Berlin - Die teuren Impfzentren sowie die Hoffnung, dass im April noch mehr Serum in Berlin vorhanden ist: Geht es nach der Kassenärztlichen Vereinigung in Berlin (KV) und Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), beginnen die Impfungen gegen das Coronavirus in den Berliner Hausarztpraxen im März oder spätestens im April.

Zurzeit sei alles noch in der Planung, hieß es dazu aus der Senatsgesundheitsverwaltung sowie vonseiten der Kassenärztlichen Vereinigung. Ende der Woche wisse man mehr. Fest steht bereits, dass in Berlin so schnell wie möglich 100 bis 120 Praxen an den Start gehen, die im Frühjahr bei der Impfung den Anfang machen. Ziel ist es, wenn alle Hausarztpraxen in Berlin über den Impfstoff verfügen, bis zu 90.000 Menschen täglich zu impfen, hieß es von der Kassenärztlichen Vereinigung.

Der Impfstoff des Herstellers Astrazeneca eigne sich für die Praxen am besten, weil er einfacher zu lagern sei. Die anderen verfügbaren Impfstoffe müssen bei minus 70 Grad gekühlt werden – in einer normalen Praxis ist das nicht möglich, weil die Technik dafür fehlt.

Für Berlin wäre das Vorgehen eine finanzielle Entlastung. Die Impfzentren verschlingen allein in den ersten fünf Monaten bis zu 200 Millionen Euro. Das Impfen in den Praxen wäre deutlich preiswerter, sagt der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Berlin/Brandenburg, Wolfgang Kreischer. Der Allgemeinmediziner, der selbst eine Praxis in Zehlendorf hat, sagt zur Berliner Zeitung: „Die Impfzentren laufen finanziell aus dem Ruder, sie verschlingen Millionen an Steuergeldern.“ Für viele Patienten sei es außerdem eine Erleichterung, zu einem Arzt ihres Vertrauens zu gehen und nicht quer durch die Stadt fahren zu müssen.

Kreischer: „Wir Ärzte stehen daher bereit, aber wir dürfen, wenn wir das Impfen übernehmen, nicht wie die ,billigen Jakobe‘ abgespeist werden und auf den Kosten sitzen bleiben.“ Er sieht das Impfen als Aufgabe des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Er fügt hinzu: „Wir brauchen in den Praxen das gleiche Honorar wie in den Impfzentren, weil wir ja ebenso Verwaltungskosten haben.“

Trotzdem sei es sinnvoll, den Praxen das Impfen zu überlassen. „Wir Hausärzte tragen jetzt schon die Hauptlast, versorgen neun von zehn Covid-Patienten.“ Es müsse allerdings von der Politik Vorgaben geben, so der Allgemeinmediziner: „Entweder es ist genügend Impfstoff da und wir können jedem das Serum verabreichen, oder wir bekommen eine Priorisierung vorgegeben.“

Der Mediziner Kreischer kritisiert seit Beginn der Pandemie, dass sich gerade die Hausärzte von der Politik im Stich gelassen fühlen – auch weil sie selbst noch nicht das schützende Serum erhalten haben.  

Kassenärztliche Vereinigung macht Druck 

Doch damit könnte es jetzt schneller vorangehen. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin forderte gestern erneut eine bevorzugte und rasche Impfung aller niedergelassenen Ärzte, Therapeuten und des medizinischen Personals in den Praxen gegen das Coronavirus. „Diejenigen, die andere jeden Tag behandeln, medizinisch versorgen und schützen, müssen selbst geschützt sein“, heißt es in einer Erklärung der KV-Vertreterversammlung. Die Haus- und Fachärzte bildeten „den ersten Schutzwall bei der Corona-Bekämpfung“. Bei jedem unmittelbaren Patientenkontakt bestehe für sie und ihre Mitarbeiter die Gefahr einer Ansteckung.

Aktuell hat die KV von der Gesundheitsverwaltung 16.500 Codes erhalten, über die sich bestimmte niedergelassene Ärzte und medizinische Fachangestellte für eine Impfung in einem Impfzentrum anmelden können. Das betrifft etwa Haus-, HNO-, Lungen- oder Augenärzte.

„Damit wird gerade einmal ein Bruchteil der in der ambulanten Versorgung Tätigen geimpft“, kritisierte die Vorsitzende der KV-Vertreterversammlung, Christiane Wessel. „Das ist vor dem Hintergrund, dass die Vertragsarztpraxen die wichtigsten Anlaufstellen während der Pandemie sind und so gut wie alle Arztgruppen täglich unmittelbaren Patientenkontakt haben, nicht akzeptabel.“ Laut KV gibt es in Berlin rund 6800 Arztpraxen mit mindestens einem, oft mehreren Ärzten und zumeist mehreren Angestellten.