Berlin - Beim Baden am See, beim Spaziergang an der Krummen Lanke und auf der Spielwiese – mehrfach ist die sechsjährige Tochter von Martin Goldbach (39) aus Zehlendorf schon von Hunden attackiert worden: „Sie wurde bedrängt und umgerissen und hat seitdem Angst vor den Tieren.“

Der Werbefachmann fordert mehr Rücksicht von Hundehaltern in der Stadt. Er möchte, dass die Tierbesitzer und die Nicht-Hundehalter „ein besseres gegenseitiges Verständnis entwickeln“ und sich auf Regeln des Zusammenlebens einigen, die dann auch durchgesetzt werden. Goldbach wird ab dem heutigen Dienstag als einer von 30 ausgewählten Berlinern am sogenannten Bello-Dialog der Hauptstadt im Roten Rathaus teilnehmen.

„Hunde gehören aufs Land“

Einfallen lassen hat sich den Dialog, dessen Name auf das behördeninterne Kürzel für die Berliner Landesleinenverordnung zurückgeht, Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU).Vielleicht, weil er aus der Werbebranche kommt und weiß, dass das Thema Menschen und Hunde Emotionen hervorruft. Immerhin leben etwa 200.000 Hunde in der Stadt, die geschätzt täglich 55 Tonnen Kot produzieren.

Andererseits beklagen Hundehalter, dass es zu wenige Auslaufflächen für die Tiere in Berlin gibt. Tierschützer bemängeln, dass eine sogenannte Rasseliste gefährlicher Hunde unwissenschaftlich sei. Erstmals jedenfalls können durch Heilmanns Initiative die Bürger in Berlin direkt mitreden, ob ein Gesetz verändert wird. Denn das soll die Debatte bringen: Klarheit darüber, wie das Zusammenleben von Hunden und Menschen in der Stadt gestaltet werden soll – und ob das Hundegesetz von 2004 noch den Anforderungen genügt.

Im Internet-Forum, das eigens für den Bello-Dialog eingerichtet wurde, gibt es bisher 547 Einträge – und eigentlich nur Hundehasser oder Hundeliebhaber. Unter dem Namen „Für ein verschärftes Hundegesetz“ schreibt ein Kommentator: „Hunde verschmutzen unsere Gehwege und Straßen mit ihren Hinterlassenschaften und gehören nicht in die Stadt, sondern auf das Land.“

Ein anderer Eintrag lautet: „Es gibt kein Grundrecht auf Hundehaltung!“ Stellad dagegen meint: „Berlin ist die einzige der drei Metropolen London, Paris und Berlin, die so ignorant, hasserfüllt und diskriminierend mit den Tausenden von Mitbürgern und Hundebesitzern umgeht, die ihr Haustier in der Stadt artgerecht halten möchten.“ „Dachsbart“ wiederum mahnt eine sachliche Kommentierung an, denn viele Einträge im Forum sind – je nach Interessenslage – beleidigend, teilweise sogar hasserfüllt.

Gesetzentwurf bis Sommer 2013

Um Sachlichkeit soll es deshalb in der am Dienstag beginnenden dritten Stufe des Bello-Verfahrens – nach Internet-Debatte und Bürgerversammlungen – gehen. Die 30 für die Sondierungsrunde berufenen Bürger sind auch deshalb ausgewählt worden. Wie Goldbach, der nach einem Redebeitrag bei einer Veranstaltung im Rathaus Schöneberg eine Einladung erhielt. „Was da nun auf mich zukommt, weiß ich noch nicht so genau.“

Das Verfahren erklärt Heilmanns Sprecherin Claudia Engfeld: „Es gibt professionelle Moderatoren, die die Diskussion leiten“, sagt sie. Die Stiftung „Zukunft für Berlin“ des früheren CDU-Senators Volker Hassemer organisiert die Sondierungsrunden, bis Weihnachten drei. Unter den Menschen, die dort ihre Vorstellungen einbringen können, seien Interessenvertreter, aber keine direkten Vertreter von Interessengruppen oder Lobbys. „Die Fachleute sollen die Stadtbevölkerung abbilden – und deren widerstreitende Bedürfnisse“, sagt Engfeld.

Es sind Bürger wie Goldbach darunter, die durch freilaufende Hunde die Gesundheit ihrer Kinder bedroht sehen. Es gibt Leute aus Quartiersmanagements und von Mietervereinen, aber auch Naturschützer, Hundehalter und Tierärzte. Auch Senioren, Kommunalpolitiker und die BSR werden dabei sein.

Sie sollen gemeinsam eine von allen Teilnehmern akzeptierte Lösung zur Hundehaltung in Berlin finden, gewissermaßen den Stein der Weisen. Sogenannte Gewährsleute, Promis wie Handwerkskammerpräsident Stephan Schwarz oder Ex-Bildungssenator Jürgen Zöllner, stehen ihnen zur Seite.

Die Bürgervorschläge sollen in einen Gesetzentwurf Eingang finden, der dem Parlament vorgelegt wird. „Unser Ziel ist, ihn vor der Sommerpause 2013 einzubringen“, sagt Engfeld. Doch vielleicht wird es auch kein neues Hundegesetz geben, vielleicht nur ein paar Änderungen im alten: „Das kommt ganz darauf an, was die Fachleute vorschlagen“, sagt Engfeld. Schließlich sei der Bello-Dialog ergebnisoffen.

Das Forum im Internet unter www.berlin.de/hundegesetz-forum.