Berlin - Helmut Recknagel kommt leichten Schrittes und pünktlich zum Treff. Man sieht sofort: dieser Mann, Jahrgang 1937, war und ist ein Sportler. Noch immer wirkt er durchtrainiert, noch immer verbreitet er Optimismus, gute Laune und Lebenslust. Das Cafe „Sibylle“ in der Karl-Marx-Allee hat er ausgewählt. Nur ein paar Gehminuten entfernt wohnt und lebt der Skisprung-Olympiasieger von 1960 mit seiner Frau Eva-Maria, mit der er bald 55 Jahre verheiratet ist. Recknagel, man sieht es ihm wirklich nicht an, feiert an diesem Montag seinen 80. Geburtstag.

„Sie sind doch Helmut Recknagel?“

Im Cafe „Sibylle“, das seit 1953 existiert und ein Zeitzeuge im denkmalgeschützten Teil der Karl-Marx-Allee ist, bestellt Recknagel Espresso und „kalten Hund“. Einige der Gäste schauen vorsichtig und flüstern. Sie haben offenbar einen der bekanntesten deutschen Skispringer erkannt. Eine Frau fasst sich ein Herz und fragt schüchtern: „Sie sind doch Helmut Recknagel?“ Der springt auf und begrüßt die Fragestellerin herzlich. Recknagel genießt seine Popularität sichtlich, die beinahe seit 60 Jahren anhält.

Vor ein paar Tagen war Helmut Recknagel in seinem Element und hob mal wieder ab in die Luft. Nicht nur für einige Sekunden, wie einst als weltberühmter Skispringer, sondern im Flugzeug. Von Oslo aus, wo er mit Freunden am Holmenkollen – dem Mekka des nordischen Skisports – beim Weltcup weilte, wollte er nach aufregenden Wettkampfbesuchen zurück nach Berlin-Schönefeld. Doch Recknagel bekam die Auswirkungen des Streiks in seiner Heimatstadt Berlin zu spüren. Der Flug wurde verschoben und er landete in Hamburg. Von dort ging es per Bus weiter bis nach Hause.

Sieg vor 80.000 Zuschauern

Doch mit solchen Hindernissen kommt einer wie Recknagel gut zurecht. Das Erlebnis Holmenkollen überwiegt bei Weitem, zum Holmenkollen zieht es ihn immer wieder zurück. „Das ist irgendwie magisch“, sagt er. Diese ungeheure Anziehungskraft hat seinen Ursprung im Jahr 1957. Damals startete der 19-jährige Recknagel aus dem kleinen thüringischen Städtchen Steinbach-Hallenberg noch mit Bommelmütze auf dem Kopf zum ersten Mal auf der gewaltigen Anlage vor den Toren von Oslo. Dort siegte er sensationell vor 80.000 Zuschauern als erster Nicht-Skandinavier seit 1892 auf der Schanze bei den Holmenkollen-Spielen! Dichter Nebel erschwerte damals das Springen, kein Problem für den Heißsporn auf den langen Brettern.

Olympiasieg, Weltmeistertitel und Triumphen

Noch heute sagte er trotz später folgendem Olympiasieg, Weltmeistertiteln und Triumphen bei der Vierschanzentournee: „Das war mein schönster Sieg!“ Im „Hechtstil“, also mit ausgestreckten Armen nach vorn, flog er allen Konkurrenten davon. „Die norwegischen Zeitungsleute waren fassungslos“, erinnert sich Recknagel, ein Deutscher hatte die Dominanz der führenden Skandinavier gebrochen. Komet, Rakete oder Sputnik nannten ihn die Zeitungen und die Kommentatoren in Funk und Fernsehen.

Seit einigen Jahren hängen seine Sieges-Skier von damals im Holmenkollen-Museum, direkt neben denen der norwegischen Springer-Legende Björn Wirkola, der die Vierschanzentournee wie Recknagel dreimal gewann.

Recknagel erinnert sich...

Wenn Helmut Recknagel ins Erzählen kommt, kann man ihn kaum bremsen. Was war sein schönster Sprung? Welche Schanzen lagen ihm besonders, welche nicht? Er erinnert sich an viele Dinge sehr genau, obwohl sie ja lange zurückliegen. Natürlich ist da die Geschichte vom Olympiasieg 1960 in Squaw Valley in den USA. Für die Gesamtdeutsche Mannschaft trug Recknagel die Fahne bei der Eröffnungsfeier ins Stadion.