Der Neuköllner Imam Taha Sabri hat in seiner Moschee an der Flughafenstraße viel zu tun. Mehrere tausend Menschen besuchen sein Gebet jeden Freitag. Die Gläubigen stehen dann bis zu den nächsten Querstraßen, so viele wollen zu ihm. Und trotzdem sieht Sabri seine wichtigste Aufgabe jetzt woanders. „Wir müssen raus aus den Moscheen. Wir müssen in die Schulen, in die Kindergärten, mit den Eltern reden. Nur so können wir für ein besseres Zusammenleben sorgen“, sagt er.

Taha Sabri empfängt am Mittwoch in seiner Moschee, der Neuköllner Begegnungsstätte. Anlass ist der Mobbingfall an einer Grundschule. Eine Zweitklässlerin war von muslimischen Schülern beschimpft und bedroht worden, weil sie nicht an Allah glaubt. Kein Einzelfall. Mobbing aus religiösen Gründen nimmt zu, sagen Islamexperten.

Engagement gegen den IS

Das sieht auch Taha Sabri so. Auch er hat immer wieder mit ähnlichen Fällen zu tun. Nicht nur in Schulen und Jugendgruppen, auch in Kindergärten, würden Kinder sich weigern mit anderen zu spielen, weil sie nicht gläubig seien, weil sie etwa Schweinefleisch essen. „Das ist schrecklich. Das ist ein Fehlverhalten von Kindern“, sagt Sabri. Sie würden ihr Gegenüber in Schubladen wie guter Muslim, böser Ungläubiger sortieren.

Taha Sabri steht einer Moschee mit einem konservativen Ritus vor, sie ist nicht unumstritten. Der Verfassungsschutz wies auf ausländische finanzielle Verflechtungen zur Muslimbruderschaft hin. Sabri engagiert sich jedoch seit vielen Jahren gesellschaftlich, spricht sich öffentlich für die Gleichberechtigung der Geschlechter aus und engagierte sich gegen den IS.

Imame können viel bewirken

Jetzt weist er auf einen Radikalisierungsprozess der Muslime in Deutschland hin. Sabri macht das Internet dafür verantwortlich. Früher seien Audiokassetten von radikalen Predigern in der Bevölkerung kursiert. Später erreichten die radikalen Botschaften muslimische Familien in Deutschland über das Satellitenfernsehen. In beiden Fällen sei über die Botschaften aber in den Familien und im Freundeskreis diskutiert worden, oft kontrovers. Heutzutage kommunizierten die Menschen mit den Radikalen direkt und allein. Kinder transportieren das Ergebnis dann in Kitas und Schulen. Radikal religiös aufgeladen, nennt Sabri diese Kinder. Er hält das für ein globales Problem.

Berliner Imame können etwas positiv für ein besseres Zusammenleben bewirken. So sieht es Taha Sabri. Jeder Imam sei ein Vorbild und er habe wie früher der Pfarrer einer christlichen Gemeinde nicht nur direkten Kontakt zu den Familien, sondern auch großen Einfluss. Der Zentralrat der Muslime, bei dem sich Sabris Moschee engagiert, hatte bereits am Mittwoch vorgeschlagen, Imame in die Schulklassen zu schicken, am besten gemeinsam mit Rabbinern. Sabri hält das für einen sehr guten Vorschlag und für mehr als nur eine symbolische Aktion. „Dieses Bild von einem Imam und einem Rabbiner, die gemeinsam reden und lachen, prägt sich ein. Das Kind sieht, der Imam hat kein Problem mit einem Juden, das Bild schafft mehr, als zu dem Kind zu sagen, was es machen und nicht machen darf“, sagt Sabri.

Ein weiter Weg

Natürlich sei das nur ein kleiner Beitrag zur Verbesserung. Aber er habe auch in seiner Moschee auf diese Weise bereits einiges erreicht. Noch vor zehn Jahren sei er beschimpft worden, weil er Frauen ohne Kopftuch, Rabbiner und Medienvertreter zum Gebet eingeladen hat. Mit der Zeit hätten sich die Gemeindemitglieder daran gewöhnt. Viele würden die Offenheit heute als Vorteil sehen. Sabri nennt das Schmetterlingseffekt. Er ist ein Optimist. Berlin könne eine Vorbildfunktion für die muslimische Welt in Europa übernehmen, wenn der hiesige Islam stärker Einklang stehe mit Anderen.

Der Weg dahin ist weit. Es gibt Vorbehalte auf beiden Seiten, moralische bei muslimischen Familien und solche der Mehrheitsbevölkerung, die sich auf den gesellschaftlichen Konsens bei Themen wie Gleichberechtigung beziehen. Sabri glaubt, der Weg führe über gegenseitige Wertschätzung. Auf diesem Feld hätten beide Seiten noch viel zu tun.