Alles wie geleckt: die Häuser, Straßen, Plätze und Menschen.
Foto: Harmsen

BerlinNeulich war ich mal wieder in Hamburg, aus beruflichen Gründen. Mein innerer Berliner fuhr natürlich mit. Schon bei der Ankunft ließ er ein komisches Brummen ertönen. Immer murmelte er irgendwas: ob bei der Fahrt mit der S-Bahn, im Hotel, in der Hafencity. Irgendwann platzte er dann raus: „Mann, is dit sauber hier! Nischt liecht rum: keen Papier, keen Kaffebecha, keene Bananenschale, keene Kippe, keene Hundescheiße. Uff de Bahnstation kannste den Fußboden ablecken. Is dit übahaupt ’ne Stadt?“

Ich hab dann auch mal genauer hingeschaut. Und tatsächlich. Auch die Menschen waren alle sauber und gut angezogen. In der Bahn saß mir ein Pärchen gegenüber. Er trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Antifaschistische Aktion!“ Aha, buh, ein Alternativer!, dachte ich. Aber er lächelte nett und war so blitzsauber, sein Shirt war so farbenfrisch, als habe er es gerade erst gekauft, vielleicht holt er sich jede Woche ein neues. Sogar der Obdachlose, der durch den Wagen lief, hatte eine saubere Jogginghose an. Es wirkte so, als wollte ein mysophober Regisseur das Leben in Berlin nachstellen, nur eben „in sauber“.

Später erzählte mir eine Hamburger Berufskollegin – selbst staunend –, dass in der Stadt eigentlich alles recht lautlos funktioniere. Baustellen, Umleitungen, Ersatzverkehr – alles werde still und unauffällig organisiert. Wenn eine Rolltreppe kaputt sei, werde sie in zwei Tagen repariert. „Ick gloob dit nich. Die lücht da an!“, blaffte mein innerer Berliner. „Frach doch mal andere Hamburjer. Irjendwo ham die jarantiert ihre Schmuddelecken.“

Abends ging ich in ein Restaurant ganz in der Nähe. Es war ein Grieche. Und es war ganz hübsch. Das Kind der Besitzer, ein Mädchen, wurde an diesem Tag zehn Jahre alt und hatte einen elektronischen Hund geschenkt bekommen, der tippelnd durchs Restaurant lief und bellte. Neben meinem Tisch stand ein Wassernäpfchen, aus dem der Hund trank, um danach alles wieder auszupinkeln. „Keen Wunder, dass dit hier überall so sauber is. Die ham nur noch Hunde mit Batterie und keene echten Straßenköter mehr“, sagte mein innerer Berliner. Das Geburtstagsessen des Mädchens fand dann übrigens nicht im eigenen griechischen Restaurant statt, sondern ein paar Straßen weiter – beim Chinesen!

Zu mir an den Tisch hatte sich ein Mann mit weißem Vollbart gesetzt, dessen Vorfahren auch aus Griechenland stammten. Wir tranken beide Retsina. Er erzählte von seiner bevorstehenden Meniskus-Operation, und dass ihn sein alter Kollege operieren werde. Der weißbärtige Mann hatte lange als Anästhesist in einer Klinik gearbeitet. Er erzählte, dass seine Tochter in Berlin wohne, in Kreuzberg, nicht weit vom Kottbusser Tor. Und einen großen Teil der Zeit verbrachten wir damit, den Namen einer Straße zu suchen, „die da quer zu der einen Straße läuft, die von dem einen Platz abgeht“. Oder so. Moderne Jung-Menschen würden auf ihr Handy gucken. Wir hatten jedoch beide keins mit. Und so rätselten wir und liefen imaginäre Stadtpläne ab. „Toll“, brummte mein innerer Berliner: „Da fährste nach Hamburch, um die janze Zeit nachzudenken, wie ’ne Straße in Berlin heißt.“ Und plötzlich rief der Mann: „Oranienstraße!“

In meinem Hotelzimmer entdeckte ich dann das große Geheimnis der Hamburger Sauberkeit. Morgens – gegen fünf Uhr – wurde ich von einem Brummen geweckt, das immer lauter anschwoll, als wolle sich ein großer Elbe-Dampfer durch die Wand schieben. Ich linste aus dem Fenster und sah eine riesige Kehrmaschine, die durch die Straße fuhr. Na klar, man muss schon ein bisschen was tun, um „jeden Zentimeter Fahrbahn“ stets sauber zu halten, wie es auf der Seite der Stadtreinigung heißt. „Für Hamburg, unsere Perle.“ Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich in meiner Perle Köpenick zum letzten Mal eine große Kehrmaschine gesehen habe. Aber mein innerer Berliner fällte sein mauliges Urteil: „Lieber ’n bisschen Dreck als ’ne jestörte Nachtruhe!“