben für die Neuerscheinungen. Die drei Frauen waren angetan. „Wenn Sie verrückt genug sind, einen Verlag zu gründen“, sagten sie, „sind wir verrückt genug, Sie zu vertreten.“

Ein kleiner Stapel Sillanpää

An einem Tag im August stand Sebastian Guggolz dann bei Dussmann in der Berliner Friedrichstraße. Er sah suchend über den großen Tisch mit den Neuerscheinungen, dann erschien ein Leuchten auf seinem Gesicht. Da lagen sie. Seine Bücher. Links und rechts Romane von Katja Petrowskaja, Judith Hermann, Saša Stanišic, Autoren, über die man gerade sprach. Dazwischen: ein kleiner Stapel Sillanpää, ein kleiner Stapel Harezki, zwei Tage zuvor offiziell erschienen. Man sah, dass sie zusammengehörten, es war, als würden sie sich gegenseitig Halt geben zwischen all den bekannten Namen. Sebastian Guggolz streckte die Hand aus und strich über die Leineneinbände. Sie waren in der Welt. Er hatte sie ans Licht geholt, zwei Romane, die lange schon da waren und auch wieder nicht, weil ein Buch erst zu leben beginnt, wenn es gelesen wird.

Nach ihrem Besuch bei Dussmann hatte die Vertreterin für Ostdeutschland Sebastian Guggolz angerufen: „Weißt du, was mir heute passiert ist!“ Dussmann hatte zwanzig Exemplare des einen und zehn anderen Buches bestellt. Die größte Buchhandlung Berlins, ein Besuchermagnet. Die anderen Buchhändler wollten im Durchschnitt drei bis fünf Stück pro Buch.