Es gibt kaum ein Gebiet in der Stadt, das im Laufe der Zeit einen solchen Wandel erlebte wie Stralau. Die Friedrichshainer Halbinsel, gelegen auf einer Landzunge zwischen Rummelsburger Bucht und Spree, diente schon vielen Zwecken. Sie war beliebtes Ausflugsziel und Segelrevier, sie war Industriequartier und sie war Experimentierfeld für Stadtplaner. Seit einigen Jahren entwickelt sich die gut einen Quadratkilometer große Halbinsel relativ unbemerkt von allen Debatten über sozialverträgliches Wohnen zum Luxusquartier – in dem Lofts schon mal einige Millionen kosten.

Es gab einmal 20 Ausflugslokale

Berühmt wurde die Halbinsel im 16. Jahrhundert durch den Stralauer Fischzug. Mit diesem Volksfest feierten die Fischer jedes Jahr im August das Anfischen nach der alljährlichen Schonzeit. Auch andere Stadtbewohner zog es bald in Scharen ans Wasser. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts gab es auf Stralau mehr als 20 Ausflugsgaststätten. Heute gibt es dort weder Volksfeste noch Lokale. Auch Wassersport, eine weitere Tradition, findet kaum noch statt. Immerhin galt Stralau im 19. Jahrhundert als Geburtsort des Segelsports in Deutschland, zahlreiche Vereine gründeten sich. Heute gibt es noch eine Bootswerft, die Liegeplätze für Yachten vermietet, sowie vereinzelte Anleger für Anwohner.

Von den Zeiten als Industriestandort künden noch Überreste, wie die Werkstattruine der einstigen Stralauer Glaswerke. Andere Betriebe, die lange leer standen, wurden umgenutzt. So ist der ehemalige Palmölkernspeicher zu Wohnlofts umgebaut worden. Die alte Teppichfabrik, in der lange Zeit wilde Partys gefeiert wurde, ist gerade gekauft worden. Das denkmalgeschützte Ensemble aus Fabrikantenvilla und Remise soll zum Luxuswohnort entwickelt werden, teilt die F&B Asset Holding GmbH mit. Eine weitere ehemalige Industrieruine ist dies bereits: Wo bis 1990 Mitarbeiter des DDR-Kosmetikinstituts Lippenstifte entwickelten, entstand „Spreegold“. So nennt die Streletzki-Gruppe ihren umgebauten Elfgeschosser.

Im Trend: Wohnen am Wasser

„Wohnen am Wasser ist ein absolutes Trendthema und Stralau dabei einer der Vorreiter-Standorte“, sagt Streletzki-Manager Carsten Leckebusch. 116 Eigentumswohnungen gibt es in dem Hochhaus, das neben einem Conciercedienst auch über einen eigenen Fitness- und Wellnessbereich verfügt. Die Käufer, darunter Professoren, Künstler und Berliner Clubbesitzer, lassen sich den Komfort etwas kosten – die Wohnungen in den oberen Etagen gingen für 5 000 bis 7 500 Euro pro Quadratmeter weg. Die Streletzki-Gruppe, in Berlin vor allem durch das Hotel Estrel in Neukölln bekannt, ist längst beim nächsten Stralauer Bauprojekt.

Nur einige hundert Meter vom Spreegold entfernt entstehen bis Ende 2016 etwa 100 Eigentumswohnungen. Sie kosten ab 3 590 Euro aufwärts und sind größtenteils verkauft, wie es heißt. Auch beim Neubauprojekt Heritage Garden eines anderen Investors wird die direkte Wasserlage teuer vermarktet. Hier bietet man eine 166 Quadratmeter große 3-Zimmer-Wohnung für 1.250.000 Euro an.

Was schief ging

Als Wohnort am Wasser wurde Stralau vor knapp 20 Jahren entdeckt. Damals sollte dort im Zuge der Berliner Bewerbung für Olympia 2 000 das Olympische Dorf entstehen. Das mit den Spielen ging bekanntlich schief, gebaut wurde trotzdem. Mitte der 1990er-Jahre gehörte die Halbinsel zum Entwicklungsgebiet Rummelsburger Bucht. Stadtvillen, Townhouses und Reihenhäuser entstanden. Die Grundschule wird inzwischen zum zweiten Mal erweiterte, zwei Kitas gibt es auf der Halbinsel. Mit durchschnittlich 10 Euro pro Quadratmeter sind die Mieten nicht gerade billig – was auch an den Kosten für Tiefgaragen liegen mag. Denn die Planer wollten Stralau zum autoarmen Wohngebiet machen. Parkplätze sparte man sich weitgehend. Die Idee setzte sich aber nicht durch, inzwischen liegt die Pkw-Quote je Einwohner dort höher als im Berliner Durchschnitt.

Wer auf Stralau wohnt, braucht ein Auto: Denn es gibt dort außer einem Bäcker keinerlei Einkaufsmöglichkeit. Das soll sich demnächst ändern, man sei mit Anbietern im Gespräch, sagt Streletzki-Manager Leckebusch.