Der Tathergang: Donnerstagvormittag wurde die Polizei in die Heerstraße im Bezirk Spandau gerufen, weil der 41-jährige Rafik Mohamad Y. Passanten mit einem Messer bedroht haben soll. Er soll ihnen ein Klappmesser (9 cm lange Klinge) an den Hals gehalten haben. Als Polizisten eingriffen, stach er laut Staatsanwaltschaft mit dem Messer einer 44-jährigen Beamtin in den Hals. Daraufhin schoss ihr Kollege vier Mal auf den Mann. Ein Projektil traf ihm in den Ellbogen, ein weiteres die inneren Organe. Ein drittes Projektil traf die Kollegin, die den Ermittlungen zufolge einen Schritt zur Seite gemacht hatte. Sie geriet in die Feuerlinie.

Die Vergangenheit von Rafik Mohamad Y.:Rafik Mohamad Y. kam im Jahr 1996 aus dem Irak nach Deutschland, wo sein Asylantrag anerkannt wurde.

2004 plante er in Berlin zusammen mit zwei Komplizen einen Mordanschlag auf den damaligen Ministerpräsidenten Ijad Allawi, als dieser Deutschland besuchte. Y. gehörte der Terrorgruppe Ansar al Islam an. Die Polizei konnte das Sprengstoffattentat knapp verhindern. Wegen des versuchten Mordanschlags hatte das Oberlandesgericht Stuttgart ihn 2008 zu acht Jahren Haft verurteilt. Im damaligen Prozess pöbelte er die Richterinnen als „Schwein“ und „Neonazi“ an. Die Haft verbüßte Rafik Mohamad Y. zum großen Teil im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim.

Bereits 2013 wurde er entlassen, weil ihm die Untersuchungshaft auf die Haftzeit angerechnet wurde. Weil er wegen des geplanten Attentats im Irak in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, konnte Deutschland ihn nicht abschieben.

Der Wohnort: Nach seiner Haftentlassung lebte der 41-Jährige im Berliner Bezirk Spandau und war arbeitslos. Weil ihn das Bundeskriminalamt weiterhin als "Gefährder" einstufte, stellten ihn die Stuttgarter Richter unter Führungsaufsicht. Das bedeutete: Er musste eine elektronische Fußfessel tragen und sich einmal in der Woche bei der Polizei melden. Und: Er musste sich von islamistischen Kreisen fernhalten.

Rafik Mohamad Y. besuchte regelmäßig eine Moschee in Spandau. In seiner Wohnung fanden Ermittler zahlreiche Briefe und andere Dokumente. Sie werden jetzt ausgewertet, um festzustellen, mit wem er Kontakt hatte. „Wir haben bisher keine Hinweise auf Verbindungen zu Terrorgruppen“, sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Allerdings attestieren die Behörden ihm ein schwer gestörtes Sozialverhalten. Er war hoch aggressiv. Laut Steltner bedrohte er zwei Mal Mitarbeiterinnen der Ausländerbehörde und einen Polizisten. Deshalb wurde er in diesem Jahr wegen Beleidigung und Bedrohung angeklagt. Eine Richterin beim Amtsgericht habe er „auf dschihadistischer Grundlage“ bedroht. Er sagte ihr: „Wir werden euch köpfen“.

Die Fußfessel: Y. war der erste Straftäter, der in der Hauptstadt mit einer elektronischen Fußfessel unterwegs war. Mit diesen Geräten, die über dem Fußknöchel angelegt werden und die stoß- und wasserfest sind, können die Behörden den Standort über GPS lokalisieren. Versucht der Träger es zu zerstören oder zu entfernen, geht bei der Polizei ein Alarm ein. Die Zentrale, die gemeinsame elektronische Überwachungsstelle der Länder (GÜL) befindet sich im hessischen Bad Vilbel, von wo seit 2012 alle von deutschen Gerichten verurteilten Fußfesselträger überwacht werden. Derzeit sind es etwa 80. Bei Alarm informiert die GÜL die örtliche Polizei.

Im vergangenen Jahr legte Y. schon einmal die Fußfessel ab, weshalb die Polizei zu seiner Wohnung alarmiert wurde. Er wollte lediglich testen, wie lange die Polizei zu ihm brauchte, erzählte er den Beamten. Am Donnerstag legte er die Fußfessel wieder ab, was einen Alarm bei der Polizei auslöste. Als die Beamten die Wohnung erreichten, war der Mann allerdings schon weg.

Die Terrorgruppe Ansar al Islam: Ansar al Islam heißt auf deutsch: Helfer des Islam und wurde 2001 im Nordirak durch kurdische Islamisten gegründet. Sie verübte im Irak zahlreiche Bombenanschläge. Derzeit ist sie noch immer im Irak und unter anderem auch in Tunesien aktiv. In Berlin ist die Gruppe seit einigen Jahren nicht mehr präsent. Zeitweise hatte die Gruppe in Deutschland etwa 80 Unterstützer. Der zusammen mit Rafik Mohamad Y. verurteilte Anführer der Terrorzelle, der in München lebende Ata R., der in Stuttgart festgenommen wurde, bekam wegen des Mordkomplotts zehn Jahre und Mazen H. aus Augsburg siebeneinhalb Jahre.

Die Polizistin: Die 44-jährige Polizistin arbeitete wie ihr Kollege auf dem Abschnitt 23 in Spandau. Das projektil aus der Polizeiwaffe hat nach Angaben eines Polizeisprechers bei der Frau keine Organe getroffen. Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut. "Wenn keine Komplikationen auftreten, wird sie in ein paar Tagen entlassen werden können." Innensenator Frank Henkel (CDU) telefonierte am Freitag mit der verletzten Beamtin.